merklich

Der Plan war eigentlich, nicht zu spinnen, weil mein Arm morgens doch merklich geschmerzt hat (wieso, steht in den Sternen geschrieben), allerdings hab ich abends Stash geerbt und, zuhause angekommen, alles artigst und bravst katalogisiert.

Und ein paar Restln auf’s Blending Board geschmissen.

Und dann ~21g Rolags gesponnen, weil wenn man schon Rolags macht muss man sie auch verspinnen, sonst macht das ja alles keinen Spaß.

Der eigene Wert

Nachdem der Film zu Ende ist und wir uns bereits mit den anderen Zuschauern durch den Ausgang drängeln, weiß ich, dass sich nichts geändert hat. Die Stimmung ist immer noch genau so angespannt, wie als wir den Saal vor knapp zwei Stunden betreten haben. Ich weiß nicht mehr, was ich sagen kann, um diese Distanz zwischen uns zu überwinden. Sie hat mich bereits eingenommen und würde jeden neuen Versuch, ein Gespräch zu beginnen, in einem gequälten Grinsen zum Ersticken bringen. Ich bin nicht schuld, das beteuert er immer wieder knapp auf Nachfrage, ob alles in Ordnung sei. Nährt meine Unsicherheit aber immer wieder mit Sätzen alá „Es ist nichts“. Das macht mich merklich unruhig, weil ich keinen Grund ausmachen kann. Ich möchte helfen und fühle mich bei dem Versuch selbst immer hilfloser. Wenn der Mann, mit dem du noch vor ein paar Wochen denselben Humor, verdammt gute Küsse, nach einer durchzechten Samstagnacht auch noch den Sonntagmorgen in seinem Lieblingscafé geteilt, auf jedes nächste Wiedersehen gefiebert oder schlicht dieselben Menschen in seichten Diskussionen vergöttert oder gehasst hast. Aus dir und ihm eine eigene kleine Gang geworden ist und er dich jetzt nur noch mit kühlem Schweigen oder knappen und kargen Worten bedient – dann willst du das nicht einfach hinnehmen.

Ich fühle mich verantwortlich  – auch deshalb, weil ich anscheinend nichts an seiner Laune ändern kann und er sie mit provokantem Schweigen, bewusst desinteressierten „Ahas“ an mir auslässt und mir zumindest das Gefühl einer Teilschuld vermittelt, die man sich in seiner weiblichen Hysterie hin oder her, nicht mehr einbilden kann. Ich sehe ihn von der Seite an, während er seinen Blick angestrengt in die Ferne vor uns legt. „Und“, beginne ich zögerlich, „magst du, dass ich noch zu dir mitkomme?“ Er kneift die Lippen aufeinander und runzelt die Stirn. Noch nonverbal eindeutiger, hätte es eine konkrete Ansage nicht ausdrücken können. Trotzdem sagt er: „Ich weiß nicht – du kannst mitkommen oder es lassen.“ Irgendwas in mir versetzt mir einen gezielten Stich. Ich wünsche mir, er hätte es bei der Mimik belassen. So bleibt es nun irgendwie an mir hängen, zu entscheiden, mit dieser nichtssagenden Antwort umzugehen. Ich spüre Wut in mir aufkommen, weiß aber, dass jeder Ausbruch, so gerechtfertigt er auch ist, gegen mich ausgelegt würde. Ich wollte auch nicht unfair sein.

Ich hatte also die Wahl.

Entweder, mir weiter vormachen, dass ich mit diesem Umgang einverstanden bin und stillschweigend mitgehen. So tun, als ob es mich nicht verletzt zu hören, dass meine Ab- oder Anwesenheit scheinbar keinen Unterschied für ihn macht, seine „Ahas“ nicht gezielt ins Wutzentrum meines Gehirns stechen und mir einreden, dass sein ausweichender Blick nur den fern nachgehangenen Gedanken gilt und nicht meiner bloßen Demütigung.

Oder mich souverän verabschieden und ihm gute Besserung wünschen. Was auch immer ihn innerlich so sehr beschäftigt, dass er es nicht in Worte fassen kann, aber es mir im Umgangs mit mir, zumindest nicht vorenthalten will, dass etwas nicht stimmt.

Es blieb an mir, abzuwägen, was ich bereit war zu ertragen oder viel mehr zu erdulden.


Diese Art von Spielchen waren mir nicht mehr fremd. Ich hatte sie einige Male zu oft gespielt und die kräftezehrende Erfahrung machen müssen, dass man nicht gewinnen kann. Am Anfang dieser rationalen Entscheidungskette ist es nämlich so: Wenn es ihm egal ist, ob du da bist oder nicht, ist die Entscheidung klar: Geh. Atme tief ein, zähle bis drei, aber geh. Bleib höflich, aber bestimmt. Es dreht sich hier nicht mehr um ihn. Nicht mehr um das, was er will, was er glaubt zu wollen oder eben nicht. Es geht hier auch nicht mehr um euch, um ein wir. Ein Team, einen Kompromiss, mit dem sich beide Parteien wohl fühlen. Das ist ein Punkt, an dem sich dieses Spielchen namens „Heiß und Kalt“ auf verdammt dünnem Eis abspielt. Du fühlst dich unwohl, willst die Situation irgendwie noch retten. Du verkrampfst, bei dem Versuch Tau gegen gefühlt einen Laster voll mit explosiven, unbekannten Mischungen zu ziehen. Zu begreifen, ja gar für sich anzunehmen, dass dieses emotionale Laufband, auf dem man sich abmüht, eigentlich kein Ziel besitzt, gleicht einer Niederlage. Obwohl man rein objektiv betrachtet, nichts dafürkann.

So frustrierend das auch ist. So sehr man hadert, versucht, kuscht, sich zurücknimmt, es bleibt ein bitterer Beigeschmack. Zu entscheiden, ob man nachgibt oder endlich auch mal nimmt. Ob man mitspielt, all in geht oder nur geht. Ob derjenige es wert ist, dass man bleibt oder man sich selbst genügend Wert zuspricht, sich selber Grenzen setzt. Chancen vergibt, sich aber auch selber welche einräumt. Ich glaube, gerade in den Momenten, in denen es der andere weder sieht, noch erkennt, ist es wichtig, für sich selbst zu erkennen, einzugestehen und zu sprechen. Denn was wirklich unfair ist, wenn jemand deinen struggle zwischen Liebe und deren Grenzen versucht auszunutzen.

Vielleicht geht man dann einmal mit. Wahrscheinlich zweimal. Aber beim dritten Mal, ist man selber Schuld -und dennoch jedes Mal aufs Neue mehr wert.

Wieder liege ich schluchzend im Bett. Zitternd. Ich kralle mich fest an der Decke, als könnte das irgendwas ändern, als würde mir das Halt geben. Das tut es nicht. Ich rutsche immer weiter hinein in etwas, das ich nicht verstehe. Es bringt mich um. Zwar langsam, aber doch merklich. Und alles was ich sagen kann ist, dass ich nicht mehr will. Ich will nicht mehr kämpfen. Ich will aufgeben. Ich stehe hier, habe alles verloren.
~ L