magnetband

23. und 24. Oktober 1975

Nachtschicht – von wegen Work-Life-Balance!

Wir sind es im 21. Jahrhundert gewohnt, dass sich das Microsoft Update für das Windows auf unserem Rechner über Nacht von selber installiert und dass anschließend unser System fehlerfrei weiter läuft. Notfalls schaltet sich ein Serviceberater über das WLAN  auf meinen Rechner auf und macht eine Ferndiagnose und online Fehlerbehebung. IT-Experten gehen fest davon aus, dass sie tagsüber neue Software in virtuellen Maschinen testen können, ehe sie diese auf ihre reale produktive Serverfarm übertragen. Speicher ist im Überfluss vorhanden und billig zu haben, so dass alle Daten mit RAID gespiegelt und über Glasfaser in entfernte verbunkerte Notfall-Rechenzentren zur Datensicherung übertragen werden.

So war das aber nicht immer!

Meine Kinder sind alle ohne mein Beisein zur Welt gekommen in Nächten, die ich in den Rechenzentren meiner Kunden verbracht habe. Es geht darum, die Zeitspanne zwischen abends 20 Uhr und morgens 7 Uhr zu nutzen, neue Betriebssystem-Versionen und andere Systemsoftware aufzuspielen und zu testen. So auch in der Nacht vom 23. zum 24. Oktober 1975. Es wird noch zehn Jahre dauern, bis es virtuelle Maschinen gibt, in denen man ein “Gastbetriebssystem” auf Herz und Nieren testen kann. Festplatten werden nicht nach Terabyte Kapazität sondern in Megabyte gemessen und sind sauteuer. Folglich stellt sich kein Kunde eine Batterie Festplatten hin, nur damit wir gelegentlich darauf neue Software testen können. Vielmehr ist es so, dass abends die Produktionsdaten einiger Disks auf Magnetbänder gesichert und die Disks neu formatiert werden. Dann wird die neue Software aufgespielt und getestet.

Wehe, wir sind um 7 Uhr morgens nicht so weit, dass die Disks wieder formatiert und die Sicherungsbänder zurückgespielt sind! Dann würden die Kunden meines Kunden um 8 Uhr vor geschlossenen Schalterhallen stehen, wo sich die Bildschirme befinden, mit denen auf Zählerstände, Kontendaten und andere wichtige Informationen zugegriffen wird, die auf den Disks abgespeichert sind.

Ein Gutes haben die Nachtschichten: Die Systemprogrammierer der Kunden und ihre technischen Berater von den Computerherstellern sind eine verschworene Truppe. Denn die Systemprogrammierer der Kunden müssen ja aus Datenschutzgründen und weil sie das produktive Umfeld am besten kennen, in diesen Nächten immer mit dabei sein. Außerdem können sie nur so die neue Software selbst kennen lernen, für die sie in Zukunft verantwortlich sein werden.

(Gomobu68)

Februar 1974

Licht aus!

Als Azubi in einer Düsseldorfer IT-Firma bin ich im Februar 1974 so weit, dass ich erstmalig auf einen echten Kunden losgelassen werden kann. Für eine Versicherung in Bonn soll ich ein Assembler-Programm schreiben, mit dem 120.000 Datensätze auf einem Magnetband statistisch ausgewertet werden können.

Am Tag meines großen Auftritts darf ich dem ersten Einsatz meines Programms persönlich im Rechenzentrum des Kunden beiwohnen. Man sieht das Band loslaufen. Dann bleiben plötzlich alle Bänder stehen, auch die, welche in parallelen produktiven Sessions benutzt werden. Dadurch wird es im RZ auf einmal mucksmäuschenstill. 

Alle starren auf das Kontrolllämpchen an der Systemkonsole, das plötzlich ausgegangen ist. Normalerweise flackert dieses Lämpchen, weil durch die Zugriffe auf die externen, relativ langsamen Bandstationen und durch den damit verbundenen wechselnden Zugriff der Tasks auf die Prozessorleistung immer wieder kurze Pausen in der Prozessorauslastung eintreten. Dunkel wird das Kontrolllämpchen nur in zwei Fällen:

Entweder befindet sich ein Programm in einer Endlosschleife, so dass diese Task die Kontrolle nicht mehr an das Betriebssystem abgibt. Oder im Betriebssystem ist ein Fehler aufgetreten. 

Mit roten Ohren sitze ich in meiner Ecke. Werde ich jetzt Schuld sein, dass die gesamte Produktion neu gestartet werden muss? Die Lage entspannt sich nach acht Minuten. Was war geschehen? Ich hatte mir mit meinem ersten Assemblerprogramm große Mühe gegeben, hatte sich überlappende Ein-/Ausgabepuffer und Compare-Long Befehle verwendet. Nachdem alle 120.000 Datensätze vom Magnetband in den Zentralspeicher des Computers eingelesen waren, hatte mein Programm diese Sätze solange durcheinander gewirbelt, bis die gewünschten Statistiken alle ausgerechnet waren. Keine Loop also, sondern eine sehr konsequente Nutzung der damals noch sehr bescheidenen Prozessor-Ressourcen. Die Anwendungen des Kunden haben schlicht keine Zeitscheibe des Prozessors mehr abbekommen. Nachdem sich mein Erstlingswerk ausgetobt hat, setzen sich die Magnetbänder für die Anwendungen des Kunden wieder ratternd und jaulend in Bewegung.

(Gomobu68)