wachsende

Mart Stam. Bauhaus 3-1 1929, 20
ausgangspunkt ist das heutige programm. die reihenfolge der räume, ihre anordnung und ihre größe ergeben sich aus ihrer benutzung. es wurde auf die tatsache rücksicht genommen, daß in der regel jedes lebendige und wachsende geschäft seinen betrieb von zeit zu zeit reorganisieren muß.

Dinge, die AfD-Politiker tatsächlich gesagt haben

Von der NPD unterscheiden wir uns vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützerumfeld, nicht so sehr durch Inhalte - Dubravko Mandic auf Facebook

Ist es nicht so, dass den Anwohnern oder Bewohnern einer Kommune alternativlos – wie immer – eine Einrichtung vor die Nase gesetzt wird, die sie einfach nicht haben wollen und deshalb in Form von zivilem Ungehorsam die geplanten Flüchtlingsunterkünfte einfach abfackeln? - Alfred Bamberger

Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat. - Björn Höcke

Die alten Kräfte, also die Altparteien, aber nicht nur die Altparteien, auch die Gewerkschaften, vor allen Dingen auch die Amtskirchen und die immer schneller wachsende Sozialindustrie, die an dieser perversen Politik auch noch prächtig verdient. Diese alten Kräfte, die ich gerade genannt habe, lösen unser liebes, deutsches Vaterland auf wie ein Stück Seife unter einem lauwarmen Wasserstrahl. Aber wir Patrioten werden diesen Wasserstrahl jetzt zudrehen! Wir werden unser Deutschland Stück für Stück zurückholen! - Björn Höcke

Linksextreme Lumpen sollen und müssen von deutschen Hochschulen verbannt und statt einem Studiumsplatz lieber praktischer Arbeit zugeführt werden. - André Poggenburg

Nehmen sie die linksextreme Bedrohung ernst und beteiligen sie sich an allen möglichen Maßnahmen um diese Wucherung am deutschen Volkskörper entgültig loszuwerden! - André Poggenburg

Wenn die intelligenten mit den dummen (bildungsfernen) Kindern zusammen lernen, nutzen sie ihr Potential nicht. Das Volk verdummt. - Jens Pfeiffer

Ist Ihnen nach der Welle an Straftaten und sexuellen Übergriffen Deutschland nun ‘weltoffen und bunt’ genug, Frau Merkel? - Frauke Petry auf Facebook

Wir brauchen keine Begriffstabuisierung, keine Antidiskriminierungsgesetze und keine politische Strafjustiz. Hinfort damit - und zwar schnell - Björn Höcke

Merkel ist schuld an Attacken des Einwanderer-Mobs auf Frauen in Köln und
anderen deutschen Städten.
- Björn Höcke auf Facebook

Verabschiedungskultur statt CSU-Asylobergrenze - Björn Höcke auf Facebook

Christentum und Judentum stellen einen Antagonismus dar. Darum kann ich mit dem Begriff des christlichjüdischen Abendlandes nichts anfangen. - Björn Höcke

Ich will das auf keinen Fall herunter spielen, aber es ist doch klar, dass ein Gutteil dieser angeblichen Brandanschläge von den Flüchtlingen selbst kommt, meist aus Unkenntnis der Technik. Mal ehrlich, viele von ihnen
dürften es gewohnt sein, in ihren Heimatländern daheim Feuer zu machen
- Armin Paul Hampel

… und wenn ich das sehe, wie ein Afrikaner an der Bushaltestelle von irgendwelchen 'Rechten’ zusammengeschlagen worden ist, sehe ich aber auch den Hintergrund: Ich sehe den Hintergrund, dass möglicherweise durch eine lasche Handhabung mit kriminell agierenden Einwanderern so eine Antistimmung gefördert wird, ja - Matthias Wohlfarth

Ich spreche einem Menschen mit Trisomie 21 die Befähigung ab,
in Deutschland den Hochschulberuf eines Lehrers zu ergreifen, und gebe kund, dass ich als Nichtbehinderter von einem solchen nicht unterrichtet werden möchte.
- Thomas Hartung

Quotenneger - Dubravko Mandic über Barack Obama

Jawort

Ja,
zwei Buchstaben,
ein Wort,
so viele Bedeutungen.

‘Ja’
bedeutet alleine mehr,
als doppelt.

Anders als 'Nein’,
das als 'neinein’ verstärkt verstanden wird,
ist 'Jaja’ eher ein
“Lass’ mir bloß ma Ruh!”

'Ja’
verdreifacht ist Zeichen
wachsender Ungeduld
oder Begeisterung.

Die Faszination von
'Ja’
liegt,
in seiner ursprünglichen Form,
in seiner Kürze und Klarheit
begründet.

'Ja’
ist die Möglichkeit,
sich in kürzester Zeit
eindeutig zu positionieren.

'Ja’
ist ein Wort.

'Ja’
ist DAS
'Jawort’.

Mein Kind, das nie war

Mein Kind wäre derzeit drei Jahre alt. Mein Kind wäre derzeit drei Jahre alt und manchmal kann ich es neben mir sehen.

Wenn ich spazieren bin am Fluss und der leere Horizont mich zu Projektionen gerade herausfordert, sehe ich im Gras, zwischen den gefallenen Blättern, ein laufendes, wachsendes Geschöpf. Wir werfen uns in den gelb-orange-roten Laub, bis wir und mal falsch werfen und uns Schmerzensschokolade holen. Auf den Radwegen fährt es auf einem Second-Hand Disney-Fahrrad, mit kleinen Hilfsrädern, wahrscheinlich schneller, als ich ihm nachkommen kann. Denn das willst du haben, diesen Mut, den ich jeden Frühling auf Spielplätzen in der ganzen Stadt beobachten darf. Draufsetzten und los. Don’t stop me now.

Mein Kind gab es nie. Das Wesen, das in mir wuchs, als ich es abtrieb, hatte kein Gehirn, keinen Herzschlag.

Es ist einige Male passiert, dass ich mit Freund*innen in einem Kreis saß, wo sich allmählich der Raum für Blackouts geöffnet hat. Raum für alle Erinnerungen, die nicht mehr waren. Langsam gingen wir die gesamte Gewalts- und Traumapalette unserer Leben nach, in dem Ton von Kurzgeschichtenerzähler*innen, die sich bemühen, den angelernten Text möglichst präzise weiterzugeben, die Bewegungen und Rührungen nachzuahmen. Denn falls die Performance nicht stimmt, werden wir womöglich als Fakeerzähler*innen entlarvt, dann werden uns unsere Geschichten aus der Hand gerissen, vom Wind weggeweht und wenn wir sie dann nochmal wiederfinden, fühlen sie sich auch für uns fake an. Definitionsmacht war weder die Stärke von konservativen Familien noch von nichtsahnenden Bekanntenkreisen und auch in den Einrichtungen, die uns nahestehen sollten, verschwanden sie allmählich, als sie mich sahen. Geschminkt, aufgeregt, keine Brüste. Kein Opfer.

Meine Abtreibung war kein Blackout, wie es zu ihr kam, schon. Daher fühlte ich mich, besonders zu der Zeit, ein bisschen wie die Jungfrau Maria, denn ich wusste nicht, woher das kommt, ich verstand auch nicht, wie es dazu kommen konnte. Dass ich eine Person bin, die Arme und Beine und ein Bewusstsein besitzt, dem die externe Welt fremd ist, war mit ebenfalls nur sehr beschränkt bewusst.  Mein Körper bewegte sich wie ein Geist durch Gänge und Räume. Schule, Internat, Beratung. Ich saß auf kalten Steinen einer europäischen Hauptstadt und verlor Stunden, die ich nie in Erinnerung bringen konnte. Meine Geschichte mit Dissoziation ist breit und bunt, nie verspürte ich sie jedoch in so einem Ausmaß wie damals, nie war so viel Anpassung nötig, um am Leben, am Funktionieren zu bleiben. Die Stimmen, Lichter, Geräusche und Gerüche der Welt verschwanden im dicken Nebel, aber das Blut in der Dusche, das aus mir kam, viel mehr als eine Menstruationsblutung und viel schmerzvoller, war real. Es fühlte sich nach einem Verlust an. Wenn die Sexualpadägogin, die mich begleitet hat, nach etwas fragte, fing ich meist an zu heulen. Auch, weil sie mich mit meinem Wunschnamen ansprach. Und neben mir saß, auf den hässlichen Plastiksesseln. “(mein männlicher Name)”, würde sie sagen, “brauchst du noch irgendwas?” Ich wusste nicht, was ich wollte. Ich wusste nicht, wer ich war.

Erst viel, viel später kamen andere Narrativen zu meinem Erlebnis. In Artikeln, Büchern, Erzählungen und Gefühlen, die mit solchen Erzählungen einhergingen, wurden mir neue Ideen geliefert - dazu, was eine Abtreibung sein kann. Die Bilder der ruhigen Räume ohne schiefe Blicke, von unterstützendem Umfeld, von Schmerzmedikamenten. Von einer Welt, in der Dinge passierten und Realitäten sich veränderten und alles im Wandel blieb. Narrativen, die ich sammeln konnte und flussabwärts in meinen Erinnerungen verstreuen, wo sie nötig waren.

Nach meiner Abtreibung ging das Leben so weiter, als ob es nie etwas gäbe, in Koma und Erstarrung. An einigen Morgen fing ich an, hysterisch zu weinen, als ich in die Schule musste. An anderen zitterte ich im Bett und konnte nicht aufstehen. Meine Mitbewohnerin ignorierte das, schließlich hatte ich seit Jahren Depressionen. Meine damalige Freundin ertrug es hingegen nicht. Ohne Familie und Freund*innenkreis verlor ich vollkommen den Hang zur Realität. Im nächsten Jahr fingen Leute an, mich mit meinem richtigen Namen zu nennen und es wurde mir ein Stipendiumsaufenthalt auf einer Wiener Privatschule verliehen. Ich zog um und meine Erinnerungen, die an den Gebäuden der alten Stadt klebten, begegneten mir nicht mehr jeden Tag. Keine Person kannte meinen Geburtsnamen, keine Person wusste, wie mein Körper aussah. Das Korsett meiner Dissoziation hat sich gelockert, die Sätze und Schreie kamen wieder auf mich zu.

Ich fing an, mich in der Fluchthilfe zu engagieren. Ich versuchte, die täglichen Herausforderungen der Geflüchteten und der Helfer*innen aufzunehmen, ich sprach mit vielen Menschen, ich sortierte Spenden im Lager, verteilte Kleidung, schnitt Obst, hörte mir unzählige Tages- und Lebensgeschichten an, während wir als Team 2000 Sandwiches in einer Nacht vorbereiteten. Ich hielt Unbekannte in den Armen, erzählte von mir, fand, dass es was zu erzählen gibt und wurde wieder ein Mensch mit Armen, Beinen, Bewusstsein. Es gab da auch Kinder. Sie saßen bei ihren Eltern oder liefen über die Pflastersteine des Bahnhofs. Und dort fing es an. Ich dachte, wäre es vollkommen anders gelaufen, hätte ich ein Kind, würde ich es jetzt aus meinen Armen lassen und es würde seine ersten Schritte über die Pflastersteine machen.

Und ich schimpfte mit mir. Ich sagte zu mir “Du bist krank und wärst nie liebevoll. Du stellst dir dies vor, weil du keine Familie hast. Du kompensierst.”

Am Abend saß ich oft alleine im Schulpark und sah mein Kind zu Bäumen laufen, im Sandkasten wühlen. Ich fragte die Familien mit Kindern am Bahnhof mit regem Interesse, aber ohne ein Wort Arabisch oder Farsi, wie es ihren Kindern geht, was sie jetzt so machen, wie das Leben mit ihnen ist. Ich hielt sie in den Armen und sang ihnen Lieder in vier unterschiedlichen Sprachen (aber nicht in ihrer Muttersprache, nur mit Wörtern, die für sie fremd klangen). Als die Kinderecke im Hinterhof unserer Bahnhofunterführung geöffnet wurde, meldete ich mich unter den Ersten an. Die Bücher zu antiautoritärer Erziehung wurden zur Pflichtlektüre und der Basis meiner Politisierung. Der Rahmen des schulischen Alltags wurde politischer und reflektierter, ich wurde informierter und lauter. Meine Erinnerungen watschelten mir hinterher. Wir wurden zu einem Netz, verwoben und verbunden, die Idee von meinem Kind im Schatten meines Blackouts, der ab und zu anfing, in Flashbacks zu mir zurückzukommen, mein Aktivismus, meine Liebe, was mich definiert und berührt hat. Wie für mich eine Zukunft aussah.

In meiner Zukunft wühlen mein Kind und ich durch den gelb-orange-roten Laub, schreien und lachen gemeinsam, entdecken die Stadt und die Welt. In ihr verwandle ich mich in Weisen, die mir meine Phantasie nicht anbieten kann, da sie sich außerhalb ihres Umfangs befinden, gerate ans Ende meiner Möglichkeiten, aber dann machen wir gemeinsam weiter. Mit anderen Menschen, denn ich bin nicht ganz allein. Mein Kind hat reale Konturen und Gesichtszüge, nicht die lüftige Konsistenz einer an Trauma gebundenen Idee, wächst zu einer wunderbaren, liebevollen, selbstbewussten Person. Und ich bin reflektierter und erwachsener und bereit, ich arbeite mit meiner Depression und meinen Traumata, mit Menschen und Gesellschaftsphänomenen. Ich bin Eltern und noch einiges mehr, lerne Neues dazu, erhalte unsere Wohnung, zahle Strom und Gas und koche Brokkolibrühe. Wir sind eine schrecklich langweilige Familie. Und doch einzigartig.

Was ist das für eine Szene? Alles dreht sich um den nächsten Superstar, den nächsten Vertrag, und die Frage nach dem Allergrößten. Alles dreht sich um die alltäglichen Verfehlungen des nächsten Superstars und das sich anschließende Scheitern, um Größenwahn, um Steuervermeidungsmodelle auf Inseln, die niemand je betreten wird. Alles dreht sich um die neuesten Snapchat-Filter und Instagram-Posts der modernen Helden. Make football great again!


Es gibt nur Sieger und Verlierer. Dazwischen die unendliche Leere eines gewöhnlichen Bundesligaspieltags, der doch wieder nur neue, sich stets reproduzierende Geschichten hervorbringt. Helden und Banditen. Die Helden, die Sieger feiern wir, die Banditen und Verlierer stampfen wir in den Boden. Auf dass sie nie wieder aufstehen. Doch mittlerweile sind wir zu müde, uns überhaupt zu etwas aufzuraffen.


Mit stets wachsender Verachtung blicken wir auf die Glitzerwelt des Fußballs und fragen uns: Was ist das nur für eine Szene? Und warum hängen wir an ihr?


Typen wie Neven Subotic, Mahnmale einer besseren Welt, wirken in ihr verloren. Sie weigern sich beharrlich, Teil der medialen Verwertungskette zu werden. Klar: Typen wie Neven Subotic sitzen in Talkshows, aber sie haben etwas zu erzählen. Wir hören ihnen gerne zu. Wir lassen uns von ihnen einnehmen (vor allem, wenn sie wie Subotic die Meisterschaft mit Fans auf dem Autodach feiern), begeistern, wir kennen ihren Lebensweg. Als Kleinkind vom Balkankrieg nach Deutschland gespült, von dort in die USA, auf einem Bolzplatz entdeckt, die Rückkehr nach Deutschland. Jetzt als Fußballer.


»Ich hatte bisher auch deshalb ein sehr glückliches Leben, weil andere Menschen uns bei der Integration in Deutschland und später in den USA unterstützt haben«, sagt Subotic. »Als ich dann 17 wurde, war ich endlich in der Lage etwas zurückzugeben, nicht zuletzt dank des Privilegs Profifußballer sein zu dürfen.«


Der Mensch Subotic auf der einen Seite, der Fußballer Subotic auf der anderen Seite. Um den war es zuletzt still geworden. Dabei war es der Fußballer Subotic, der den Menschen Subotic als Mahnmal einer besseren Welt in die Öffentlichkeit rückte. Als er 2008 in Dortmund anheuerte, träumte er davon einmal international zu spielen und »ein Spieler wie John Terry zu werden.« Der, so Subotic, könne »immer wieder Akzente setzen« und »seine Mitspieler mitreißen.« Vier Jahre später stand er vor Arjen Robben, verzog sein Gesicht und brüllte den Bayern an. Der hatte gerade einen Elfmeter verschossen. Dortmund war Meister. Subotic war ein Typ wie John Terry, auf der Höhe seiner Karriere. Er war einer der prägenden Spieler der Klopp-Ära. Er war emotional, fannah, kämpferisch. Er gab nie auf. Er grätschte in Wembley einen Ball von der Linie. Danach verschwand er. Ein Kreuzbandriss in Wolfsburg, die harte Reha, noch einmal die Runde unter seinem Mentor Klopp.


Unter Tuchel fand er nicht mehr statt. Seine Eigenschaften waren nicht mehr gefragt. Er wurde ein Europa League-Spieler, immer wieder von kleineren Blessuren zurückgeworfen. Im April eine Thrombose im Arm, ein geplatzter Transfer nach England, eine Rippenoperation.


Sein Comeback im November ist Sinnbild für das komplette Jahr. Die Amas spielten gegen Rödinghausen. Alles ging schief. Motorschaden, die Fußballschuhe eine Nummer zu klein. Aber das alles zählte nicht mehr. Er war jetzt wieder auf dem Platz, in seinem eigenen Disneyland. »Jeder Akt ist einfach geil. Jeder Zweikampf, jeder Pass, jeder lange Lauf.« Einmal breitet er seine Arme aus, und rennt davon. Er jubelte, wie nur er jubelt. Da hatte er gerade das 1:0 erzielt. Die Rote Erde stand Kopf.


Subotic war das »echt« in echte Liebe. Mit dem Weltenbummler verschwindet der letzte Eckpfeiler der großen Meistermannschaft. Aus sportlicher Sicht war er längst eine Altlast. Menschlich wird er fehlen. Es wird dauern, doch die Wunden werden verheilen.


»Ich möchte Euch heute ganz persönlich eine schöne Mitteilung übertragen«, sagte der leidenschaftliche Pulloverträger Subotic in seinem Abschiedsgruß an die Dortmunder Fans. Endlich kann er wieder Fußball spielen. Dortmund, sagt er, werde ihn immer im Herzen behalten, und er Dortmund. Jetzt aber ist er Kölner. Dort können sie sich freuen: Auf den Menschen Subotic und endlich auch wieder auf den Fußballer.

—  11freunde.de

anonymous asked:

Warum glaubst du, ist es wichtig sich selbst zu finden & wie würdest du diesen 'Prozess' erklären?

Wie passend, dass du mir diese Frage stellst, ich hatte da vor einigen Tagen ein Erlebnis.

Ich fange mal von vorn an… Ich hatte nie ein Problem damit, mich selbst zu finden, weil ich schon immer in gutem Kontakt mit mir war, wenn du verstehst.

Irgendwann wurde das aber durch äußere Einflüsse gestört - “Wie willst du mal dein Geld verdienen? Was kannst du? Kann man damit Geld verdienen? Du musst eine Ausbildung machen! Geld! Sicherheit!”

Confusing bullshit; Ich habe also angefangen nicht mehr auf mein Inneres zu hören und habe stattdessen das getan, was vernünftig ist, in dieser Gesellschaft. Es folgte eine leere Zeit die voll war mit Dingen, die mich sowohl physisch als auch psychisch krank gemacht haben. Das mag für manche übertrieben klingen, aber ich habe am eigenen Leib gespürt wo mich das hinführt, wenn ich weiterhin Anzeigen nach Vorlage gestalte und 40Std die Woche in diesem bedrückenden Büro sitze.

YouTube und mein wachsender Kanal haben mich daraus befreit und eine Zeit lang konnte ich mich tatsächlich kreativ ausleben, allerdings gilt auch hier: “Du musst Geld verdienen!” Dieses Geld blockiert einem echt den Kopf, ich musste wieder anfangen darauf zu achten, was ankommt, und irgendwann war ich so tief drin, dass ich erneut gemerkt habe: Das ist es nicht, was ich will - aber was will ich?

Die letzten Monate habe ich vergeblich versucht diverse Projekte voran zu bringen, mit wenig Erfolg, weil ich nie richtig bei der Sache war. Ich habe mich so nutzlos und leer gefühlt, antriebslos und unglücklich. Ich habe irgendwann nichts mehr getan, außer mich abzulenken. Sobald ich allein war, habe ich Serien geschaut, nur um diese Leere in meinem Kopf nicht zu spüren.

Um nun zu dem Erlebnis von vor einigen Tagen zu kommen: Mir wurde plötzlich klar, wie blockiert und ängstlich ich bin, und dass diese Angst von anderen gepflanzt und eigentlich total hinfällig ist. Diese Angst hat dafür gesorgt, dass ich die, die ich wirklich bin, immer tiefer in mir vergraben hab und es fiel mir nichtmal wirklich auf.

Die innere Leere konnte ich nicht mehr vor mir selbst verstecken - “Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Ich habe vergessen, was mich erfüllt.” Und diese Leere war so allumfassend und schmerzend, dass ich natürlich sehr verzweifelt war.

In solchen Momenten hilft es, mit jemandem zu reden. Sich selbst verloren zu haben kann eine verdammt beängstigende Sache sein, es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man auseinander fallen, als sei man nicht viel mehr, als eine Hülle. Wir haben dann auf dem Sofa gelegen und ich bin alles was bis zum heutigen Tag passiert ist nochmal durchgegangen, um besser verstehen zu können… Auf die Frage: “Was begeistert dich wirklich?” antwortete ich wie so oft ohne zu zögern mit: “Kunst” - “Und wieso machst du dann keine Kunst?”

Irgendwie seltsam, aber mich traf das wirklich wie ein Blitz: Das einzige bei dem ich jemals Raum und Zeit vergessen habe, war malen. Malen war das, was ich aufgegeben hatte, weil ich mich immer für nicht gut genug hielt. Ich habe es einfach nicht mehr gemacht, weil ich zu blockiert war, wenn ich auf das weiße Blatt vor mir gestarrt hab. Ich habe an zu erfüllende Erwartungen gedacht und daran, dass mich das nirgendwo hinführt. Sowas macht die Gesellschaft mit einem.

Am nächsten Tag habe ich mir einen Block und einen Stift genommen und einfach gezeichnet, ohne drüber nachzudenken (etwas was ich zuletzt vielleicht vor 10 Jahren getan hatte). Ich wusste nichtmal, dass diese Dinge aus mir raus kommen können, in mir breitete sich so eine Zufriedenheit und Ruhe aus, wie ich sie gar nicht mehr kannte.

Ich habe drei Tage am Stück gezeichnet und werde nun wieder zu Farbe und Leinwand greifen - mir ist egal was daraus wird, ich bin einfach nur erleichtert, dass ich mich ausdrücken kann, dass da doch etwas in mir ist, was raus will.

Den Kontakt zu sich selbst nicht zu verlieren, das ist das wichtige. Durch all den Druck und existentielle Ängste passiert das nur allzu schnell. Ich frage mich, wie viele Menschen das was sie sind mit der gesellschaftlichen Rolle verwechseln, in die sie sich gezwängt haben.

Macht die Augen zu und geht in euch. Wenn da nichts ist, dann habt ihr nur vergessen, was dort war. Jeder ist jemand, lasst euer Inneres nicht verkümmern.

Mindestens 10 bis 15% der Kinder und Jugendlichen leiden an psychischen Störungen: Hyperaktivität, Aggressivität, Leistungsschwäche, Lese-Rechtschreib-Störungen, Verunsicherungen des Gefühlslebens. Depressionen sowie versuchte und erfolgte Selbstmorde werden teilweise mit wachsender Tendenz berichtet
—  Entwicklungsprobleme und Problemverhalten im Jugendalter