kleinergast

Foto CC BY-SA 2.0 by Jorge Gonzalez

Ich will und wollte nie „die Ausländerin“ sein. Aber andere entscheiden jeden Tag aufs Neue für mich, dass ich genau das bin. Ich rege mich über diese Zuschreibung auf. Will aufklären und verdeutlichen, wer ich bin und dass ich nicht unter einem Begriff zusammengefasst werden kann. Doch jeden Tag aufs Neue dagegen anzukämpfen, kostet Kraft und Energie und an manchen Tagen fehlt mir die Kraft, wieder zu diskutieren, wieder zu erklären und wieder zu merken, dass mir nicht geglaubt wird. Aber in den letzten Wochen habe ich immer wieder das Gefühl, ich müsste mich noch mehr rechtfertigen, mich noch mehr erklären. Dabei bekomme ich immer mehr Angst. Angst vor dem, was hier in Deutschland gerade passiert.

Unsere Gastautorin Amina schreibt über Alltagsrassismuserfahrungen in den Zeiten von Pegida: “Die Angst bleibt”

Triggerwarnung: Beschreibung einer Fehlgeburt

„Ich kann den Herzschlag nicht finden“, sagt meine Frauenärztin zu mir. Ich bin im fünften Monat schwanger und kann das Baby auf dem Bild sehr gut erkennen. Kopf, Wirbelsäule, Beinchen „Dann gucken Sie halt genauer“, denke ich. Sie fährt mir noch ein paar Mal über den Bauch, sagt nichts und holt dann ihre Kollegin. Ich denke an alles Mögliche: „Gerät kaputt? Kind liegt verkehrt? Frauenärztin doof?“, aber erst nachdem die zweite Frauenärztin mir auf der Bauchdecke herumstochert und zu ihrer Kollegin sagt „Den Befund muss ich leider bestätigen“ und mir dann mit den Worten „Tut mir furchtbar leid“ die Hand gibt, dämmert mir, dass irgendwas wohl nicht in Ordnung ist.

Unsere Gastautorin Barbara schreibt über ihre Fehlgeburt in “Gezeugt, geboren, begraben”

Trotz der ausweglos erscheinenden Lage lege ich euch nun ans Herz (haha!), für sämtliche Dienste, von Facebook über Twitter und Gmail bis hin zu eurer Bank, bei der ihr Online-Banking nutzt, zu schauen, ob sie bereits Entwarnung gegeben haben und dann dort umgehend eure Passwörter zu ändern.

Bei Diensten, die sich nicht äußern: schließt eure Accounts oder nervt deren Support so lange, bis sie Bescheid geben.

Solltet ihr jemals “Mit Facebook einloggen” oder “Mit Twitter einloggen” (das Verfahren nennt sich “OAuth”) auf einer anderen Seite genutzt haben (zum Beispiel, um euch bei Diensten wie Instagram oder Spotify anzumelden), solltet ihr diese Erlaubnisse widerrufen. Bei Twitter geht das unter https://twitter.com/settings/applications. Wie es bei Facebook geht, wird unter diesem Link erklärt. Wenn eindeutig klar ist, dass diese Dienste nun auch wieder sicher sind, könnt Ihr euch erneut damit anmelden.

An dieser Stelle ist es auch noch mal sinnvoll, auf Passwortmanager wie 1Password und LastPass hinzuweisen, die es einfacher machen, für viele verschiedene Dienste unterschiedliche und sichere Passwörter zu vergeben und zu verwalten. Glücklicherweise sind diese Dienste nicht von dem Problem betroffen.

Ein Gastbeitrag zum so genannten “Heartbleed Bug”, einer Internet-Sicherheitslücke, die vor wenigen Tagen bekannt wurde und die uns alle angeht: “Das Internet brennt. Heartbleed, die Welt und Du.”

Foto CC BY-SA 2.0 by West Midlands Police

[Triggerwarnung: Triggerwarnung: Schilderungen häuslicher Gewalt] Ich war im neunten Monat schwanger, als ich mit einem zerplatzten Trommelfell beim Ohrenarzt saß. Der Vater meines Kindes hatte mir mit der flachen Hand auf das linke Ohr geschlagen, nachdem er mich zu Boden geworfen hatte. Er hatte über mir gekniet, über meinem Bauch mit unserem gemeinsamen Kind und auf meinen Kopf eingeschlagen. Ich schrie, ich rollte mich zusammen, ich konnte meinen Bauch nicht richtig schützen und nicht meinen Kopf. Irgendwann ließ er ab, ich sagte: “Mein Ohr, mein Ohr”, er sagte “nichts ist mit Deinem Ohr”, und ging.

Ich saß beim Arzt, unfähig, mir eine Geschichte auszudenken. Er fragte: “War das der Vater?” Und dann: “Sie schlagen alle immer auf das linke Ohr. Wenn es das linke Ohr ist, dann war es immer der Mann.”

Es war nicht das erste Mal, dass er mich schlug, und es blieb nicht das letzte. Und trotzdem sollte es noch zwei Jahre dauern, bis ich in der Lage war, zu gehen. Darüber schämte ich mich am meisten, bis heute so sehr, dass ich diesen Text nur anonym schreiben will. Ich blieb bei ihm. Ich – die überzeugte Feministin. Ich, die keine Scheu hat, aufzufallen, laut zu widersprechen, auch in großen Runden. Ich blieb bei einem Mann, der mich mehr als einmal geschlagen hat.

Eine anonyme Gastautorin berichtet über ihre Erfahrungen mit häuslicher Gewalt: “Jede fünfte Frau erlebt häusliche Gewalt. Ich bin eine von ihnen.”

Foto © atari_elle

Schon bald sind auch die letzten Lücken erfolgreich geschlossen. Bevor wir das Event online stellen und überall ankündigen können, braucht es noch einen passenden Beschreibungstext – der Punkt, an dem das Herzblutprojekt erst Kopfschmerz, dann Bauchschmerz wird. Ich starre auf den Bildschirm. Und schreibe sofort los. Zögere. Lösche. Warte. Gucke. Tippe. Lösche. Raufe mir die Haare. Warum kann ich nicht einfach zu einer Partynacht mit hervorragender DJ-Auswahl laden? Sobald Frauenköpfe unter den Kopfhörern stecken, wird es politisch. Die Schreibblockade kommt aus meiner Zerrissenheit: Einerseits sehe ich die dringende Notwendigkeit einer feministisch motivierten Party, andererseits nervt mich eben diese Betonung – gerade aus dem Grund, dass sie immer noch notwendig ist.

Unsere Gastautorin Constanze schreibt darüber, warum es ihr am Herzen liegt, weibliche DJs zu fördern und wieso sie deshalb eine entsprechende Partyreihe mitorganisiert – “Gender Party Trouble – Warum wir die Nightingrrrls ins Leben gerufen haben”

In letzter Zeit ist die Diskussion um schlechte Verbündete wieder häufiger aufgekommen. Dabei wollen einige Leute wissen, woran sie schlechte Verbündete erkennen können, andere wollen wiederum erfahren, ob sie sich selbst schädlich verhalten. Die folgende Liste – erstellt im ungemein beliebten Internetquiz-Stil – soll euch anhand gängiger Problempunkte helfen, herauszufinden, ob ihr selbst ein schlechter Verbündeter seid oder ob das auf andere Leute zutrifft. […]

• Verbringst du viel Zeit damit anderen Leuten zu sagen, was für ein „toller Verbündeter“ du bist?

• Behauptest du, niemals Fehler zu machen oder in gewaltsamer Weise zu handeln?

• Beschwerst du dich über Räume, die ausschließlich Mitglieder einer unterdrückten Gruppe zulassen, weil du selbst dann nicht dabei sein kannst?

• Benutzt du bevormundende Formulierungen (z.B. indem du eine erwachsene Person als Kind bezeichnest) wenn du mit oder über Leute aus der Gruppe sprichst, deren Verbündeter du bist? (20 Punkte pro Vorfall)

• Verwendest du Beleidigungen wenn du mit oder über Leute aus der Gruppe sprichst, deren Verbündeter du bist? (1000 Punkte pro Vorfall).

Woran erkennt man eigentlich schlechte Verbündete im Kampf für Geschlechtergerechtigkeit? Findet es heraus mit “Schlechte Verbündete – Das Quiz”, einem Gastbeitrag von Julie Pagano.

Foto CC BY-NC-ND 2.0 by lordkhan

In Deutschland wird sexuelle Belästigung bagatellisiert – auch am Arbeitsplatz. Einmal an die Brust fassen, einmal in den Po kneifen, einmal zu lange in den Ausschnitt starren – alles nicht so schlimm. Die Überschreitung weiblicher Grenzen ist in unserer Gesellschaft offenbar so sehr Normalität, dass selbst RichterInnen großzügig ein Auge zudrücken und fragwürdige Urteile fällen. Das zeigt aktuell ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das vor kurzem vielfach in den Medien besprochen wurde. In dem entschiedenen Fall geht es um einen Kfz-Mechaniker, der einer Reinigungskraft, Frau M, unter vier Augen sagte, dass sie schöne Brüste habe und ihr dann ungefragt an diese fasste. Der Arbeitgeber hat dem Mechaniker aufgrund dieses Vorfalls außerordentlich – das heißt fristlos – gekündigt. Das Bundesarbeitsgericht hat die Kündigung Anfang Februar wieder aufgehoben.

“Neues Urteil verharmlost sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz” von Gastautorin Dalia

Foto CC by NC SA 2.0 by Marian Rainer-Harbach

Das Wort „Gewalt“ wäre mir zu der Zeit nie über die Lippen gekommen. Gewalt fängt da an, wo ein „Nein“ nicht akzeptiert wird – aber ich sagte immer „ja“. Gewalt fängt da an, wo Männer sind – aber ich war mit einer Frau zusammen. Gewalt fängt da an, wo Schmerz ist – aber ich verspürte keinen. All das dachte ich, trotz (queer) feministischer Filterbubble und dem Wissen um Consent Culture. Das ist doch keine Gewalt, dachte ich. Niemals. Und doch erfuhr ich Gewalt, auf eine ganz verdrehte, unsichtbare Weise.

Gastautorin @grrrlghost hat sexuelle Gewalt in einer lesbischen Beziehung erfahren – etwas, worüber sich selbst in feministischen Kreisen nicht immer so leicht reden lässt. Sie schreibt darüber in “Es war keine Gewalt!”

Foto CC BY-NC-SA 2.0 by tdeluxe

Nach außen war sie eigentlich immer fröhlich, und so fühlte sie sich auch meistens. Aber gleichzeitig fühlte sie sich gefangen, denn seit sie geboren war, steckte sie in einem männlichen Körper. Ihr ganzes Leben bestand aus zwei Gegensätzen. Sie wollte gerne all die Mädchensachen machen. Wünschte sich, dass sich ihr Körper wie der der anderen Mädchen entwickelt. Auf der anderen Seite traute sie sich nicht über ihre Gedanken und Gefühle zu reden und machte alles, damit niemand merkte, wie sie wirklich fühlt. Sie baute in ihrem Kopf viele männliche Verhaltensregeln auf und spielte ihre Rolle so gut, dass für alle klar war, sie sei ein glücklicher Junge. Doch vor zwei Jahren erkannte sie sich selbst nicht mehr. Ihre sich selbst auferlegten Regeln machten sie zu einer Person, die sie nicht mehr kannte. Dieses breitbeinige Laufen. Der Zwang, immer die starke Persönlichkeit sein. Der Druck und der Zwang, die Rolle eines Mannes zu spielen, waren einfach zu viel.

Stefanie beschreibt in ihrem Gastbeitrag ihren Weg als Transfrau

083_Ich will verstanden werden. Ich will verständlich sein. Ich will ein Publikum.

082_Ich will nicht wählen müssen – zwischen Essays und Romanen. Die (wenigen) Hildesheimer Absolvent*innen, die eine zugkräftige Autoren-Vita brauchen, vernebeln gerne den Creative-Writing-Schwerpunkt und lassen den Journalismus fallen: „Er studierte Literarisches Schreiben“, „Sie studierte am Institut für Literatur“. Für mich bitte weiterhin – deutlich, empathisch, glücklich: „Er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus.“ Ich bin beides – Autor und Journalist. Und, formal: Diplom-Kulturwissenschaftler.

081_Ich will glauben, dass mein Abschluss einen Unterschied macht – und, dass es richtig war, fünf Jahre lang um dieses Diplom zu zittern. Doch ich musste lachen, als ein Zuhause-Freund gratulierte: „Jetzt werden sich deine Honorare ändern! Du kannst überall sagen: ‘Ich schreibe keinen Text für 100 Euro! Ich bin diplomiert! 1,0!’“

Stefan Mesch schreibt gerade seinen ersten Roman und zieht in “Irgendwas mit Schreiben: Diplomschriftsteller im Beruf” eine Bilanz übers Autor_innendasein.