leerewelt

Die Leere

1956.
Es begann alles mit dem Streit. Ich bin mir nicht sicher, inwiefern der Streit damit zu tun hatte, aber ich weiß, dass er dabei irgendeine Rolle gespielt hat. Nur die Zusammenhänge sind mir noch nicht so ganz klar, aber das werde ich schon noch herausfinden.

Ich weiß nicht mehr, warum wir uns gestritten haben, aber das ist wohl unwichtig. Beinahe war mir sogar ihr Name entfallen. Julie hieß sie.
Sie schrie mich an, die ganze Zeit.
„…dir wäre es wohl am liebsten, wenn wir alle verschwinden würden, hab ich Recht?!“
Dieser Satz gibt mir seitdem zu denken. Und während ich daran denke, fallen mir wieder ihre Haare ein, wie sie glatt wie Seide an ihren Rücken herunterfielen. Und die Augen werden mir ganz sicher auch noch lange im Gedächtnis bleiben. Ihre wundervollen rehbraunen Augen, von Kurzsichtigkeit geplagt, umrandet von einer großen weißen Brille.

Wütend war ich auf mein Fahrrad gestiegen und um den Streit zu vergessen, fuhr ich zu meinem Tempel der Ruhe, wie ich den Platz nannte. Nicht weit vom Stadtrand entfernt war ein kleines Wäldchen und darin ein Teich.
Immer, wenn ich über irgendetwas nachdenken musste, suchte ich diesen Teich auf, setzte mich an den Rand ins Gras und beobachtete die Wasseroberfläche.
Das Wasser beruhigte mich immer sehr, bis zu diesem Moment, als ich, noch aufgebracht wegen des Streits, mein Fahrrad an einen Baum lehnte und mich wieder auf das kleine begraste Stückchen Waldboden setzte, um einen klaren Kopf zu bekommen.
Ich sah es nicht, doch spürte ich es. Irgendetwas war anders als sonst, die ganze Atmosphäre war unangenehm.
Ich brauchte ganze fünfzehn Minuten um zu bemerken, dass eine vollkommene Stille herrschte. Eine Stille, die so unnatürlich schien, als wäre ich plötzlich taub geworden. Anfangs dachte ich das auch, doch als ich einen Ruf ausstieß, konnte ich das Echo im Tal des Waldes antworten hören.
Kein Vogel sang, kein Wind blies durch die Baumwipfel und keine Ente quakte.
Panik stieg in mir auf, aber ich wusste nicht, warum. Sicher war es seltsam, aber gleich in Panik verfallen?
Und je länger ich wartete und den Teich anstarrte, desto schlimmer wurde es, bis ich dann Hals über Kopf mein Fahrrad packte und so schnell ich konnte wegfuhr.
Während der Fahrt beruhigte ich mich wieder und glaubte schon fast an Einbildung als ich an das gerade erlebte dachte.
Als ich aber in der Stadt ankam, empfing mich hier wieder diese Stille. Und kein Mensch auf der Straße.
Ich fuhr die Straßen entlang, überall lagen Dinge verstreut, als wären Sie einfach fallen- und liegengelassen worden: Zeitungen, Einkaufstüten voller Obst und Brot, Kinderspielzeug, sogar die Autos auf der Straße standen still, der Motor aus.
Und nirgendwo ein Mensch zu sehen. Ich wagte es, zu rufen.
Keine Antwort.
So schnell ich konnte fuhr ich mit dem Fahrrad nach Hause, wobei ich auf die herumliegenden Gegenstände achtgeben musste.
Ich stieß die Tür auf und rief laut Julie’s Namen.
Keine Antwort.
Die Durchsuchung aller Zimmer ergab nichts.
Diesen Nachmittag verbrachte ich damit, durch die Stadt zu fahren und Ausschau nach Menschen zu halten. Doch ich entdeckte niemanden. Wo waren sie alle hin? Eine Geisterstadt!
Am nächsten Tag stahl ich mir ein Auto von der Straße und fuhr in die Nachbarstadt. Dort fand ich das Gleiche vor: Gähnende Leere, kein Mensch zu sehen, und alles einfach stehen und liegengelassen.

2012.
Heute ist mein fünfundsiebzigster Geburtstag. 
Seit jenem Sommertag 1956 war ich auf der Reise gewesen. Immer auf der Suche nach einem Ort, wo noch Menschen waren. Doch waren sie alle verschwunden. Ganz Europa habe ich  seitdem erkundet. Von den felsigen Küsten im Westen Portugals bis zum Norden Norwegens habe ich die Menschen gesucht. Doch die Welt ist leer. Die Städte sind verwildert und die Natur hat sich in dem halben Jahrzehnt vieles zurückgeholt. Fast habe ich meine Sprache verlernt, nur die Bücher, die ich hin und wieder lese, bringen mich dazu, mich zu erinnern.

Nach wie vor glaube ich, dass dieses eigenartige Vorkommnis, falls man es als solches bezeichnen kann, mit dem Streit damals zu tun hatte.
„…dir wäre es wohl am liebsten, wenn wir alle verschwinden würden, hab ich Recht?!“