messianismus

{XVII a

Marx hat in der Vorstellung der klassenlosen Gesellschaft die Vorstellung der messianischen Zeit säkularisiert. Und das war gut so. Das Unheil setzt damit ein, daß die Sozialdemokratie diese Vorstellung zum »Ideal« erhob. Das Ideal wurde in der neukantischen Lehre als eine »unendliche Aufgabe« definiert. Und diese Lehre war die Schulphilosophie der sozialdemokratischen Partei –von Schmidt und Stadler bis zu Natorp und Vorländer. War die klassenlose Gesellschaft erst einmal als unendliche Aufgabe definiert, so verwandelte sich die leere und homogene Zeit sozusagen in ein Vorzimmer, in dem man mit mehr oder weniger Gelassenheit auf den Eintritt der revolutionären Situation warten konnte. In Wirklichkeit gibt es nicht einen Augenblick, der seine revolutionäre Chance nicht mit sich führte – sie will nur als eine spezifische definiert sein, nämlich als Chance einer ganz neuen Lösung im Angesicht einer ganz neuen Aufgabe. Dem revolutionären Denker bestätigt sich die eigentümliche revolutionäre Chance jedes geschichtlichen Augenblicks aus der politischen Situation heraus. Aber sie bestätigt sich ihm nicht minder durch die Schlüsselgewalt dieses Augenblicks über ein ganz bestimmtes, bis dahin verschlossenes Gemach der Vergangenheit. Der Eintritt in dieses Gemach fällt mit der politischen Aktion strikt zusammen; und er ist es, durch den sie sich, wie vernichtend immer, als eine messianische zu erkennen gibt. (Die klassenlose Gesellschaft ist nicht das Endziel des Fortschritts in der Geschichte sondern dessen so oft mißglückte, endlich bewerkstelligte Unterbrechung.)}
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Walter Benjamin: Vorstufen, Varianten und Fragmente zu “Über den Begriff der Geschichte”.

In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.3, Frankfurt am Main 1991, S. 1231.

Jeder Augenblick, jede Sekunde —  behauptet Benjamin —  ist ‘die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte’. Eintreten kann, und tatsächlich eintritt. Eintritt als Bewußtsein vom Elend des Menschen, als Verlangen nach dem Göttlichen, als das Nichts, das das Maß unserer Nichtigkeit ist. Benjamin entdeckt so die geschichtsbildende Funktion des Messias, ohne deshalb in eine historische Verherrlichung der Geschichte zu verfallen. […][Diese] zukünftige Ewigkeit aber hat die Kraft, die Gegenwart zu sich zu rufen, noch während sie sie verdammt und sich ihr verweigert. Dies ist der Messianismus, aus dem sich die Kraft dieses bemerkenswerten, außergewöhnlichen, ausgezeichneten Volks erklärt.
—  Vincenzo Vitiello, Wüste Ethos Verlassenheit. Beitrag zu einer Topologie des Religiösen, in: Jacques Derrida / Gianni Vattimo (Hg.), Die Religion, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2001, S. 181.
Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‘Ausnahmezustand’, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern. Dessen Chance besteht nicht zuletzt darin, daß die Gegner ihm Namen des Fortschritts als einer historischen Norm begegnen. - Das Staunen darüber, dass die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert 'noch’ möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, dass die die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.
—  Benjamin, Walter: Über den Begriff der Geschichte
[Theologisch-Politisches Fragment]

Erst der Messias selbst vollendet alles historische Geschehen, und zwar in dem Sinne, daß er dessen Beziehung auf das Messianische selbst erst erlöst, vollendet, schafft. Darum kann nichts Historisches von sich aus sich auf Messianisches beziehen wollen. Darum ist das Reich Gottes nicht das Telos der historischen Dynamis; es kann nicht zum Ziel gesetzt werden. Historisch gesehen ist es nicht Ziel, sondern Ende. Darum kann die Ordnung des Profanen nicht am Gedanken des Gottesreiches aufgebaut werden, darum hat die Theokratie keinen politischen sondern allein einen religiösen Sinn. Die politische Bedeutung der Theokratie mit aller Intensität geleugnet zu haben ist das größte Verdienst von Blochs »Geist der Utopie«.
Die Ordnung des Profanen hat sich aufzurichten an der Idee des Glücks. Die Beziehung dieser Ordnung auf das Messianische ist eines der wesentlichen Lehrstücke der Geschichtsphilosophie. Und zwar ist von ihr aus eine mystische Geschichtsauffassung bedingt, deren Problem in einem Bilde sich darlegen läßt. Wenn eine Pfeilrichtung das Ziel, in welchem die Dynamis des Profanen wirkt, bezeichnet, eine andere die Richtung der messianischen Intensität, so strebt freilich das Glückssuchen der freien Menschheit von jener messianischen Richtung fort, aber wie eine Kraft durch ihren Weg eine andere auf entgegengesetzt gerichtetem Wege zu befördern vermag, so auch die profane Ordnung des Profanen das Kommen des messianischen Reiches. Das Profane also ist zwar keine Kategorie des Reichs, aber eine Kategorie, und zwar der zutreffendsten eine, seines leisesten Nahens. Denn im Glück erstrebt alles Irdische seinen Untergang, nur im Glück aber ist ihm der Untergang zu finden bestimmt. – Während freilich die unmittelbare messianische Intensität des Herzens, des innern einzelnen Menschen durch Unglück, im Sinne des Leidens hindurchgeht. Der geistlichen restitutio in integrum, welche in die Unsterblichkeit einführt, entspricht eine weltliche, die in die Ewigkeit eines Unterganges führt und der Rhythmus dieses ewig vergehenden, in seiner Totalität vergehenden, in seiner räumlichen, aber auch zeitlichen Totalität vergehenden Weltlichen, der Rhythmus der messianischen Natur, ist Glück. Denn messianisch ist die Natur aus ihrer ewigen und totalen Vergängnis.
Diese zu erstreben, auch für diejenigen Stufen des Menschen, welche Natur sind, ist die Aufgabe der Weltpolitik, deren Methode Nihilismus zu heißen hat.
—  Walter Benjamin: Theologisch-politisches Fragment. In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band II.1, Frankfurt am Main 1991, S. 203f.
Raw Giddel sagte im Namen des Raw: Dereinst wird Israel die messianischen Jahre genießen.

[…]

Damit wollte Raw Giddel (…) die Auffassung des Rabbi Hillel abwehren, der sagte: Israel hat keinen Messias mehr [zu erwarten], denn es hat die messianische Zeit schon in den Tagen des Königs Hiskia genossen.
[…]
Um auf Rabbi Hillels These zurückzukommen, so darf man freilich nicht glauben, sie bringe ein schieres Paradox zur Sprache. Im Talmud taucht sie nur einmal auf. Rabbi Hillel hat nie etwas anderes gesagt; vielleicht hat er damit etwas hinreichend Wichtiges gesagt, das ihn geringerer Werke enthob. Aber seine These folgt einer alten Überlieferung. Ich sage nicht, daß es die einzige Überlieferung des Judentums ist. Sollte der Messias ein Mensch sein, sollte der Messias König sein, dann ist das Heil durch den Messias ein Heil durch Stellvertretung. In dem Maße, in dem der Messias ein König ist, ist das Heil durch den Messias nicht dasjenige, in dem jeder sich individuell rettet. Denn es setzt voraus, daß man sich in ein politisches Spiel begibt. Das Heil durch den König, und wäre er der Messias, ist noch nicht das höchste Heil, das sich dem Menschen eröffnet. Der Messianismus ist Politik, seine Erfüllung gehört Israels Vergangenheit an – genau das ist die Stärke der Position des Rabbi Hillel.
[…]
Unmittelbare Beziehung zwischen dem Menschen und Gott, ohne politische Vermittlung. Das geht über den noch politischen Messianismus hinaus, der, gemäß der folgenden Seite des Traktats Sanhedrin, nur von begrenzter Dauer sein wird. Das Judentum liefert also keine Doktrin von einem Ende der Geschichte, die das individuelle Schicksal beherrscht. Das Heil ist kein Teil der Geschichte – nicht ihr Abschluß. Es bleibt in jedem Augenblick möglich.

[…]

Raw sagte: Die Welt ist bloß um Davids willen erschaffen worden. Schemuel sagte: um Moses willen. Rabbi Jochanan sagte: um des Messias willen.
—  Emmanuel Lévinas: Jenseits des Messianismus. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Frankfurt am Main 1996, S. 84 - 89.
Zwei Worte zur Methode, an die unser Kommentar sich hielt und nach der er sich auch bei den folgenden Texten richten wird. Auf keinen Fall beabsichtigen wir, aus der Lektüre unserer Texte die religiöse Bedeutung, die die Lektüre des naiven oder mystischen Gläubigen leitet, auch nicht diejenige, die ein Theologe aus ihnen herauslesen würde. Allerdings gehen wir davon aus, daß diese Bedeutung nicht nur in eine philosophische Frage übertragbar ist, sondern sich auf philosophische Probleme bezieht. Das Denken der Talmudgelehrten rührt von einer ziemlich radikalen Reflexion her, die auch die Ansprüche der Philosophie befriedigt. Eben diese rationale Bedeutung war Gegenstand unserer Suche. Die lakonischen Formeln und die Bilder, die Anspielungen und fast das »Augenzwinkern« , in denen sich dieses Denken im Talmud ausdrückt, können ihren Sinn erst dann preisgeben, wenn man sie vor dem Hintergrund der konkreten Probleme und konkreten Situationen der Existenz erörtern, ohne sich um die offenkundigen Anachronismen zu kümmern, in die man damit zurückfällt. Diese können nur die Eiferer der historischen Methode schockieren, die lehren, daß es dem genialen Denken untersagt ist, den Sinn irgendeiner Erfahrung zu antizipieren, und daß es nicht nur Wörter gibt, die unaussprechbar sind, bevor eine bestimmte Zeit gekommen ist, sondern auch Gedanken, die undenkbar sind, bevor ihre Zeit sich erfüllt.
[…]
Dieses Vertrauen in die Weisheit der Weisen ist, wenn man so will, ein Glaube. Aber diese Glaubensform, zu der wir uns bekennen, ist die einzige, die man nicht diskret für sich zu behalten gezwungen ist, ohne die Schamlosigkeit der Glaubensbekenntnisse, die indiskret auf allen öffentlichen Plätzen ertönen.
—  Emmanuel Lévinas: Der Begriff des Messianismus. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Frankfurt am Main 1996, S. 69f.
Kehrt um zu mir, dann kehre ich mich euch zu.

[…]

In Frieden und Ruhe soll euch geholfen werden. Auch damit beruft […] [Rabbi Elieser] sich auf eine ewige Bedingung des Messianismus oder der Erlösung: die Möglichkeit die Macht der Dinge aufzuheben, Distanz von ihnen zu gewinnen: Friede und Muße der Bewußtwerdung selbst, Freiheit des Denkens. Ohne sie ist die Selbsterneuerung – die Umkehr – nicht möglich. […]
Rabbi Jehoschuas Antwort ist schlagend. Haben der Knecht, der Unterentwickelte, der Proletarier, »der tief verachtete Mann« , nicht bereits ihr Selbstbewußtsein entfremdet, haben sie den Frieden und die Muße, Voraussetzungen der Selbstbesinnung? Ist da nicht der äußere Eingriff notwendig?
Wenn es also notwendig ist, daß die moralische Handlung von innen ausgeht, von dem »Intervall« zwischen Bewußtsein und Meditation, dann muß im Konkreten ein vorhergehendes und objektives Ereignis die Voraussetzung dafür schaffen, es bedarf eines Eingriffs von außen: Messias oder Revolution oder politische Aktion, damit die Menschen überhaupt die Möglichkeit erhalten, zu dieser Muße und zu einem Selbstbewußtsein zu gelangen.
—  Emmanuel Lévinas: Die Ankunft der messianischen Zeit - bedingt oder bedingungslos? In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Frankfurt am Main 1996, S. 78f.