plastikbecher

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Sein fester Blick ist entschlossen auf die Ausgangstür des Supermarktes gerichtet. In Minutenabständen verlassen Italiener*innen den Store und der Mann, der auf einem alten Hocker sitzt, verabschiedet die vorbeiziehenden Menschen. Er ist die Freundlichkeit in Person.

David schaut mich lächelnd an, als ich ihm die Hand reiche und mich zu ihm setze. Ich krame mein Handy aus der Tasche und tippe ein paar Wortfetzen in meine Übersetzungsapp, denn David kommt aus Mali und spricht Französisch.

Zwischen dem langsamen Wortaustausch gestikuliere ich mit Mimik und Händen und auch David zeigt mir mit Gesichtsausdrücken und Malbewegungen, dass er mir wohlgesonnen ist. Wir verstehen uns auf Anhieb.

David lebt seit sieben Monaten auf der Straße und derzeit hier, unter dieser Treppe. Er bekam in Italien kein Asyl und fällt somit durch das Raster der hiesigen Gesellschaft. Keine Sozialleistungen, kein Anspruch auf Mindestversorgung, keine Zukunft. David ist nicht erwünscht und hat keine Identität.

Dass er nicht erwünscht ist, hat er längst verstanden und akzeptiert. Auch Zuhause in seiner Heimat hatte David ein schweres Leben: Beide Eltern wurden erschossen. Ich nehme an, dass David um sein Leben rannte, als er sein Mali verließ.

Ich unterbreche kurz das Gespräch und spreche mich mit den anderen vom Projekt Seehilfe ab. Elli nickt, Philipp gibt mir die Karte des Vereins, ich reiche David die Hand und wir machen einen Einkauf im Supermarkt. Früchte, Wasser, ein leckeres Gebäckstück und Creme für die Haut. Und ein Rucksack.

Als wir uns vor dem Supermarkt wieder setzen und ich David sage, dass wir von nun an Freunde sind, fängt er an zu weinen. Ich setze mich neben David und lege meinen Arm um seine Schulter. In diesen Momenten bricht im obdachlosen Geflüchteten etwas auf, das in unbegrenzter Trauer überquillt.

In diesem Moment verlässt ein gut betuchter Mann im Polohemd den Supermarkt und stellt sich zu uns. Er betrachtet David genau und stellt eine Frage auf Italienisch, die ich nicht verstehe. Ich bitte ihn: „Do you want to give some money to this poor man?“

Doch der Mann winkt mit wedelndem Zeigefinger ab „No, no, no.“, und läuft zu seinem fetten Mercedes-Benz. Irritiert und wütend laufe ich dem Mann hinterher und frage ihn erneut, ob er David nicht helfen möchte. Keine Chance. Der Reiche düst ab. Für mich ist dieses Verhalten unfassbar. David wird es täglich erleben. 

Ich setze mich noch einmal zu David. Schaue mit ihm in Richtung Supermarkt. Trotz verweintem Gesicht grüßt er die Italiener*innen, manche werfen ihm ihr Restgeld in den kleinen Plastikbecher. Und langsam beginne ich zu verstehen:

David wird in diesem System keine Chance haben. Er warf sich schutzsuchend in die Arme Europas, wurde fallengelassen und fällt seither jeden Tag. Niemand wird ihm Arbeit geben und David hat kein Recht auf ein Dach über dem Kopf. Kein Recht auf Nahrung, kein Recht auf medizinische Versorgung.

Zudem ist David ein Mensch von tausenden, die sowohl von der europäischen Gesellschaft, als auch von Politiker*innen wohlfeil ignoriert werden. Menschen wie David dürfen nach den „westlichen Werten“ hier nicht existieren.

Mein lieber Freund David. Angesichts Deines Leides fehlen mir die Worte und ich wünsche Dir von tiefstem Herzen, dass Du eines Tages frei, sicher, und behütet sein wirst. Friede mit Dir.

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P.S. Zwei Tage später fuhren Elli, Philip und ich nochmal zum Supermarkt und trafen David dort an. Wir versorgten ihn mit Isomatte und Schlafsack. David strahlte über beide Wangen. Wenigstens wird er nicht auf dem nackten Boden schlafen müssen.