schriftstellerei

“Ja; - wer soll denn lesen, was ich in diese Hefte schreibe! Und doch, glaube ich, gibt es kein Schreiben ohne die Vorstellung, dass jemand es lese, und wäre dieser Jemand nur der Schreiber selbst. Dann frage ich mich auch: Kann man schreiben, ohne eine Rolle zu spielen? Man will sich selbst ein Fremder sein. Nicht in der Rolle, wohl aber in der unbewussten Entscheidung, welche Art von Rolle ich mir zuschreibe, liegt meine Wirklichkeit. Zuweilen habe ich das Gefühl, man gehe aus dem Geschriebenen hervor wie eine Schlange aus ihrer Haut. Das ist es; man kann sich nicht niederschreiben, man kann sich nur häuten. Aber wen soll diese tote Haut noch interessieren! Die immer wieder mal auftauchende Frage, ob denn der Leser jemals etwas anderes zu lesen vermöge als sich selbst, erübrigt sich: Schreiben ist nicht Kommunikation mit Lesern, auch nicht Kommunikation mit sich selbst, sondern Kommunikation mit dem Unaussprechlichen. Je genauer man sich auszusprechen vermöchte, um so reiner erschiene das Unaussprechliche, das heißt die Wirklichkeit, die den Schreiber bedrängt und bewegt. Wir haben die Sprache, um stumm zu werden. Wer schweigt, ist nicht stumm. Wer schweigt, hat nicht einemal eine Ahnung, wer er nicht ist.“

- Max Frisch: Stiller

angehender Schriftsteller

Da er nicht so schnell schreiben konnte, wie er wollte, um all seine Einfälle festzuhalten, verzichtete er fortan auf das Notizbuch und nutzte stattdessen die Diktierfunktion seines Handys. Er redete darauf los, sprang von einer Idee zur nächsten, skizzierte Handlungsverläufe oder charakterisierte Haupt- und Nebenfiguren. Wenn ihn Leute in der Öffentlichkeit zurecht wiesen, da sie sein Mäandern als belästigend empfanden, bat er um Nachsicht. Er gehe nur seiner Arbeit nach, rechtfertigte er sich, denn er ist angehender Schriftsteller. Schon bald würden sie von ihm hören oder vielmehr lesen und dann würden sie verstehen.

083_Ich will verstanden werden. Ich will verständlich sein. Ich will ein Publikum.

082_Ich will nicht wählen müssen – zwischen Essays und Romanen. Die (wenigen) Hildesheimer Absolvent*innen, die eine zugkräftige Autoren-Vita brauchen, vernebeln gerne den Creative-Writing-Schwerpunkt und lassen den Journalismus fallen: „Er studierte Literarisches Schreiben“, „Sie studierte am Institut für Literatur“. Für mich bitte weiterhin – deutlich, empathisch, glücklich: „Er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus.“ Ich bin beides – Autor und Journalist. Und, formal: Diplom-Kulturwissenschaftler.

081_Ich will glauben, dass mein Abschluss einen Unterschied macht – und, dass es richtig war, fünf Jahre lang um dieses Diplom zu zittern. Doch ich musste lachen, als ein Zuhause-Freund gratulierte: „Jetzt werden sich deine Honorare ändern! Du kannst überall sagen: ‘Ich schreibe keinen Text für 100 Euro! Ich bin diplomiert! 1,0!’“

Stefan Mesch schreibt gerade seinen ersten Roman und zieht in “Irgendwas mit Schreiben: Diplomschriftsteller im Beruf” eine Bilanz übers Autor_innendasein.