zivilisiert

Keine Gesellschaft wußte je so viel; keine war je so antiintellektuell.
Keine Gesellschaft war je so wohlhabend; keine war je so besessen vom Reichtum.
Keine Gesellschaft war je so differenziert; keine war je so eindimensional.
Keine Gesellschaft glaube je so sehr an die Politik; keine verachtete die Politiker so gründlich.
Keine Gesellschaft war je so zahlreich; keine schätzte das Individuum höher.
Keine Gesellschaft war zivilisierter; keine war vulgärer.
Keine Gesellschaft war satter; keine war gieriger.
Keine Gesellschaft lebte sicherer; keine war ängstlicher.
Keine Gesellschaft war pazifistischer; keine war besser gerüstet.
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Rolf Peter Sieferle, Finis Germania

6. Juni 2017 | Hamburg S-Bahn

Mysteriöse Zwischenfälle am Bahnsteig

Mal wieder hallen Schreie über den Bahnsteig. Die anderen Wartenden reagieren schneller als ich und gucken mit gerunzelter Stirn in meine Richtung, es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass der Radau genau hinter mir stattfindet. Und so drehe auch ich mich um. Zwei Frauen halten eine weitere junge Dame fest, fast im Schwitzkasten, ein sehr seltsames Bild, wie ich finde. Alle drei wirken auf den ersten Blick wie normalerweise ganz zivilisierte Menschen. Bis auf die jetzige Situation eben. Noch seltsamer wird es, als ich ihre Worte verstehe. Hier wird noch auf hohem Niveau gestritten.

„Was machen Sie mit uns?!“, murmelt die eine stämmige Frau, die die sich wehrende junge Frau am einen Ende festhält.

„Lassen Sie mich los!“ Die junge Frau versucht, sich loszureißen. „Sie gefährden meine Existenz!“

Verwirrt runzle auch ich jetzt die Stirn. Das Gerangel lässt etwas nach, die junge Dame kann sich befreien, zappelt aber immer noch nervös hin und her. Die beiden anderen Damen streiten ab, dass es hier um Existenzen geht.

„Sie haben mir meine Handtasche entwendet!“ Entrüstet springt die junge Dame auf ihre beiden ungewollten Begleiterinnen zu, um der einen eine Handtasche aus der Hand zu reißen, schafft es aber nicht. Sie streicht sich die blonden Haare aus dem Gesicht, zieht sich wieder zurück, hüpft von einem Bein auf das andere. In der einen Hand entdecke ich ein Portemonnaie.

Die Falten auf meiner Stirn werden tiefer. Wie ein klassischer Handtaschenraub sieht das Ganze irgendwie nicht aus. Ich betrachte die beiden potenziellen Täterinnen und erkenne ein bekanntes Muster. Ihre Klamotten, ihre bestimmte, aber ansonsten eher ruhige Art. Die zweite von ihnen hat bisher nichts gesagt, sondern anscheinend stille Anweisungen ausgeführt, die Contenance bewahrt.

Die Lage beruhigt sich und wird vom einen zum anderen Moment strukturiert, denn jetzt kommt der formale Teil. Es werden Personalien aufgenommen. Und tatsächlich nennt die nervöse junge Frau bereitwillig und klar und deutlich über den Bahnsteig vernehmbar ihren Namen und ihre Adresse. Und wird mit dem letzten Puzzlestück in meinem Bild schließlich zur eigentlichen Täterin. Eine Fahrkartensünderin also.

In meiner Beobachterneugier befriedigt, drehe ich mich wieder um. Die beiden Fahrkartenkontrolleurinnen scheinen die Situation mittlerweile auch unter Kontrolle und die Flüchtige ihr Schicksal angenommen zu haben.

Ein seltsames Gefühl lässt mich dann doch wieder einen Blick über meine Schulter werfen. Vielleicht die seltsame Stille, vielleicht die seltsame Bewegung aus dem Augenwinkel, die ihr vorausgegangen ist. Und als ich mich umdrehe, stehen dort nur noch die beiden Fahrkartenkontrolleurinnen, die eine steckt ihre Notizen ein und beiden machen sie sich auf den Weg ans andere Ende des Bahnsteigs. Nur, wo ist die junge Dame?

Mal wieder verwirrt lasse ich meine Blicke über den Bahnsteig wandern, doch ich sehe sie nicht. Hat sie es etwa doch noch geschafft und ist in einem unbeobachteten Moment weggerannt? Bei normaler Geschwindigkeit hätte es sie in beide Richtungen nicht so schnell vom Bahnsteig geschafft, da bin ich mir sicher.

„Blöde Kuh“, höre ich die eine Fahrkartenkontrolleurin noch zu ihrer Kollegin flüstern.

28.5.

Nach einem langen Flug über den schwarzen Kontinent landete der Flieger in Kapstadt. Dort galt es nach wenig schlaf das Auto abzuholen. Blinker rechts, Schaltung links, gar nicht so einfach. Dazu noch der totalausstieg des navis , irgendwann war ich im Township. Fand mich aber wieder raus, fand zum Hostel und das muss erst mal reichen für heute. kleiner spaziergang zum “Seb-Blatter-Stadion”, kleine Rassismusdebatte im Hostel (Südafrikaner sind die besten Afrikaner, weil die zivilisierter sind, und Nelson Mandela war ein Terrorist), dann ab ins Hostelbett. Ab morgen schlaf ich im Auto. ;)

Aber ich klage die ganze sich »zivilisiert« nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses »Zivilisieren« nichts anderes als ein »Terrorisieren« ist!
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But I accuse the entire mankind that calls itself »civilized«, that, despite all religions and despite an eight-thousand-year world history, it refuses to accept, that this kind of »civilizing« is nothing else but »terrorizing«!

Karl May (1842 – 1912), German writer