unmittelbarkeit

Erkenntnis muss auch verfehlt werden können; träfe der Name die Sache irgendwie unmittelbar angemessen, würde die Rede von ‘Erkenntnis’ sinnlos.

Adorno formuliert ein Dilemma: Zu sagen, was etwas ist, heißt, es unter seinen Begriff bringen; zu sagen, unter welchen Begriff etwas fällt, heißt aber nicht, es selbst ansprechen, sondern nur eine Instanz seines Begriffs. Diese Spannung betrifft nicht nur singuläre Urteile - sie betrifft die Idee der sinnvollen Thematisierung überhaupt, die Idee einer Verbindung von Sprache und Welt. Deshalb ringt Philosophie buchstäblich um Worte: Sie sucht nach einer Formulierung, in der diese Spannung nicht einfach aporetisch artikuliert ist.

—  Müller, Jan (2012): Begriffliches Sprechen. Zur sprachphilosophischen Grundkonstellation der frühen Kritischen Theorie. In: Malte Völk et al. (Hrsg.): “Wenn die Stunde es zuläßt.” Zur Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie. S. 177. Münster: Westfälisches Dampfboot.
Wenn man dagegen das Denken der Unmittelbarkeit als ein genuin modernes auffaßt und nicht nur als eines, das in der Moderne vorkommt, dann stellt sich die Frage, ob es nicht doch Zusammenhänge zwischen diesem und dem Denken der Vermittlung gibt, ja geben muß. Ich sehe mindestens zwei solcher Berührungspunkte.
Der Angelpunkt beider Denkformen ist der Tod, genauer: das Aushalten des Todes. Beide lassen sich auf den schon zitierten Satz Hegels zurückführen: “Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerissenheit sich selbst findet” (HW 3, S. 36). Während das Denken der Vermittlung den Tod im Satz Hegels als Metapher für das negierende Tun des Verstandes liest und damit die Beziehung des Subjekts zur Natur bestimmt, deutet das Denken der Unmittelbarkeit ihn als das dem einzelnen bevorstehende Ereignis, in dem für diesen die Welt und der Sinn verschwinden. Das knechtische Denken macht aus dem Tod die Negativität welterschließenden Tuns, das des Herrn nimmt ihn als absolute Grenze. Aber beide denken ihre Beziehung zur Welt vom Tod her, nicht vom Leben.
Beide Denkformen stimmen darin überein, daß sie in einem sehr weiten Sinn Subjektphilosophien sind, gerade auch, wenn sie das Verschwinden des Subjekts zu denken versuchen. Freilich, im Denken der Vermittlung ist das Ich als allgemeines Prinzip gefaßt (transzendentales Ich), im Denken der Unmittelbarkeit dagegen als dieses besondere (die Verzweiflung, die Angst, der ennui sind immer die des einzelnen). Der substantielle Gehalt der Einheit der Moderne ist die Entzweiung. Jeder ist zugleich dieser besondere und kann dies nur sein, insofern er teilhat am Allgemeinen (andernfalls wäre er wahnsinnig). Der Riß ist nicht zu schließen, da er die Moderne bestimmt. In Krisenzeiten kehrt das Ich sich ab von der Allgemeinheit, die es als besonderes ermöglicht. Aber noch in der Radikalität, mit der es Unmittelbarkeit für sich in Anspruch nimmt, zeugt es indirekt von der Geltung der Vermittlung. Die Versöhnung der Gegensätze, die die idealistische Philosophie entworfen hat, war immer nur eine im Begriff, die die unversöhnte Wirklichkeit neben sich stehen hatte. Die reale Versöhnung, der Sozialismus, mißlang. Denn Versöhnung läßt sich nicht erpressen. Es bleibt nur die Einsicht in die doppelte Wahrheit: das Aushalten der Entzweiung.
—  Peter Bürger: Ursprung des postmodernen Denkens, 2000: 167f.
Bresson.004

»Nicht die Seele eines Ausführenden haben. Für jede Aufnahme einen zusätzlichen Reiz finden zu dem, was ich mir vorgestellt hatte. Unmittelbare Erfindung (Neuentdeckung).«

Wie Bertold Brecht schon sagte: Wer a sagt, muss nicht b sagen. Mir ist es im Leben noch nie gelungen, einen hingekritzelten Text unverändert ins Reine zu schreiben. Dazu bin ich viel zu kreativ. Während der Ausführung kommt mir Neues und Anderes in den Sinn. Bresson hatte wohl dieselbe Kraft in sich, so dass er seinen oder fremden Drehbüchern nicht bedingungslos folgte.

Die Philosophie bildet einen Kreis; sie hat ein Erstes, Unmittelbares, da sie überhaupt anfangen muß, ein nicht Erwiesenes, das kein Resultat ist. Aber womit die Philosophie anfängt, ist unmittelbar relativ, indem es an einem andern Endpunkt als Resultat erscheinen muß. Sie ist eine Folge, die nicht in der Luft hängt, nicht ein unmittelbar Anfangendes, sondern sie ist sich rundend.
—  Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1970): Grundlinien der Philosophie des Rechts. In ders.: Werke 7. S. 30f. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

"Es gab aber noch einen anderen Grund für die hohe Attraktivität der Malerei um 1980. Diesen hatte sie durchaus mit Punk-Rock gemeinsam. Dessen Vereinfachungen und die Rückkehr zur Malerei sollten nämlich in beiden Bereichen ein ganz bestimmtes Bedürfnis befriedigen, die Sehnsucht nach einem nichtmedialen Medium, nach einem Nullmedium. Es gab um 1980 den Wunsch, aus der Diskussion der Medialität herauszutreten und über eine Art Metaphysik des Klartextes so was wie das Kunstwerk selbst in den Griff zu bekommen. So wie Anarchismus eine Werteordnung darstellte, die gleichzeitig als die Ablehnung aller Werte verstanden werden konnte, mussten Medien und künstlerische Mittel her, die eigentlich das nicht mehr waren oder zeigten. Man hatte sozusagen beide Mediendiskurse satt: den modernistischen High-Art-Diskurs, der künstlerische Integrität von einer medienspezifisch angemessenen Kunst abhängig machte, und den postmodernen medienbegeisterten, der von neuen Medien neue Verhältnisse erhoffte. Malerei sollte kein Genre oder Medium sein, mit dem man sich so besonders gut ausdrücken kann. Malerei war belastet und beschmutzt und jenseits aller Diskussion. Gleichzeitig galt sie als die naheliegendste Ausdrucksform, stand gewissermaßen für Kunst an sich. Daher war sie so immens gut geeignet für eine Kunst, die sich als Generalangriff auf die ganze Kunst verstand. Aber natürlich wollte sie nicht zurück zu heilen oder verfügbaren Traditionen, sondern hoffte maximale Inhaltlichkeit und maximalen Klartext zu erzwingen. Das war natürlich eine naive Hoffnung mit allerdings dynamischen Effekten."

Diedrich Diederichsen - Eigenblutdoping. Selbstverwertung, Künstlerromantik, Partizipation. Kipenheuer & Witsch, 2009, S. 165f.

daraus hatte ich auch mal das hier

kunstwissenschaft XXXXXXXVII

Richterwechsel – und der Grundsatz der Unmittelbarkeit der Beweisaufnahme

Richterwechsel – und der Grundsatz der Unmittelbarkeit der Beweisaufnahme

Ein Richterwechsel nach einer Beweisaufnahme erfordert jedoch nicht grundsätzlich deren Wiederholung. So können frühere Zeugenaussagen im Wege des Urkundenbeweises durch Auswertung des Vernehmungsprotokolls verwertet werden. Das Gericht darf dann bei der Beweiswürdigung allerdings nur das berücksichtigen, was auf der Wahrnehmung aller an der Entscheidung beteiligten Richter beruht oder…

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Es wunderte mich immer wieder, wie Ferber gegen Ende eines Arbeitstages aus den wenigen der Vernichtung entgangenen Linien und Schatten ein Bildnis von großer Unmittelbarkeit zusammenbrachte, und noch weitaus mehr wunderte mich, daß er dieses Bildnis unfehlbar am darauffolgenden Morgen, sobald nur das Modell seinen Platz eingenommen und er einen ersten Blick auf es geworfen hatte, wieder auslöschte, um aus dem durch die fortgesetzten Zerstörungen bereits stark beeinträchtigten Hintergrund von neuem die für ihn, wie er sagte, letztlich unbegreiflichen Gesichtszüge und Augen seines von diesem Arbeitsprozeß oft nicht wenig in Mitleidenschaft gezogenen Gegenübers herauszugraben.

W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 217f

Das Gedicht wird – unter welchen Bedingungen! – zum Gedicht eines – immer noch – Wahrnehmenden, dem Erscheinenden Zugewandten, dieses Erscheinende Befragenden und Ansprechenden; es wird Gespräch – oft ist es verzweifeltes Gespräch. Erst im Raum dieses Gesprächs konstituiert sich das Angesprochene, versammelt es sich um das es ansprechende und nennende Ich. Aber in diese Gegenwart bringt das Angesprochene und durch Nennung gleichsam zum Du Gewordene auch sein Anderssein mit. Noch im Hier und Jetzt des Gedichts – das Gedicht selbst hat ja immer nur diese eine, einmalige, punktuelle Gegenwart –, noch in dieser Unmittelbarkeit und Nähe läßt es das ihm, dem Anderen, Eigenste mitsprechen: dessen Zeit. Wir sind, wenn wir so mit den Dingen sprechen, immer auch bei der Frage nach ihrem Woher und Wohin: bei einer ‚offen bleibenden‘, ‚zu keinem Ende kommenden‘, ins Offene und Leere und Freie weisenden Frage – wir sind weit draußen. Das Gedicht sucht, glaube ich, auch diesen Ort.

Das Gedicht?
Das Gedicht mit seinen Bildern und Tropen?

(…)

Ich spreche ja von dem Gedicht, das es nicht gibt!
Das absolute Gedicht - nein, das gibt es gewiß nicht, das kann es nicht geben!
Aber es gibt wohl, mit jedem wirklichen Gedicht, es gibt, mit dem anspruchslosesten Gedicht, diese unabweisbare Frage, diesen unerhörten Anspruch.

Und was wären dann die Bilder?
Das einmal, das immer wieder einmal und nur jetzt und nur hier Wahrgenommene und Wahrzunehmende. Und das Gedicht wäre somit der Ort, wo alle Tropen und Metaphern ad absurdum geführt werden wollen.

Toposforschung?
Gewiß! Aber im Lichte des zu Erforschenden: im Lichte der U -topie.
Und der Mensch? Und die Kreatur?
In diesem Licht.

—  Celan, Paul (2000): Der Meridian. Rede anläßlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises, Darmstadt, am 22. Oktober 1960. In ders.: Gesammelte Werke in sieben Bänden. Dritter Band: Gedichte III, Prosa, Reden. Herausgegeben von Beda Allemann und Stefan Reichert unter Mitwirkung von Rolf Bücher. S. 198f. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Gewiß, das Gedicht – das Gedicht heute – zeigt, und das hat, glaube ich, denn doch nur mittelbar mit den – nicht zu unterschätzenden – Schwierigkeiten der Wortwahl, dem rapideren Gefälle der Syntax oder dem wacheren Sinn für die Ellipse zu tun, – das Gedicht zeigt, das ist unverkennbar, eine starke Neigung zum Verstummen. Es behauptet sich – erlauben Sie mir, nach so vielen extremen Formulierungen, nun auch diese –, das Gedicht behauptet sich am Rande seiner selbst; es ruft und holt sich, um bestehen zu können, unausgesetzt aus seinem Schon-nicht-mehr in sein Immer-noch zurück.

Dieses Immer-noch kann doch wohl nur ein Sprechen sein. Also nicht Sprache schlechthin und vermutlich auch nicht erst vom Wort her ‘Entsprechung’.

Sondern aktualisierte Sprache, freigesetzt unter dem Zeichen einer zwar radikalen, aber gleichzeitig auch der ihr von der Sprache gezogenen Grenzen, der ihr von der Sprache erschlossenen Möglichkeiten eingedenk bleibenden Individuation.

Dieses Immer-noch des Gedichts kann ja wohl nur in dem Gedicht dessen zu finden sein, der nicht vergißt, daß er unter dem Neigungswinkel seines Daseins, dem Neigungswinkel seiner Kreatürlichkeit spricht.

Dann wäre das Gedicht – deutlicher noch als bisher – gestaltgewordene Sprache eines Einzelnen,– und seinem innersten Wesen nach Gegenwart und Präsenz.

Das Gedicht ist einsam. Es ist einsam und unterwegs. Wer es schreibt, bleibt ihm mitgegeben. Aber steht das Gedicht nicht gerade dadurch, also schon hier, in der Begegnung – im Geheimnis der Begegnung?

—  Celan, Paul (2000): Der Meridian. Rede anläßlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises, Darmstadt, am 22. Oktober 1960. In ders.: Gesammelte Werke in sieben Bänden. Dritter Band: Gedichte III, Prosa, Reden. Herausgegeben von Beda Allemann und Stefan Reichert unter Mitwirkung von Rolf Bücher. S. 197f. Frankfurt am Main: Suhrkamp.