kunst hassen

Künstler werden hemmungslos idealisiert. Ein bisschen genial, ein bisschen meschugge. Das hat kein Künstler verdient. […] Er müsste sich gegen diese Art von verlogener Lobhudelei wehren. Er spürt jedoch die Dringlichkeit nicht. Er wird in seiner Position als Genie nur noch mehr gestützt. Denn unser Bedürfnis nach dem Anderssein, dem Bessersein, dem Göttlichsein ist groß. Wir sehnen uns nach dem Mut derer, die ihre intuitive Kraft nutzen. Wir sehnen uns nach denen, die über die Stränge schlagen, die durchdrehen, die sich nicht anpassen lassen. Wir suchen die Triebfeder einer Gegenmacht zu unserem gesellschaftlichen Leben. Wir suchen sie auch noch im letzten Winkel einer drittklassigen Matisse-Ausstellung. Wir schreiten andächtig um Martin Honerts öden wackelnden Wackelpudding herum. Wir sind das liebliche Publikum. Wir starren auf Gerhard Richters Malerei und versuchen angestrengt, etwas zu entdecken. Wir laufen an den vielen Bildern der Gemäldesammlungen vorbei, ohne auch nur eines wirklich zu sehen. Wir werden zu einer Masse und vergessen unsere Individualität. Wir haben keine eigene Meinung mehr. Wir schreiten. Von Kunstwerk zu Kunstwerk. Wir halten ausreichend Abstand. Wir wissen nichts. Wir wollen auch nichts wissen. Wir haben Angst. Wir haben keine Ahnung. Wir werden zu einem Bestandteil in einem Schauspiel, das die Rollen klar definiert hat. Wer sich nicht daran hält, wird zurückgepfiffen. Anfassen verboten. Wir konsumieren Kunst als Idee, wir erleben die Kunst selbst nicht mehr. Bevor wir nicht den Irrglauben an das Genie ablegen, wird eine Auseinandersetzung mit der Kunst nicht möglich sein. Deshalb gilt ab sofort: Glorifizierung ist verboten.
—  Kunst hassen (Nicole Zepter)
Das Gesamtsystem „Kunst“ heute, ihre Definition, Produktion, die Auswahl, Beschreibung und Vermittlung, ist zu einem schwer zu enträtselnden Komplex geworden. Kunst ist Mythos, der Museumsalltag ist enttäuschend. Das grenzenlose Spielkind, der einstige Rausch und Statthalter aller Utopien ist fashionable geworden, als beliebtes Ausflugsziel für Rentner, Touristen und Schulklassen. Sie nährt sich von einem Mythos des Weltveränderungsanspruches und ist heute doch nicht viel mehr als ein Teil des Unterhaltungsgewerbes. Ein Event, von der PR weichgespült für den Mainstream. Dieser Mythos schafft eine Kunstwelt, in der Anspruch und Wirklichkeit gegensätzlicher nicht sein könnten. Eine Welt, in der bedeutende Künstler und Meisterwerke überhand genommen haben, in der das Kunstwerk immer noch als Erziehungsinstrument missbraucht wird, in der Kunst gefällig und wieder erkennbar ist, in der Akteure opportunistisch handeln – und in der sich Information über bildende Kunst gerne aus sprachlicher Überhöhung und Floskeln und Phrasen zusammensetzt, die mehr über den Verfasser der Begeleittexte aussagen als über das Werk.
—  Kunst hassen (Nicole Zepter)