verlegenheit

Die Angst vor dem Fremden

Und in irgendeiner Werbung wird gefragt, ob man jemanden auch doof finden kann, obwohl er im Rollstuhl sitzt und da ist sie gleich wieder: die Verlegenheit angesichts derer, die abweichen, die einen in Unsicherheit darüber stürzen, wie man mit ihnen umgehen soll, ob helfen oder so tun, als wär nichts, ob hingucken oder weg und mir fällt ein, wie ich im Sommer auf der Spielplatz neben dem Kind im Sand hockte und ein Junge mit Down-Syndrom kommt zu uns und will ihre Schippe. Ist schon 6 oder sieben Jahre alt der Junge, will die Schippe aber unbedingt und keine andere, lässt sich auch nicht abbringen, verlangt hartnäckig danach und ich erkläre ihm, dass ich meinem Kind die Schippe nicht wegnehmen werde, weil das dann traurig ist und weint und er stampft mit dem Fuß auf und sagt, DIESE SCHIPPE und ich erklär`s nochmal und biete ihm ein anderes Förmchen an und der Vater sitzt ein bisschen abseits und denkt sich wohl, dass er das lernen muss, gehört zur Abnabelung dazu, dass er nicht überall gleich einspringt, aber ich werde immer unsicherer, denn er bleibt beharrlich und fängt an zu weinen. Und ich überlege, meinem Tochter, deren dicke Babyfinger sich fester um den Stiel wickeln, während sie uns beobachtet, das Ding wegzunehmen, damit Ruhe ist, denn sie ist vermutlich leichter davon abzubringen, aber gleichzeitig denk ich, dass ich beharrlich bleiben muss, wenn ich jetzt einmal nein gesagt hab. Und in diesem verzwickten Moment merke: die Verlegenheit mit dem Fremden kommt, weil man nicht weiß, was dem anderen zuzumuten ist, was man von ihm erwarten kann und was nicht. Wir sprechen ihre Sprache nicht, kennen nicht die Codes, sind völlig hilflos und machen wohlmöglich alles falsch. Es ist eine ähnliche Unsicherheit wie manche Leute Kindern entgegenbringen, die nie Umgang mit welchen haben. Wissen nicht, wie man sie anspricht, was man erwarten kann, welche Fragen stellen, ob überhaupt Fragen zulässig sind, oder nur Grimassen. Schließlich kommt der Vater und tröstet den weinenden Jungen, erklärt ihm alles noch mal und er reißt sich immer wieder los, streckt den Finger aus und verlangt mit Tränen in den Augen: diese Schippe!