lustvoll

Das Periodensystem

Klischees lassen sich ohne viel Zeitaufwand ineinander fügen: Das behütete Mädchen aus gutem Haus trifft auf das vorbestrafte Heimkind, die Medizinstudentin mit Helferkomplex auf den Aktivisten, der die ganze Welt retten will. Wenn die Geschichten trotzdem nicht vorwärts kommen, könnte es auch daran liegen, dass all die Liebschaften zwei natürliche Feinde haben: Timing und Chemie.

Ersteres lässt sich beeinflussen. Ein gescheit konstruiertes Drehbuch samt passender Dialoge und Darstellern mit ein wenig Gefühl für Rhythmus und die Sache mit dem Timing hat sich. Doch wenn die Mehrzahl ihrer Geschichten der einen kanonischen Formel gehorcht, könnte es hilfreich sein, wenn beim Treffen von Boy und Girl noch etwas mehr passiert, als nur das korrekte Aufsagen von Dialogzeilen.

Deutlich wird die Misere immer wieder beim Sex. Da wird kumpelhaft gekuschelt und verlegen gefummelt, es gibt Hochglanz-Akrobatik, die nur autistische Triebbefriedigung ist und darüber hinweg geht, dass echte Erotik nun mal aus lustvoll verunsichernder Nähe entsteht.

Alle Figuren des Seifenkosmos umkreisen einander, manchmal als träge Massen, die einzig die Kraft aufbringen sich abzustoßen, gelegentlich als Elemente der gleichen Klasse, deren Verwandtschaft ein Einvernehmen einträgt, nur selten einmal entfacht sich eine Reaktion, die eine Eigendynamik in Gang bringt. Die Gegensätze ziehen sich nicht automatisch an, der Chemie der Seife wohnt immer etwas Unkalkulierbares inne, das erst im nonverbalen Spiel aufbricht. Oder auch nicht.

Ein Satz aus Proust. Liebe wie eine Landschaft, die flieht, zurücklassen

Wenn er früher oft mit Schrecken daran gedacht hatte, dass er eines Tages aufhören würde, in Odette verliebt zu sein, hatte er sich versprochen, wachsam zu sein und, sobald er fühlen würde, wie die Liebe ihn zu verlassen begänne, sich an sie zu klammern, sie zurück zu halten. Aber es geschah, dass der Schwächung seiner Liebe gleichzeitig eine Schwächung seines Verlangens, verliebt zu sein, entsprach. Denn man kann sich nicht ändern, das heisst, eine andere Person werden, indem man den Gefühlen jener Person gehorcht, die man nicht mehr ist. Manchmal vermittelte ihm der Name, den er in einer Zeitung erblickte, eines der Männer, von denen er annahm, er könne ein Liebhaber Odettes gewesen sein, von neuem die Eifersucht. Aber sie war schon sehr leicht, doch indem sie ihm bewies, dass er noch nicht gänzlich aus jener Zeit heraus war, in der er so gelitten hatte — aber in der er auch eine so lustvolle Art und Weise des Fühlens erfahren hatte —, und die Zufälle des Wegs ihm vielleicht noch ermöglichten, nochmals verstohlen und von fern ihre Schönheiten zu erblicken, verschaffte ihm diese Eifersucht eher eine angenehme Erregung, wie eine letzte Mücke dem trübseligen Pariser, der Venedig in Richtung Frankreich verlässt, beweist, dass Italien und der Sommer noch nicht sehr weit entfernt sind. Doch am häufigsten, wenn er sich anstrengte, diese so besondere Zeit seines Lebens, aus der stammte, wenn nicht darin zu bleiben, so doch einen deutlichen Blick darauf zu erlangen, solange er es noch könnte, erkannte er, dass er es schon nicht mehr konnte; er hätte sich gewünscht, sich diese Liebe, die er grade verliess, wie eine Landschaft, die verschwände, zu vergegenwärtigen; aber es ist so schwierig, doppelt zu sein und sich eine wahrhaftige Vorstellung eines Gefühls, das man zu besitzen aufgehört hat, zu geben, dass er bald, während sich die Dunkelheit in seinem Hirn ausbreitete, nichts mehr sah, hinzublicken aufhörte, sein Lorgnon abnahm, die Gläser reinigte; und er sagte sich, es sei besser, sich ein wenig auszuruhen, es wäre auchnach einem Weilchen noch Zeit dafür, und zog sich sorglos in die Benommenheit des eingedösten Reisenden zurück, der seinen Hut über die Augen zieht, um im Wagen zu schlafen, der ihn, wie er fühlt, immer schneller hinfortträgt, weg von dem Land, in dem er so lange gelebt hat und das er sich geschworen hatte, nicht ohne ein letztes Adieu hinter sich fliehen zu lassen.