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Erst Assad, dann der "Islamische Staat"

Wer den “Islamischen Staat” erfolgreich bekämpfen will, muss den Syrienkonflikt lösen. Dafür braucht es vor allem eines: eine Alternative zum Assad-Regime. Die kann nur in Schutzzonen entstehen, schreibt Kristin Helberg in ihrem Kommentar.

Kommentar Qantara 31.8.2015

http://de.qantara.de/inhalt/buergerkrieg-in-syrien-erst-assad-dann-der-islamische-staat

Es klingt alles so hoffnungsvoll. Der UN-Sicherheitsrat spricht mit einer Stimme, Außenminister rotieren zwischen Moskau, Teheran, Riad, Ankara, den Golfstaaten und Damaskus und selbst ideologische Feinde reden miteinander. Saudi-Arabien mit Assad-Entsandten, Oppositionelle der Nationalen Koalition mit Russland und iranische Unterhändler mit der islamistischen Rebellengruppe “Ahrar al-Sham”.

Stehen wir also kurz vor einer politischen Lösung des Syrienkonflikts? Leider nein. Was wir sehen, ist dreierlei. Erstens, ein Wetteifern zwischen Russland und Iran um die Frage, wer in Syrien mehr Einfluss und somit mehr diplomatisches Gewicht hat. Zweitens, den verzweifelten und gnadenlosen Plan des Assad-Regimes, die Zeit bis zu unvermeidbaren Verhandlungen zu nutzen, um strategisch wichtige Gebiete im Westen des Landes zu sichern. Und drittens, eine hysterische Angst vor dem IS, die alles dominiert – das Denken in Washington und Europa, die Strategien und Allianzen in der Region. Letztere zusätzlich erschwert durch einen größenwahnsinnigen türkischen Präsidenten, der eine Einigung in der Kurdenfrage für seine Allmachtsfantasien zu opfern bereit ist.

Dabei lässt sich, was kompliziert klingt, in zwei einfachen Sätzen sagen. Baschar al-Assad kann Syrien nicht mehr kontrollieren. Und den IS will niemand dort haben. Diesen Aussagen stimmen auch Unterstützer des Regimes zu. Sie wären folglich eine gute Arbeitsgrundlage. Doch die Zeit scheint noch nicht reif dafür.

Falsche Lösungsansätze

Der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura will die Syrer deshalb zunächst in vier Arbeitsgruppen über den Schutz von Zivilisten, rechtliche Fragen, den Anti-Terror-Kampf und den Wiederaufbau diskutieren lassen. Das klingt konstruktiv, kann aber dauern – damit haben alle jene, die an einer militärischen Lösung festhalten (Assad und die Dschihadisten), Zeit gewonnen und die internationale Gemeinschaft kann sich entspannt einreden, eine diplomatische Lösung sei auf dem Weg.

Während de Misturas Plan eine “Übergangsregierung mit voller Exekutivgewalt” vorsieht, sprechen Moskau und Teheran lieber von einer “Regierung der nationalen Einheit”. Genau da liegt der Knackpunkt. Der im Genfer Abkommen 2012 formulierte “Übergang” bedeutet, dass Syriens heutige Machthaber, insbesondere Präsident Assad selbst, am Ende keine politische Rolle mehr spielen. So fordert es die Opposition, die sich über alle Lager hinweg einig ist, dass man mit Regimeverantwortlichen zwar ohne Vorbedingungen verhandeln muss, aber nicht zukünftig regieren wird. Denn ohne Machtwechsel kein glaubwürdiger Neuanfang.

Russland und Iran dagegen wollen, dass Assad sich mit Vertretern der Opposition verständigt und eine Einheitsregierung unter seiner Führung bildet. Ein illusorischer Plan, da nach mehr als 250.000 Toten und 12 Millionen Vertriebenen kein syrischer Oppositioneller mehr zu einer Koalition mit Assad bereit ist. Deshalb versuchen es Moskau und Teheran jetzt über den Anti-Terror-Kampf. Sie wollen eine internationale Allianz gegen den IS schmieden und Assad darin einbinden. Die Sicherheit und Stabilität der Region stehe auf dem Spiel, so heißt es, da müsse man alles andere unterordnen.

Wie wahr. Sicherheit und Stabilität, genau darum geht es. Auch uns in Europa angesichts von Hunderttausenden Flüchtlingen. Nur leider ist Assad unfähig, irgendwo für Sicherheit zu sorgen. Im Gegenteil, er ist der Hauptverursacher von “Instabilität”, indem er mit seiner Luftwaffe mindestens siebenmal so viele Zivilisten tötet wie der IS, geächtete Fassbomben abwerfen lässt (mehr als 11.000 seit dem UN-Verbot im Februar 2014), chemische Stoffe einsetzt (mehr als 120 Angriffe mit Chlorgas) und etwa 500.000 Menschen in abgeriegelten Gebieten aushungert.

Eine glaubwürdige Alternative zu Assad

Assad ist es, der Millionen Menschen treibt – entweder über die Grenzen in die Nachbarländer und nach Europa oder direkt in die Arme des IS. Denn jedes zerbombte Krankenhaus und jeder in Blut getränkte Marktplatz lässt Menschen verzweifeln und sich radikalisieren. Wenn weder gemäßigte Kräfte noch die internationale Gemeinschaft den Syrern Schutz bieten können, dann erscheint der IS irgendwann als letzte Rettung. Schon jetzt inszeniert sich die Terrorgruppe als Schutzmacht der Sunniten im weltweiten Krieg gegen den Islam. Eine Katastrophe, die zeigt, dass der IS nicht nur militärisch, sondern auch ideologisch bekämpft werden muss.

Dafür braucht es vor allem eines: eine glaubwürdige Alternative zu Assad. Erst wenn keine Fassbomben mehr auf Wohnhäuser regnen und Kinder nicht mehr vor den Augen ihrer Eltern verhungern, können die Syrer einen geeinten Kampf gegen den IS führen. Das Ende des Assad-Regimes ist die Voraussetzung für einen Sieg über den IS. Je schneller das auch Iran und Russland begreifen desto besser – schließlich sind sie es, die das Überleben Assads militärisch und finanziell sichern.

Ohne seine beiden Sponsoren wäre Assad nicht in der Lage, die für ihn wichtigen Gebiete in Damaskus und an der Küste zu halten. Dabei kostet Assad viel und bringt wenig – im besten Fall einen Hisbollah-kontrollierten Ministaat an der Grenze zum Libanon zur Wahrung iranischer Interessen und einen gesicherten russischen Marinestützpunkt in Tartous. Aber reicht das? Genau da muss die Diplomatie ansetzen. Sollten Russland und Iran von anderer Seite Garantien erhalten, die Assad ihnen nicht mehr bieten kann, hätten Verhandlungen Aussicht auf Erfolg.

Eine Alternative braucht auch der Westen. Er lässt Assad gewähren – nicht weil er Massenmord gutheißt oder Syrien zerstören will (wie viele Syrer glauben), sondern weil er nicht weiß, was ihm nachfolgt. Amerikaner und Europäer verhindern so lange eine effektive Unterstützung der Rebellen und einen Zusammenbruch des Regimes bis klar ist, dass nicht der IS und auch nicht die Nusra-Front das Machtvakuum in Damaskus füllen.

Dummerweise haben sie mit ihrer Zögerlichkeit genau das bekommen, was sie verhindern wollten: die Dominanz radikaler Gruppen in Syrien. Wie also sollten in dieser Lage verbündete Oppositionelle und gemäßigte Rebellen ans Ruder kommen, die einem Zusammenbruch staatlicher Institutionen entgegenwirken und Sicherheit für alle herstellen können?

Der erste Schritt wäre zu verhindern, dass das Regime weiterhin jedes zivile Bemühen um alternative Strukturen zerbombt. Es gibt in Syriens oppositionell kontrollierten Gebieten acht demokratisch legitimierte Provinzräte sowie Hunderte Lokaler Räte und zivilgesellschaftlicher Gruppen, die mit dem Ausheben von Massengräbern und dem Beschaffen von Essen und Medikamenten beschäftigt sind, statt mit dem Aufbau eines neuen Syriens, für das sie jahrelang demonstriert haben.

Schutzzonen als Schlüssel für eine politische Lösung

Diese Syrer – ob Rebellen, Aktivisten, Oppositionelle oder einfache Bürger – fordern alle nur das eine: Schutz vor den Luftangriffen des Regimes. Dafür braucht es mit großer Wahrscheinlichkeit nur die erklärte Bereitschaft, Helikopter und Kampfjets des Regimes in einem bestimmten Gebiet nicht mehr zu dulden. Nachdem die Türkei verkündete, zusammen mit den USA eine Schutzzone einrichten zu wollen, fielen zeitweise gar keine Fassbomben mehr auf Aleppo.

Allerdings darf es nicht auf eine türkisch durchgesetzte Mini-Schutzzone à la Erdoğan hinauslaufen, die eine zusammenhängende Kurdenregion verhindern soll. Es müsste vielmehr ein bevölkerungsreiches Gebiet in den Provinzen Aleppo und Idlib so international wie möglich geschützt werden.

Eine solche Zone würde nicht nur Menschenleben retten, Flüchtlingen eine Rückkehr ermöglichen und der Opposition den nötigen Raum für den Aufbau einer neuen Ordnung bieten. Sie würde auch Assad an den Verhandlungstisch zwingen und Russland und Iran ein Umdenken erleichtern.

Zu teuer, nicht gewollt, international nicht durchsetzbar? Alles vorgeschoben. Schutzzonen sind der Schlüssel zu einer politischen Lösung in Syrien. Ohne sie keine Alternative zu Assad. Und ohne einen Übergang in Damaskus kein Sieg über den IS.

(via “We Are Prepared to Return to the Streets” - Qantara.de)

“The young Tunisian singer Emel Mathlouthi left her mark on the Tunisian revolution with her song "Kelmti Horra” (My Word Is Free). Martina Sabra met with the politically engaged artist in Cologne, Germany

It has been a year since the dictator Ben Ali fled Tunisia. You were in Tunisia at the time and you suddenly became famous with your song “Kelmti Horra” (My Word Is Free). How did this come about?

Emel Mathlouthi: I was in Tunis just before the revolution and sang on the street at a sit-in. By chance, someone recorded me on their mobile phone and posted the video on YouTube. All at once, the whole media jumped in. I was completely perplexed, because I had already sent a demo CD to different radio stations, but no one had ever responded. And then suddenly, the song was playing everywhere. Once, a car drove by and I could hear my own voice from the car radio. It was a really strange feeling!

In late January, your first international album, “Kelmti Horra,” appeared. How did this album come about?

Emel Mathlouthi: The album is made up of songs that I wrote between 2006 and 2011. Both the lyrics and the music were equally important for me. All of the songs have to do with Tunisia, the dictatorship, frustration about tyranny, and, of course, with freedom. The album bears the title “My Word Is Free” and it is meant to pay homage to all the people who lost their lives during the revolution so that we could live in a free Tunisia.

In terms of music, I tried to include all the ideas and influences that I had gathered over the years – Arab protest songs, as well as rock, pop, and all the things I heard when I was growing up. We also experimented and I think that this is the best way to make music…“

*album link added

youtube

“The Mai Dhai Band features a mix of traditional and western music. The band takes its name from their lead singer, Mai Dhai, a singer of traditional Manganiyar songs from the South East of Pakistan. Her gritty voice sounds likes it come down the centuries from ancient days, but she’s accompanied by a combination of modern and traditional instruments making for a captivating mix of sounds.”

http://en.qantara.de/content/new-music-from-pakistan-a-captivating-mix-of-sounds

de.qantara.de
Grass' Gedicht, in Gaza gelesen

Ein Essay von René Wildangel:

“Es müsste gesagt werden, dass 80 Prozent der Bevölkerung Gazas mittlerweile von humanitärer Hilfe abhängig sind, Arbeitslosigkeit und Chancenlosigkeit die Jugend deprimieren… Dass die totale Blockade und Isolation Gazas ein Wahnsinn ist, der eine ganze Generation junger Palästinenser nicht nur Israel, sondern der ganzen Welt entfremdet und ihnen die grundlegendste Humanität und Würde, ihre Bewegungsfreiheit und Entfaltungsmöglichkeiten nimmt”

Völlig absurde Entscheidung - Onlineportal qantara.de vor dem Aus

Man müsste fairerweise zunächst einmal in Erfahrung bringen, was genau die Gründe für die Entscheidung des Auswärtigen Amts sind. Finanzielle Überlegungen können es aber eigentlich nicht sein, dafür sind die Zuschüsse in Relation zu anderen Aufwendungen zu niedrig. Vielleicht sind es inhaltliche Unstimmigkeiten? Aber solche Probleme sollten sich lösen lassen. Kurz: Die Entscheidung des Auswärtigen Amts, sollte sie Gültigkeit behalten, ist überhaupt nicht nachvollziehbar. Weder aus der Perspektive des Journalisten noch aus aus der Perspektive des Islam- und Politikwissenschaftlers. 

Die Seite qantara.de eröffnet einem breiten Publikum wichtige Einblicke in aktuelle Debatten über die Religion des Islam und über die islamische bzw. vor allem die arabische Welt. Wissenschaftliche Diskurse wurden ebenso zugänglich gemacht wie innermuslimische Debatten. Klar gibt es andere, ähnliche Angebote, etwa die Zeitschriften Zenith, Inamo oder Fikrun wa Fann, aber gerade diese Mischung macht qantara.de aus.  Zudem werden deutsche Perspektiven durch die Übersetzungen von Texten ins Englische oder Arabische in die Welt getragen. Und schon Verlinkungen zeigen, dass diese durchaus weltweit wahrgenommen werden. Qantara.de hat sicherlich keine massenhaften Zugriffe, weder in Deutschland und in der arabischen Welt schon gar nicht. Aber kann, darf es darum gehen? Soll man statt auf seriöse Informationen auf reißerische Texte setzen? Davon werden die öffentlichen Debatten bereits oft genug überflutet. Hier wie dort. Abgesehen davon darf man für die arabische Welt freilich nicht die gleichen Evaluationsmaßstäbe angelegen wie für Deutschland. In den arabischen Ländern gibt es vom sozialen Status über kulturelle Unterschiede bis hin zu politischem Druck diverse Gründe, warum die Menschen qantara.de nicht massenhaft anklicken. Wie gesagt, das alles ist aus meiner Sicht kein Grund, die Finanzierung einzustellen.       Völlig absurd wird die Entscheidung des Auswärtigen Amts, wenn man sich die aktuelle politische Weltlage anschaut. Seit mindestes drei Jahren, also dem Ausbruch des Arabischen Frühlings, gehören die vielen Konflikte in der Region zu den beherrschenden Themenkomplexen der internationalen Politik. Ausgerechnet jetzt wird mit der Verweigerung der Zuschüsse ein Projekt gestoppt, das mithilft, diese so komplizierte und verworrene Lage in der Region zu erklären? Für mich ist das Ganze im Moment ein großes Rätsel.

Aktualisierung: Inzwischen hat das Auswärtige Amt mitgeteilt, dass es an qantara.de festhalten werde!

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“Hailing from Peshawar in the country’s northern province of Khyber Pakhtunkhwa, a city sadly made notorious by the school massacre of 2014, Khumariyaan are a traditional music ensemble

http://en.qantara.de/content/new-music-from-pakistan-a-captivating-mix-of-sounds

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(via https://www.youtube.com/watch?v=dD4v2G7a9-g)
…Why do Neo-Nazis support Assad again?  Why are fascists mad about the refugees from Syria?  https://en.qantara.de/content/the-syrian-conflict-a-red-brown-alliance-for-syria

STORMFRONT GIVES IT UP : https://www.stormfront.org/forum/t1050344/

(Update?) http://www.aljazeera.com/news/2015/09/putin-syria-assad-ready-share-power-150904130440732.html