vernarrtheit

Die Liebe braucht Arschtritte

Ich lese im Wartezimmer von den Ambivalenzen der Mutterliebe. Dass sie zwar der Idylle der Pamperswerbung und der Forderung von Trotteln widerspricht (die meinen, Mütter dürften aus nichts als Liebe, Aufopferung und Selbstlosigkeit bestehen), aber eben auch real vorhanden ist und einen Zweck erfüllt. Das Pendeln zwischen Frustmomenten und Zärtlichkeit, zwischen blanken Erschöpfungshass und debiler Vernarrtheit dient dazu, dass die Mütter sich anstrengen, um ihr Kind zu verstehen. Das Baby schreit, weil die Mutter sich etwas überlegen und sich ins Zeug legen soll, weil sie sich nicht stundenlang Schoppingseiten mit süßen dänischen Designs angucken, sondern sich Gedanken machen soll, wie sie mit persönlichem Einsatz das Leben ihres Kindes angenehmer gestalten kann. Faulheit ist der Liebe Tod. Das wissen schon Babys. Genau wie eine Partnerschaft nur über Jahre oder Jahrzehnte hinweg aufrechterhalten werden kann, wenn man ab und zu ein paar Beleidigungen einstreut und mit Trennung droht. Wer sich uns zu Füßen legt und keinen Zweifel an seiner Liebe lässt, den können wir unmöglich ernst nehmen und schon gar nicht schätzen. Wert entsteht durch Knappheit. Und so sitze ich da und alles macht plötzlich Sinn. Mutterliebe, Beziehungen, Marktlogik. Und kurz bevor ich ins Behandlungszimmer gerufen werde, fällt mir ein, dass ich mich so mit 16 gefühlt habe, als passe die Welt in eine Nussschale und als hätte ich sie längst durchschaut.