scharm

Du verstehst mich nicht, denn du kennst mich kaum. Du weißt nicht wie ich nachts in meinem Bett sitze, weine, mir den Mund zuhalte damit es keiner mitbekommt und überlege ob ich nun schneiden soll oder nicht. Du weißt nicht wie stolz ich auf mich bin am nächsten Tag, wenn ich es nicht getan habe. Du weißt auch nicht wie glücklich ich in dem Moment bin wo ich es tu. Du weißt nicht wie schwer es ist mit Narben umzugehen. Wie schwer es ist Schnitte zu verheimlichen. Blutige Taschentücher oder Handtücher zu entsorgen und nachts zu hoffen das die Wunden aufhören zu bluten und das Bett oder die Kleidung nicht voll wird. Wie panisch ich werde wenn ich durch meine Hose Blutstreifen sehen kann. Wie schwer es ist nach dem duschen oder beim Händewaschen nicht gesehen zu werden von den Eltern. Immer lange Sachen zu tragen. Am Morgen die richtige Entscheidung zu treffen ob tshirt oder Pulli, man weiß ja nie wem man tagsüber begegnet. Wie peinlich es einem ist wenn man die einzige Person in einer Gruppe ist die ein tshirt trägt, auch wenn es warm ist, und man sich so vorkommt als würde man seine Arme zur Schau stellen. Wie schwer es ist zu antworten wenn man gefragt wird was man auf den Armen hat. Die ganze Zeit zwischen verstecken und hoffen das es jemand sieht. Die entsetzten blicke in der Ubahn. Du weißt nicht wie es ist wenn du dich nicht rasieren kannst ohne daran zu denken die Klinge in die Haut zu drücken und durchzuziehen. Wie man erschrickt sobald man das Wort “ritzen” hört. Wie Wörter wie z.B Spitzer, Schere, Rasierer, Schnitte, Wunden oder Blut automatisch im Gehirn etwas auslösen. Du weißt nicht wie es ist mit einem Geheimnis zu leben das auf einem ganzen Körper steht. Du weißt nicht wie schlecht man sich fühlt wenn man bei anderen Leuten Narben sieht. Wie man sofort erkennt ob jemand sich schneidet oder nicht. Wie der erste Blick bei einer Begegnung sofort auf die Arme des anderen fällt. Wie man die Narben nicht verstecken möchte aber Angst hat sie zu zeigen. Wie befreiend und gleichzeitig einschränkend es ist sich zu schneiden. Das gute Gefühl kennst du nicht, wenn du die Klinge in die Haut drückst und eine klaffende Wunde entsteht, das Blut fließt und du alles vergisst. Die panische Angst die Kontrolle zu verlieren und zu tief zu schneiden. Der Scharm wenn die Wunde tief ist, genäht werden muss, aber du nicht zum Arzt gehen willst. All das weißt du nicht, und glaub mir eines, du willst es gar nicht wissen.