missraten

Wenn ich beschreiben müsste, wie mein Inneres aussieht, würde ich erst sagen zerstört. Überall sieht man tote Träume, egal in welche Richtung man schaut.

Als ich noch klein war, gab es eine Zeit, in der ich jeden Tag mit meinen Freunden spielte. Nichts außergewöhnliches, alles normal. Wir verabredeten uns jeden Tag nach dem Kindergarten bei mir Zuhause, spielten in meinem Zimmer und selbst wenn es mir schlecht ging, kamen sie zu mir und heiterten mich auf und waren für mich da. Das schönste in dieser Zeit war, dass wir alle den selben Traum hatten. Sascha wollte Gitarrist werden, Filliz Tänzerin, Jeffree Schlagzeuger und ich… ich wollte Sängerin werden.
Wir gründeten also mit 4 oder 5 Jahren unsere aller erste Band und probten jeden Tag in meinem Zimmer. Damals gab es noch ein großes Podest, ähnlich aussehend wie eine Bühne, direkt vor einem großen Fenster, auf der wir sangen, Krach machten und einfach Spaß hatten. Wir waren richtige Kinder, mit richtigen Träumen und dem Tatendrang unsere Träume eines Tages wahr werden zu lassen.
Manchmal schlief einer meiner Freunde bei mir und an manchen Tagen kam es sogar vor, dass wir alle in einer selbstgebauten Höhle schlafen konnten. Da es manchmal sehr kalt bei mir Zuhause war, kuschelten wir uns ganz nah aneinander und hörten dabei ganz laut Audiokasseten, wie Pocahontas oder der König der Löwen.
Wenn wir auf dem Podest standen und unsere Songs probten, waren oft die Poster an meinen Wänden unsere Zuschauer. Wir taten so, als wären sie Kinder aus dem Kindergarten oder unsere Eltern, die uns gespannt zuhörten und jubelten, so das man es noch Straßen weiter hören musste.
Als ich dann in die Schule kam, änderte sich nichts an unserer Freundschaft. Jeden Tag, wie zuvor auch, kamen sie zu mir.
Ich glaube, ich war nun schon 10 Jahre alt und wachte eines Morgens auf, Filliz neben mir, noch total verschlafen, Jeffree mit meinem Gameboy spielend auf dem Podest. Meine Zimmertür stand offen, weit offen und ich hörte Schreie, sogar Schläge… ich hörte wie jemand immer wieder den gleichen Satz von sich brüllte. Stille. Ich stand auf und lief Richtung Zimmertür, in den Flur und da war es wieder, nur lauter, nur eindringlicher. Jetzt erst merkte ich den stechenden Geruch von Zigarettenqualm und Alkohol in der Luft und umso näher ich den Schreien kam umso stärker stank es danach.
Nun stand ich vor einer großen geschlossenen Tür aus weiß lackiertem Holz und öffnete sie langsam.
Mama trank, schon wieder.
Meine Mutter, war kein schlechter Mensch. Sie war nur verzweifelt… verzweifelt, krank im Kopf und drogenabhängig. Genau das, machte sie unberechenbar.
Ich will gar nicht sagen, dass ich ihre Zielscheibe war. Aber von diesem Tag an, war ich alles und jedes Böse, was ihr in den Sinn kam. Ich war für sie mein Vater, ihr Anwalt, ihre Hausärztin. Ich war ihre missratene Tochter und alles, was sie von sich, auf mich projektieren konnte.
Manchmal war es okay. Manchmal schrie sie gar nicht mich an, sondern nur die Wände und manchmal weinte sie nur. Aber glaubt nicht, dass es die Sache für mich leichter gemacht hat. Habt ihr eure Eltern schonmal weinen gesehen? Tut weh, oder? Egal was sie mir antat, scheißegal was sie mit mir machte, wenn sie weinte, brach mein Herz und alles was zerbrechen konnte, in unendlich viele Teile.
Natürlich aß sie an diesen Tagen nichts und ich, war kein Kochprofi mit 10 Jahren. Trotzdem machte ich ihr Kartoffelbrei aus der Tüte, setze mich neben sie und hörte ihr zu.
Doch an diesem Tag, an dem ich komplett aus meiner Kinderwelt gerissen wurde, war ihr Geburtstag. Sie brüllte, ich solle abhauen und verschwinden, sie will mich nicht mehr haben, ich habe ihr ganzes Leben zerstört, dass ich später nur ne drogenabhängige Schlampe werden würde, dass ich niemals im Leben was erreichen könnte. Das ich zu meinem kranken Vater ziehen soll, weil ich genau so bin wie er. Ich soll mich verpissen, ich blöde Kuh soll sie endlich ihr Leben so leben lassen, wie sie will und das ich Schuld daran bin, dass sie nichts in ihrem Leben erreichen konnte. Immer wieder… und immer wieder sagte ich ihr unter Tränen, dass es mir leid tut. Das ich das nicht wollte… und das ich sie doch lieb habe.
Als ich nach einiger Zeit wieder in mein Zimmer kam, war niemand mehr da. Ich kauerte mich unter meinen kleinen Schreibtisch, den wir früher oft als Höhle benutzten und fühlte mich das erste mal so richtig allein und leer in meinem Leben.
Nach einiger Zeit hörte ich, wie ich mit mir selbst sprach, wie ich mir sagte, dass es überhaupt keine Freundschaft zwischen uns gegeben hat. Ich hörte mich selbst anschreien, hörte wie ich immer wieder fragte, warum sie gegangen sind, warum sie nicht bei mir bleiben konnten und im nächsten Moment hörte ich nur noch, wie ich weinte.
Filliz, Sascha und Jeffree, hat es nie gegeben. Keiner von meinen Freunden war jemals echt, hat jemals wirklich existiert.
Es gab keine Band und erst recht keine Freunde. Alles was ich hatte, waren tote Träume.

—  basis noir soninja / kindheitstage.