tannenzweige

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Sie freute sich so wie jedes Jahr auf Weinachten und in diesem Punkt hatte Marie einen regelrechten Fimmel. Gleich nach dem Totensonntag schmückte sie alles weihnachtlich, damit sie den ersten Advent richtig feiern konnten. Überall in der Wohnung standen Kerzen, Weihnachtsmänner, Schneemänner und Engelchen. Mit weißer Deckfarbe aus Roberts Malkasten malte Marie Schneekristalle an die Fensterscheiben, stellte Tannenzweige in alle Vasen und hängte goldenen Zapfen und Strohsterne daran. Besonders stolz war sie auf die kleine Pyramide aus dem Erzgebirge, die jeden Morgen den Frühstückstisch zierte. Dazu legte sie schon am Morgen Kassetten mit Weihnachtsliedern ein.

Werner kannte diese Art nicht, Weihnachten so intensiv zu zelebrieren. Er konnte zwar romantisch sein, aber das fand er dann doch etwas übertrieben. Doch wenn er die Freude sah, die Marie und Robert in der Vorweihnachtszeit hatten, entschädigte ihn das für den Stress, daß er selbst im Flur keine weihnachtsfreie Stelle mehr fand, auf der er seine Handschuhe ablegen konnte.

Fast täglich sprachen sie über Pavel und Mischa, die sie wohl nicht zu Gesicht bekommen würden. Aber auch an Sven mussten sie denken, je näher das Weihnachtsfest kam. Er lebte allein in seiner winzigen Einraum-Wohnung und hatte keine weiteren Bezugspersonen, seit Birgit das Land verlassen hatte.

Den Kontakt zu seiner Großmutter, zu seiner Mutter und zu den Geschwistern hatte er ohne weitere Begründung abgebrochen. Werner und Marie telefonierten zwar öfter mit ihm, seit die beiden „Kleinen“, wie Sven seine Halbbrüder meist scherzhaft nannte, bei ihrer Mutter lebten. Er wollte sie aber nicht mal besuchen. Werner und Marie glaubten, dass er Birgit seit ihrem abrupten Weggang aus tiefstem Herzen verachtete. Er wolle mit ihr nichts mehr zu tun haben, sagte er.

Aber sollte er wirklich ganz allein in seinem kleinen Zimmer das Weihnachtsfest verbringen? Vorsichtig fragte Marie, ob er denn nicht am 24. Dezember zu ihnen zum Essen kommen wolle - und Sven sagte schließlich zu.