kulturtechnik

1997 oder 1998

Phantomtelefonieren im öffentlichen Raum.

Am Hackeschen Markt an der S-Bahn läuft vor mir ein langhaariger Mann telefonierend die Treppe hoch. Handybenutzung im öffentlichen Raum gehört noch nicht zum alltäglichen Stadtbild, deswegen fällt er mir besonders auf. Aber auch weil der Mann sehr aufgebracht zu sein scheint, er spricht laut und klingt ziemlich wütend. Es geht um irgendein Auto, kann ich hören, es wurde ausgeliehen und in inakzeptablem Zustand zurückgegeben. Da der Mann beim Telefonieren den so typischen Schlendergang eingelegt hat, überhole ich ihn noch auf der Treppe und im Vorbeigehen sehe ich, dass er zwar die Hand an sein Ohr gelegt hat, aber sich dort gar kein Handy befindet. Er ist die perfekte Simulation einer relativ neuen Kulturtechnik, inklusive passender Gesprächspausen und veränderter Motorik. Auf dem Bahnsteig bewundere ich das Schauspiel noch eine Weile. Bis die S-Bahn einfährt, kommt es zwischen dem Mann und seinem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung zur Versöhnung.

(sleeplessdarkhorse)

10. Mai 2015

Papier auf Papier, gelernt ist gelernt

Beim Aufräumen finde ich einen Zeitungsausriss, den ich mir schon vor Wochen zum Lesen beseite gelegt habe. Nach dem Lesen finde ich, dass er sehr gut zu einem Buch passt, dass ich auch schon seit langem auf meinem Noch zu lesen!-Stapel liegen habe. Und der Zeitungsausschnitt kommt dann halt irgendwo ins Buch.

Mit dieser über Jahrzehnte gelernten Kulturtechnik werde ich in absehbarer Zeit nicht mehr allzu weit kommen. Die Ausrisse aus der (gedruckten) Zeitung gibt es bei uns im Haushalt (fast) nicht mehr; wie das mit den Büchern weiter geht, ist zur Zeit noch offen. Aber wie ich dann elektronisch das Zusammenführen der Daten ebenso beiläufig und zielführend erledigen werde, noch dazu über die verschiedenen Plattformen und Geräte hinweg, werde ich wohl mir als neue Kulturtechnik erst noch aneignen müssen.

(Thomas Wiegold; Lichtbild v. Verf.)

11. Mai 2015

Bed, Breakfast, Buch. Und eine neue Kulturtechnik

Ich übernachte in einem Bed & Breakfast mit einer gut sortierten Bibliothek, in der ich ein für meine Arbeit interessantes Buch entdecke. Auf der letzten Seite enthält es einen Link und einen Code und den Hinweis darauf, dass man damit das Buch als eBook herunterladen kann. Mit einem kleinen schlechten Gewissen – bisher ging meine Rede deutlich gegen das digitale und noch deutlicher für das gedruckte Buch und zudem zahle ich hier ja nur für Bett und Frühstück, nicht für Bücher – klicke ich drei vier Mal ins Internet und schon ist ein eBook-Reader (Adobe Digital Editions Version 4.0.3.114137) installiert, die Buchdatei bezogen und die Lektüre kann beginnen. Mich interessieren nur bestimmte Stellen, auf die ich über die Suchfunktion zugreife. Mein schlechtes Gewissen wächst; schliesslich geht es um eine wissenschaftliche Arbeit und ich bin mir nicht sicher, wie legitim es ist, originelle Zitate auf so effiziente Art und Weise zu finden. Später wird mir erklärt, dabei handle es sich um eine neue Kulturtechnik, die ohne Skrupel anwendbar sei, sofern in der Arbeit Denkleistungen meinerseits anderswo aufscheinen.

(Franziska Nyffenegger)