mau club rostock

Heisskalt Tourtagebuch #2 - Und wenn der Tag bricht

Es läuft: RØDHÅD Boiler Room Set

Wie schnell die Zeit vergeht!

Gerade eben noch standen wir zu Hause im Proberaum und haben eine (vor allem meinerseits) sehr rumpelige Tourprobe abgeliefert und jetzt ist schon eine Woche rum und ich sitze im Backstage des Mau Clubs in Rostock und habe kalte Füße. Ich hätte die Filzpantoffeln von Mama doch mitnehmen sollen (Hallo Mama).

Es fällt mir gerade sehr schwer, die Erlebnisse der ersten Tourwoche zu ordnen und Interessantes von Beiläufigkeiten zu trennen. Ich werde mein Bestes geben! Es geht los:

Nach einer extrem aufregenden und ungewohnt wackeligen ersten Nacht in bereits erwähntem großen Bus mit Betten drin (Das Ding hat 1,3 Millionen Kilometer auf dem Buckel! Wahnsinn. Ich bin mir sicher, dass unser extrem charmanter Busfahrer Holger die auch alle gefahren ist.) wache ich in Hannover auf. Da ist es kalt, alle sind supernett und ich bin überhaupt nicht richtig bei mir. Es fühlt sich einfach nicht so sehr nach Tour an, wenn diese initialen 8 Stunden gemeinsame Sprinter-Dummheit einfach geskippt werden. Meine Stimme gehorcht mir beim Soundcheck immer noch nicht so richtig und ich übertreibe hysterisch mit Schmerzmitteln, aus Angst, die Show nicht zu überstehen. 

Als wir auf die Bühne gehen, stehen ganz schön viele sehr gut gelaunte Menschen davor und haben richtig Bock. Ich hingegen treffe gefühlt keinen Ton, mein Körper ist es nach all der Zeit des Nicht-singens nicht mehr gewohnt, meine Stimme zu stützen und mein armer Hals muss die ganze Arbeit alleine machen. Bei Nicht Anders Gewollt rauche ich völlig ab und wir müssen einen Song von der ohnehin gekürzten Setlist streichen. Den Leuten scheint es trotzdem irgendwie gefallen zu haben. 

Nils und Ilja von den Hirschen und die tolle Sophie (sophiekrische.tumblr.com) sind zu Besuch, was mir die sehr kurze Aftershow-Hangeria versüßt. Ich gehe trotzdem frustriert und genervt schlafen. Könnte ja dann auch jetzt einfach mal wieder funktionieren alles.

Am nächsten Tag in Dortmund schraube ich die Schmerzmittel Dosis komplett runter und nehme erstmal gar nix. Tut weh, fühlt sich aber ein bisschen “echter” an. Ich habe meinen ersten Gitarrenschüler (Marius und ich geben auf der Tour ab und an Schlagzeug- bzw. Gitarrenunterricht. Golf ist ein teueres Hobby). Macht direkt Spaß und bringt mich ein bisschen auf andere Gedanken.

Sparta (unsere Booking Agentur) kommen vorbei und bringen uns Geschenke zum Tourstart. Die sind einfach zuckersüß. Wir warten mit ihnen und  “The Tourist”, mit denen wir vor ca. zwei Jahren unsere erste Show in Köln vor einer handvoll Leute gespielt haben und die heute wieder den Abend eröffnen werden, darauf, dass was passiert. Warten, endlich! Langsam fühlt sich das auch mal nach Tour an.

The Tourist spielen eine tolle Show, der neue Medikationsplan geht auf und wir haben einen wunderschöne Abend vor einem wunderschönen Publikum im wunderschönen (und ausverkauften) FZW. Selbst meine absolute Angstschweiß-Stelle - mein Solo mit “Bestehen” - funktioniert und abgesehen von ein paar Verdrückern, blauen Flecken und dem gewohnten Chaos eines zweiten Konzertes gehe ich erleichtert und beseelt schlafen und drücke mich vor der extrem (!!!!) beschissenen Aftershow-Party. 

Sonntag ist Off. Wir gammeln den ganzen Tag auf dem Parkplatz hinter dem Club im Bus ab und dürfen auf der geilen Gaming-Veranstaltung im FZW kacken gehen - die ca. 1000 mal mehr Klasse hat, als die Party am Abend zuvor, nur um das nochmal erwähnt zu haben. Morgens riecht es da nach Kaffee und Putzmittel, Abends nach Männerschweiß und RedBull. Nach einem ausgedehnten Spaziergang gehen ein paar von uns in Interstellar und sind gespaltener Meinung. Ich finde ihn ja super. Tolle Geschichte, gut erzählt mit schön fluffigem Ende. Und tolle Sonntag-Abend-Länge. Unser Mischer Jonas erwartet eine Physik-Vorlesung und ist enttäuscht. (Das beste ist: Er muss das hier jetzt einfach so stehen lassen und kann sich nicht wehren. Das ist ein wunderbares Gefühl.)

Pizza und schlafen - beides gut!

Montag - Gütersloh. Mittlerweile hat sich ein wenig Routine eingestellt. Interview- und Unterrichtsmarathon (macht immer noch Spaß) und dann ein Konzert vor dem jüngsten Publikum ever - soweit ich mich erinnern kann. Das riecht ein bisschen lustig nach Schulumkleide, ist aber wirklich schön. Mich hat Musik nur selten nochmal so sehr berührt wie zwischen 13 und 18 und irgendwie ist es ein verrücktes Gefühl, vor so begeisterten Heranwachsenden zu spielen - ich sehe mich selbst die ganze Zeit vor mir, wie ich mit 15 auf meinen ersten Konzerten war und sich da plötzlich eine völlig neue Welt vor mir aufgetan hat.

Abends lese ich in Demian weiter (den ich seit Monaten lese, weil ich über jeden Satz 10 Minuten nachdenken muss) und erinnere mich an meine eigene jugendliche Ahnung davon, dass es da noch irgendetwas geben muss. Etwas dunkleres, verboteneres, exzessiveres und viel emotionaleres als alles Bekannte. Und daran, dass ich fast verrückt geworden bin dabei, die Bestätigung für diese Ahnung zu finden. Teenager sein ist echt beschissen. Mein Beileid, ihr Lieben. Aber geht vorbei. Und wird besser. Und beschissener. Stellt auf dem Weg dahin vielleicht nicht unbedingt Fotos von euch ins Netz, auf denen ihr halb nackt seid. (!)

Außerdem: 

Live Premiere meines Features beim Song “How Should I Know” der Blackout Problems (Macht Spaß!) und der Bus ist mittlerweile auch endlich mal ordentlich gefüllt, nachdem die Jungs die ersten paar Tage extra gefahren sind weil sie wichtigeres zu tun hatten, als mit uns zu touren.

Und: Aftershow Pizza! Mit Rucola! Die beste Erfindung, seit es Steinöfen gibt. Omnomnomnomnom. 

Am nächsten Tag folgt ein weiterer Interviewmarathon in Frankfurt und eine ausverkaufte Show (mit Feature unseres Lieblings Hip-Hop-Spastis Rockstah <3), die komplett wahnsinnig ist. Wie in jeder Stadt, in der wir schonmal gespielt haben erinnere ich mich auch hier wieder an das erste Konzert. Im Falle von Frankfurt war das im Club Keller und es waren ca. 3 zahlende Gäste da. Nun stehen wir vor 400 Leuten und es eskaliert schon während Identitätsstiftend, unserem Opener. Abgefahren. 

Das erste Mal bestätigt sich mein Bammel vor meiner Bestehen/Dezemberluft Solo Einlage. Hiermit der Hinweis:

Laute Gespräche ca. 2 Meter vor mir bekomme ich auch mit, wenn ich auf einer Bühne stehe. Wenn ich mich laut und ausgiebig unterhalten will, gehe ich dazu raus oder in ein dunkles Eck. Selbst wenn ich die Band scheiße finde - vielleicht hat ja grade jemand den schönsten Moment seines Lebens. Das sehen 398 Frankfurter auch so. Zweien hingegen ist das vollkommen latte und sie sind zusätzlich völlig immun gegen verbale Kritik. Sehr schwierige Kombination.

Ich träume davon, wie ein Reh und eine rothaarige Frau sich in einem silbern glitzernden Teich im Herzen eines herbstlichen Laubwaldes gegenseitig waschen. Das sieht witzig aus, weil das Reh sehr witzige Hände und Füße hat. 

Düsseldorf beginnt vielversprechend: Kaum ein Interview und somit viel Zeit zum spazieren, schreiben und telefonieren. Das Frühstück ist völlig übertrieben und die 300 Karten schon wieder alle verkauft. Alle guten Vorahnungen bewahrheiten sich und abgesehen von Phils Magenproblemen vor der Show machen die Düsseldorfer extrem Spaß. Thorsten und Kotsche von Callejon schauen vorbei (letzterer hat einen extrem schönen Mantel), was ich sehr nett finde und die Duschen im Zakk sind super. Phil geht direkt nach der Show in den Bus, alle Anderen schweben nach und nach auf einer rosa Endorphin-Wolke hinterher und alles ist meeeeega.

(Düsseldorf // Bild: Viktor Schanz)

Auf der Fahrt nach Bremen wache ich irgendwann davon auf, dass Marius ein paar Zentimeter von meinem Ohr entfernt einen Eimer voll bricht. Das klingt schrecklich und riecht kurz darauf auch so. Phil leidet immer noch. Im Halbschlaf wird der Eimer irgendwie ausgeleert und für eine eventuelle erneute Befüllung mit Düsseldorfer Frühstück gesäubert. Das ganze kommt, wie es kommen muss und als wir gegen 8.00 an der Raststätte Münsterland halten kotze auch ich, auf meinen Adiletten kniend das sich gerade selbst säubernde Sanifair Klo voll, in dem noch die Reste meines Durchfalls schwimmen. Männer im Anzug gucken mich an, als würde ich mir einen Schuss klar machen, während ich mir über dem Waschbecken ein paar Paprikastücke aus meiner Nase pule - einige nach LKW-Fahrer aussehende Dudes sehen verständnisvoll aus - und der ganze Bus stinkt nach Desinfektionsmittel, Scheiße und Erbrochenem.

Natürlich bleibt es dabei nicht und die ganze Band verbringt den Morgen in einer sehr nebligen Hansestadt leidend im warmen Bus. Wir versuchen uns irgendwie ganz leer zu kriegen und gleichzeitig so was wie eine zerdrückte Banane zu essen, um irgendwie spielen zu können. Der Soundcheck ist unterirdisch und ca. einen halben Song lang. “Galle über eine heilende OP-Wunde kotzen” steht ab heute offiziell auf meiner “don’t”-Liste 2014. 

Ich habe im ersten Teil des Tourtagebuchs geschrieben, dass ich noch nie so wenig Bock hatte, ein Konzert zu spielen wie nach meiner Mandel-OP. Tja. Sorry Bremen (traurigerweise ist genau heute meine Schwester mit meinen Neffen am Start, die ihren Schulkameraden mal zeigen wollen, was sie für einen coolen Onkel haben, haha).

Das absurdeste an dem ganzen Tag ist, dass wir tatsächlich auf die Bühne gehen und irgendwie die um 3 Songs verkürzte Show rumkriegen. Ich muss einmal von der Bühne, mich am Ende von Dezemberluft setzen und singe hauptsächlich Irgendwas. Luci packt den ein oder anderen Sprung aus aber ansonsten stehen wir eigentlich einfach rum und spielen schlecht.

Die Bremer sind unverständlicherweise supersüß zu uns und - Premiere - fast alle zum ersten Mal auf einem Konzert von uns. Vielleicht liegt es einfach am fehlenden Vergleich, dass sie uns irgendwie okay finden. Oder sie sind alle aus Hannover hergezogen. Danke auf jeden Fall! 

Phil und ich schlafen in der Lounge und das ist total schön. 

Bis jetzt haben wir noch nicht wirklich herausfinden können, warum es ausgerechnet ausschließlich uns vier erwischt hat und die ganze restliche Besatzung leichtfüßig und sorgenfrei durch den Tag spaziert. Theorien gerne rausballern. Mein momentaner Favorit kommt von Jonas (dem Typ, dem Interstellar zu unrealistisch und nicht wissenschaftlich genug war, ihr erinnert euch) und beinhaltet, dass uns ein erzürnter (mittlerweile vermutlich ex-) Fan einen Fluch auferlegt hat. Klingt plausibel.

Obwohl ich schon weiß, wie es weitergeht verrate ich das jetzt nicht wegen der Spannung. Das machen die so in Hollywood. Außerdem möchte ich, dass Jonas irgendwas an diesem Eintrag gefällt. Und er mag offene Enden. 

Peace out!