verlegenheit

meine Zunge ist wieder schneller. zu schnell. schneller als
ich hetze, aber komme nicht hinterher, nur aus Verlegenheit ins Schwitzen. aus dem Blick einer Drossel sehen sie mich taumeln wie die Käfer der Wasseroberfläche. was tue ich? was
nein. das bin nicht ich, schreie ich, hämmere mit Fäusten gegen die Innenwände dieser Person
Lass das doch sein.

Tintenherz (Inkheart) vocabulary

Kapitel 1: ein Fremder in der Nacht

der Abscheu - horror, disgust

abschütteln - to shake off

abwesend - absent

der Ӓrmel - sleeve

aufpassen - to protect, look after

aufschlagen - to open (a book)

ausführlich - detailed, extensive

auspusten - to blow out

austreiben - to drive out

auswendig - by heart

die Backe - cheek

die Bartstoppeln - stubble

bedrohlich - threatening, menacing

belauschen - to eavesdrop, observe

der Beweis - proof

blass - pale

der Bruchteil - fraction

der Docht - candle wick

eilig - hurried

der Einband - binding, cover

sich einprägen - to impress upon, remember something

einzeln - individual

empfangen - to receive, welcome

entsetzlich - terrible, dreadful

entziffern - to decipher, make out

die Falte - fold

flüstern - to whisper

das Geraune - whisper

das Geräusch - noise, buzz

das Geschirr - crockery

die Gestalt - figure

die Heftigkeit - fierceness, intensity

herablassend - patronising

hervorholen - to produce, fetch

hervorziehen - to pull smth out

kauen - to chew

die Kette - chain, necklace

der Kicher - giggling

die Kiste - box, chest

klappern - to rattle

klebrig - sticky

lauschen - to eavesdrop, listen in

die Leuchte - light

die Lungenentzündung - pneumonia

die Müdigkeit - fatigue, tiredness

pelzig - furry

rascheln - to rustle

die Reglosigkeit - stillness, motionlessness

reiben - to rub

die Schachtel - box

das Schälchen - small bowl

das Schaukelpferd - rocking horse

die Scheibe - window pane

der Scherz - joke

schmal - narrow, thin

der Schritt - footstep

der Seufzer - sigh

spöttisch - mocking

die Spur - track, lead, mark

die Stirn - forehead

die Stirn runzeln - to frown

stolpern - to stumble

sich stoßen - to bump into

der Stümper - bungler, botcher

umblättern - to turn, flip

das Unheil - disaster, harm

jmd verabschieden - to say goodbye

verbergen, verdecken - to hide

verdauen - to digest

verheißungsvoll - auspicious

verlegen - sheepish, uncomfortable

die Verlegenheit - embarrassment

verscheuchen - to scare off

verschlingen - to devour

vertraut - familiar

vorsichtshalber - as a precaution

widerstrebend - reluctantly

das Windlicht - storm light

die Zehe - toe

zerren - to drag

zögern - to hesitate

zurücktreten - to step back

Ein einziger Mensch kann in einem ein Gefühl auslösen, dass einfach unbeschreiblich ist. Man kann es nicht beschreiben, aber man spürt es und es löst in einem unendliche Glücksgefühle aus. Man zittert am ganzen Körper und man bekommt Gänsehaut, aber nicht weil einem kalt ist. Das Lächeln auf den Lippen wird ein Dauerzustand und es ist immer echt. Plötzlich dreht sich die Welt nicht mehr um die Sonne, sondern um eine Person und man vergisst die Zeit. Man verbindet alles mit Demjenigen. Man gerät in Verlegenheit, wenn Derjenige etwas Süßes gesagt hat und man grinst so sehr in sich hinein, dass selbst mitten in der Nacht die Sonne in einem aufgeht. Man verzichtet auf Schlaf, weil die Person einen viel mehr beruhigt und entspannt, als Schlaf und wenn man dann mal schläft, ist diese Person immer noch da. Die Person ist immer da, einfach überall.
—  gratislachen 

Ich weiß, dass sie das lesen wird. Wahrscheinlich oder vielleicht. Irgendwann oder sogar noch heute. Seltsam, über jemanden zu schreiben, der nur wenige Zentimeter entfernt sitzt und auch, dass ich sie jetzt gerne umarmen würde, obwohl ich das nicht so mag. Körperkontakt allgemein. Das ist mir manchmal fast unangenehm und ich weiß gar nicht warum. Oft erwische ich sie heute benommen, mit traurigen Blicken, vertieft in irgendwas, das sie nicht mit mir teilt. Verschwiegen und still sitzt sie da und blickt auf den Bildschirm, sagt kein Wort und ein bisschen spüre ich ihren Schmerz, weiß, was sie fühlt, warum und überhaupt. Fast zwei Monate ist es her, dass sie mich fast an sich riss, ich war vollkommen neu, eingeschüchtert, unsicher. Minuten später habe ich sie in mein Herz geschlossen, unüblich für mich, so brauche ich doch meist Ewigkeiten, um mich an jemanden zu gewöhnen.

Und dann liegen wir um halb vier lachend auf ihrem Sofa, obwohl wir gerade noch durch die kühle Nacht gelaufen sind und es wirklich angenehm war, diese stille Dunkelheit, ich drücke übermüdet die Decke an mich, möchte schlafen, aber nicht verpassen, was womöglich gleich geschehen könnte. Morgens treffen wir uns bei schwarzem Kaffee wieder. Sie steht in der Küche, wirkt so authentisch, so vollkommen im Reinen mit sich selbst, macht mir ständig Komplimente und lacht über meine Verlegenheit, wenn ich dann zur Seite blicke und nichts zu sagen weiß. Wie schön es ist, hier zu sein.

4

Vor der neuen Landeserstaufnahmestelle in der Karlsruher Felsstraße spielen pakistanische Männer Cricket, Kinder aus Gambia und anderen Ländern dieser Erde springen umher und es beginnt langsam zu tröpfeln.

Einen Steinwurf weiter hinten befinden sich auf einem Rasengrundstück weitere Geflüchtete, unter denen einige Frauen ihre Kinder stillen und Familien auf dem Boden sitzen. Schon von weitem erkenne ich eine kleine Familie und laufe schnurstracks auf diese zu.

Drei Kinder hüpfen wild herum, ein kleines liegt schlafend in einem zusammengeklappte und kaputtem Kinderwagen. Rana, eine kleine Frau mit Kopftuch und Kind auf dem Arm reagiert etwas schüchtern auf meine Anwesenheit und so spreche ich Ahmad, den Vater an.

Meine Frage nach der Herkunft wird sofort beantwortet. „From Syria!“ Weil ich kein Arabisch spreche, händigt mir der Vater den Heimausweis aus, ein DIN A4-Blatt mit allen Angaben über die Familie.

Noch vor dem Namen, der syrischen Heimat und der Gültigkeitsdauer des Ausweises steht folgender Satz:

„Aufnahme eines Studiums oder einer sonstigen Berufsausbildung sowie Erwerbstätigkeit nicht gestattet. Der Aufenthalt ist bis zu einer Entscheidung auf den Bezirk der zuständigen Aufnahmeeinrichtung beschränkt.“

Beschränkt. Nicht gestattet. Aufenthalt. Diese Sätze verraten in erster Linie, was verboten ist. Sie sprechen für sich selbst und die trockene Bürokratie des Landes. 

Nachdem die Kinder neugierig auf meine Kamera starren und gerne selbst ein Foto machen wollen, ist Ahmad aufgestanden und versucht mir, etwas mitzuteilen. Mit wenigen Brocken Englisch verrät er, dass das Zimmer, auf dem die Familie mit ihren insgesamt 6 Kindern lebt, beengend ist. Gemeinsam mit vielen anderen Geflüchteten müsste die Familie Kopf an Kopf übernachten.

Je mehr mir Ahmad erzählt, umso deutlich wird, dass Kinder und Eltern angespannt sind und dass ein „Aufenthalt“ in der Unterkunft nicht auszuhalten ist. So sitzen sie lieber unter freiem Himmel. 

Meine eigenen Erfahrungen in Aufnahmeeinrichtungen lassen mich nicht lange daran zweifeln. Da die Sprachbarriere zu groß ist und ich diese Familie nicht in Verlegenheit bringen möchte, verabschiede ich mich schnell - und vielleicht auch etwas verfrüht.

Denn: Es ist mir selbst unangenehm. Nein, ich bin nicht verantwortlich für die Unterkunft dieser Menschen, doch als Deutscher schäme ich mich für diese Umstände, die ich viel zu oft mit eigenen Augen gesehen habe. Es ist in meinen Augen ein Unding, dass Geflüchtete in solch großen Massen aufeinandergezwängt in beengenden Zimmern wohnen müssen und somit Spannungen und Streß vorprogrammiert sind. 

Mein lieber Ahmad, liebe Rana, liebe Kinder. Wie sehr ich Euch doch wünsche, eine gute Bleibe zu finden, in der Ihr Euch wohl und nicht erdrückt fühlt. Eure Situation ist die von (zu) vielen Kindern, Freundinnen, Vätern und schwangeren Müttern. Seid stark und mutig. Es ist gut, dass Ihr bei uns seid. Friede mit Euch.