reichweiten

youtube

Sehr geehrte Damen und Herrinen, sehr geehrte Medienpartner, sehr geehrte Kollegen,
wer mich kennt, der weiß: ich bin kein Mann vieler Worte. Für jene, die mich nicht kennen, sehr geehrte BRAVO-Redakteure, möchte ich mich eben kurz vorstellen: mein Name ist Erik Range und ich mache seit einigen Jahren unter dem Pseudonym “Gronkh” Spielevideos auf YouTube, sogenannte Let’s Plays. Ich bin inzwischen Teil einer aussterbenden Gattung, denn ich weiß zwar, die Zeit vergeht - aber ich bin stur und weigere mich einfach, mitzugehen.
In all den Jahren - und es hört sich an wie fünfzig, dabei sind es erst fünf - habe ich die Webvideobranche ein wenig auf ihrem Weg begleiten und - das nehme ich mir einfach mal heraus zu sagen - vielleicht sogar ein wenig prägen oder mitgestalten dürfen. Damals. Heute sind da natürlich ganz andere Mächte am Werk, aber damals, als YouTube noch eine Plattform für private Videos war, wo Menschen sich noch für die Menschen begeistert haben, die ihre Videos sehen, statt für anonyme View-Statistiken, damals als ein junger Sami Slimani verpönt wurde dafür, dass er Produkte in die Kamera hält.
Heute aber, heute ist eine andere Zeit. Sami Slimani moderiert inzwischen seit rund einem Jahr bei Viva - dazu übrigens meinen aufrichtigen Glückwunsch - und wirkt inzwischen wie ein harmloser, junger Mann. Ich muss zugeben, ich verfolge seine Videos nicht - denn meine Haut ist auch ohne Cremes echt super - aber wenn ich einen bildlichen Vergleich ziehen müsste, so ist Sami der kleine Junge, der auf dem Flohmarkt seine Comicsammlung verkaufen möchte - während sich rings um ihn herum ein riesiges Konglomerat aus QVC und Neun Live aufgebaut hat. Im Vergleich vielleicht ein bisschen wie das Ghostbusters-Hauptquartier. Aber natürlich haben wir uns drastisch verbessert - heute verkaufen wir keine magischen Energiesteine an verwirrte, ältere Damen, die es nicht besser wissen - denn wir haben ja inzwischen gelernt, das wäre ethisch und moralisch einfach in jeder Hinsicht falsch - nein, heute verkaufen wir Reflinks und Produktempfehlungen, Tickets und Fotos, zufällig eingeblendete Marken und erfundene Liebesgeschichten und ausgedachte Skandale an sehr, sehr junge Menschen - an Kinder - die es nicht besser wissen. Stichwort jugendgefährdende Medien.
Als Webvideobranche waren wir immer ein bisschen stolz darauf - bitte verzeihen Sie mir, werte Redakteure und Journalisten - uns von den “alten Medien” abzuheben und “ehrlichen Content” zu liefern. Ungefiltert von mir zu Dir. Wir wollten es besser machen. Wir alle fanden diesen niveaulosen RTL-Nachmittagsrotz scheiße. Diesen Rotz, den RTL nur aus einem Grunde ausstrahlt - weil er eben am meisten geschaut wird, die meisten Quoten bringt, die meisten Views. Diese Schuld kann man schlecht dem Sender anlasten. Von einem mutigen, rebellischen, frischen Privatsender, der 1984 als RTL Plus startete, wurden Innovationen und Rebellion gegen die Öffentlich-Rechtlichen über die Jahre heruntergefahren, bis wir heute einen gemainstreamten Sender haben, der den Zuschauern genau das zeigt, was der Großteil offenbar sehen möchte: viel Optimiertes, wenig Neues. Es geht um Liebesdramen, Lebensdramen, reißerische Titel, sogenannte “Scripted Reality”. Es geht darum, den Zuschauern eine falsche Welt vorzugaukeln, damit sie selbst sich wahlweise besser fühlen oder - frei nach dem Big Brother-Prinzip - möglichst jeden Schritt mitverfolgen können. Wir identifizieren uns mit Idolen, die uns heimlich in die Tasche greifen. Wir diskutieren wochenlang über den Begriff “Stars” und lenken geschickt von all den Problematiken ab, die im Hintergrund brodeln. Wir legen uns rote Teppiche aus und geben Autogramme dafür, dass wir Schminktipps geben oder erklären, wie man richtig küsst - oder einfach nur Computerspiele spielen. Die Verhältnismäßigkeit ist uns völlig abhanden gekommen, während wir uns selbst feiern und gegenseitig lächelnd für das tausendste Selfie irgendwelche Hände schütteln, die wir den Rest des Jahres wahrscheinlich nicht wieder sehen werden. Vielleicht ja doch beim nächsten Händeschüttel-Event oder Cross-Marketing-Video.
Wir wollten immer anders sein - und wir haben es beinahe geschafft: wofür ein inzwischen riesiger Sender wie RTL über 30 Jahre brauchte, das haben wir in weniger als fünf hinbekommen. Natürlich nicht alleine, dazu wären wir gar nicht fähig. Unser Dank geht an all die Manager, Medienmacher, Meinungslenker, Serien-Täter, Einflussnehmer, Krawattenhengste und Zahlenzähler, an all die SEO-Optimierer und Social Media-Experten, an all diejenigen, die plötzlich Reichweiten und Geld gesehen und das Blaue vom Himmel versprochen haben.
(Ich entschuldige mich übrigens bei RTL, sollte meine Rede falsch aufgefasst werden. Ich hoffe, ihr lasst später trotzdem noch ein paar YouTube-Stars ins Dschungelcamp, wenn die ersten Falten kommen und das Licht der Sternchen langsam verblasst, während die neue Lieferung schon nachrutscht)
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich achte und schätze den Webvideopreis sehr. Ich finde, er stellt ein wichtiges - wenn nicht DAS wichtigste - Verbindungsglied zwischen Webvideo und klassischen Medien dar. Ich hege nur leise Zweifel daran, dass wir als Branche bereits so weit sind oder es jemals sein werden, so pompös, so glamourös aufzutreten. Ich hege auch Zweifel daran, ob wir das überhaupt sein sollten, all dieses Blingbling und der ganze Schischi. Aber ich verstehe natürlich, dass diese ganze Augenwischerei nötig ist, damit klassische Medien uns bemerken oder eines Tages vielleicht sogar ein bisschen für voll nehmen. Liebe Medienpartner, bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich weiß natürlich, dass sich Schlagzeilen und Stars eben besser verkaufen als eine Suppenküche. Was das angeht, ist jede Medie wohl ein Komplize. Und wir sind jetzt offenbar ein Teil davon.
All diese Dinge sage ich, weil ich tatsächlich liebe, was ich tue. Mit Haut und Haaren, mit Herz - und sogar ein bisschen Hirn. Aber ich sehe so sehr viel mehr Potential in all diesen Dingen, viel mehr als nur Klickvieh und Melkschemel, eine Möglichkeit, Dinge zu ändern. Ich bin mir nur inzwischen so unsicher, ob das überhaupt noch gewollt ist oder ob ich mich hier gerade sehr unbeliebt mache. Ich würde mich wirklich inständig freuen, wenn ich nach dieser Rede nicht sofort vom Gelände gejagt werde.
TL;DR: Ich nehme die Auszeichnung mit Freuden an und widme sie - weil in diesem Jahr einfach so unfassbar viel passiert ist - einfach mal mir selbst. So ehrlich darf man ja auch mal sein. Mich selbst hingegen widme ich voll und ganz meiner Community, meinen Zuschauern, aktiv wie auch still - und all jenen, die mich in fünf Jahren nicht vergessen haben werden.
Vielen Dank, viel Liebe im Leben angefangen bei einem wunderschönen Wochenende wünscht Ihnen
Ihr ergebenster Erik Range unter dem Deckmäntelchen des “Gronkh”.