komasaufen

Generation X #1 - Die Jugend ist versoffen

 „Die Jugend ist viel zu alkoholaffin, Komasaufen passiert immer häufiger.“ – Wann habt ihr das letzte Mal von Komasäufern gelesen? Wie oft liest man davon? Und vor allem: wo? Ich als nachrichtenaffiner Mensch bekomme das etwa alle zwei Wochen mal mit, ausnahmslos aus der – Schande über mich, aber ja, ich habe ein Abo – Kronen Zeitung. Die alles pusht, was negativ ist. Und als es noch keine arabische Revolution und Wirtschaftskrise gab, hat da mal die Jugend hergehalten. Diese Linie wird jetzt drastisch verfolgt. Schlagzeilenpolitik pur.

Und wer spricht überhaupt noch von „Komasaufen“? Vom Schlagzeilenwort 2008 zum Unwort 2009 zum Blödsinn 2011. Als ob Komasaufen so was Neues wäre. Schon zu Kaisers Zeiten gab’s den ein oder anderen Penner (Penner steht hier nicht für Obdachlose, sondern für die umgangssprachliche Bedeutung – einen asozialen Idioten), der seine Grenzen nicht kannte und nicht mehr stehen konnte. Und darüber wurde sicher auch schon vor diesem Jahrtausend berichtet. Was ist daran neu? Warum sind wir auf einmal die Sündenböcke dafür?

Ich bin mir sicher, eure Jugend, verehrte ältere Menschen, sah auch nicht großartig nüchterner aus. Ich meine, wir haben genauso Freunde, Familien, Schule, manche schon Jobs, und zuzüglich noch andere Ablenkungen wie das Internet und – kommt drauf an, wer das hier jetzt liest – das Fernsehen. Wir haben auch anderes zu tun, als uns den ganzen Tag lang vollzusaufen. Für die meisten von uns ist es so, dass einmal fortgehen in der Woche legitim ist. Weil’s Spaß macht und weil’s in stressigen Zeiten auch mal ein guter Ausgleich ist. Weil man sich’s leisten kann. Einmal in der Woche. Manche gehen auch zweimal, in Ferienwochen dreimal. Aber die, die jeden Tag in der Woche in den Kneipen sitzen und saufen bis sie blau sind – die würde ich nicht als Teil meiner Generation bezeichnen. Oder kennt ihr Schüler, die das tun? Checkt mal euren Freundeskreis durch.

Wir haben gelernt: Die Jugend ist nicht versoffen. Es wirkt möglicherweise so, weil man sich herrlich darüber aufregen kann, und nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Außerdem sind frühere Generationen in diesem Punkt nicht großartig anders. Übrigens: Versoffen ist ein böses Wort. „Alkoholaffin“ trifft’s besser. Wenn die Jugend versoffen ist, dann ist sie alkoholsüchtig und kann nicht mehr davon loskommen – wie diverse Erwachsene also. Alkoholaffin ist, SMS zu verschicken wie „Yo, es is Somstog, gemma fuat? Vorglühn bei dir?“. Vom moralischen Standpunkt her ist natürlich jeder Tropfen Alkohol zu viel, aber erstens überschreitet diese Schwelle wohl jeder, zweitens ist das legitim und drittens – wenn ich in einem Vorwurf zustimme, dann darin, dass die heutige Jugend „Moral“ wieder ganz anders auslegt und versteht als ihr. In diesem Sinne, Prost, schönen Abend noch.