kirschrot

Manchmal wurden einem Dinge erst bewusst, sobald man davon erzählte. Behielt man Dinge für sich, konnte man sie schöndenken, verzerren oder gar verdrängen. Doch sprach man sie aus, dann stand die Wahrheit unwiderruflich im Raum. Lachte einem ins Gesicht und schrie einem entgegen, was man nicht wahrhaben wollte.
—  Kirschroter Sommer
Kirschroter Sommer

Liebe war ein Geschenk, Liebe machte das Leben lebenswerter und so viel schöner, als es ohne jemals sein könnte. Gleichzeitig trug Liebe aber so viel Macht, so viel Dunkelheit in sich, dass ihr Schatten Menschen unter sich vergraben vermochte. Liebe konnte alles zerstören, was man sich aufgebaut hatte.

Du hast eine Wirkung auf mich, die ich nie in Worte fassen könnte. Es ist mehr als verliebt sein. Es ist etwas viel Tieferes. So als wärst du das, was mir immer gefehlt hat. Wenn ich nicht bei dir bin, fühle ich eine Leere in mir, und nur du kannst diese Leere füllen. Ich brauche dich nur anzusehen und schon vergesse ich alles um mich herum. Es ist, als hättest du mich mit einem Fluch belegt … Einem positiven Fluch.
—  Türkisgrüner Winter, Carina Bartsch
Dimitri Bauer

Wenn Dimitri Bauer aus Kasachstan nicht die unangenehme Eigenschaft gehabt hätte, der Welt jederzeit seinen Penis zu präsentieren – unabhängig davon, ob diese jenen sehen wollte oder nicht! - dann sähe mein Leben heute anders aus.

Es gibt einen Film aus den 90ern, in dem eine Frau aus einem Zug steigt und in einer späteren Szene eben nicht aussteigt, den Titel hab ich natürlich vergessen. Auf alle Fälle geht es darum, dass aufgrund einer winzigen Sekunde ihr Leben eine andere Wendung nimmt, weil sie eben nicht aus dem Zug steigt und so weiter, Sie kennen das und Sie kennen das auch mit dem Flügelschlag des Schmetterlings und dass er die Welt verändern kann. In meinem Fall war es kein zitronengelber zitternder Schmetterlingsflügel, der meine Welt und mein Leben veränderte, sondern ein vor Wut kirschroter Dmitri Bauer, 22 Jahre alt, von untersetzter Statur, der, die Hand an seinem Penis -  gottseidank von seiner Buggy-Jeans verdeckt - affenartige Bewegungen ausführte, als ich 10 Minuten vor dem Klingeln aus der N2b kam.

Ich präzisiere: Dmitri Bauer. Ich. N2b. Schulhof. Affe. Penis. Schnitt - Stellen Sie sich einfach einen Pavian vor, der den Weibchen sein Geschlechtsteil mit imperialer Geste präsentiert und dabei die Zähne fletscht.  DAS sah ich, als ich aus der Klasse kam und ehrlich gesagt erschloss sich mir die unmittelbare Bedeutung dieser Körperhaltung nicht auf den ersten Blick. Vermutlich lag das daran, dass ich kein Pavianweibchen bin.  Im ersten Augenblick hielt ich es für eine typische interkulturelle Kommunikationsstörung: Östlich von Moskau bediente man sich vielleicht gelegentlich einer kreativeren Körpersprache als in Mitteleuropa. (Ein Satz, den ich selbstverständlich niemals im Lehrerzimmer ausgesprochen hätte – jedenfalls nicht nachdem ich an der gruppendynamischen Lehrerfortbildung „Auch du ein Rassist?“) teilgenommen hatte. Aber ich schweife ab, das hat mit meinem Beruf zu tun. Offenbar war ihm klar, dass ich seine Message allein aufgrund der Körperhaltung kaum würde dechiffrieren können, auf alle Fälle artikulierter er ein deutliches und für alle Anwesenden vernehmbares „Ich fick dich, Schlampe!“ und fuhr fort, mit der rechten Hand seinen – immer noch, gottseidank, in der Hose gebliebenen – Unaussprechlichen zu massieren. „Mit Kleinigkeiten gebe ich mich normalerweise nicht ab“, sagte ich mit Blick auf seine Präsentation männlicher Bescheidenheit. „Wenn Sie weiter so den Unterkörper nach vorne schieben, riskieren Sie einen Bandscheibenvorfall. Im Übrigen heißt es Sie, und das S schreibt man groß, Sie erinnern sich?!“ Dmitri starrte mich an.  Ich hatte mir den Tipp „Überraschungsmomente nutzen“ eingeprägt:   Ich drehte mich um und ging so cool es mit einriemigen Birkenstocklatschen möglich ist, den Gang hinunter Richtung Lehrerzimmer. Meiner Ansicht nach ist es schwierig, in Birkenstock Würde auszustrahlen, in diesem besonderen Fall wurde es durch den Umstand erschwert, dass ich einen Tageslichtprojektor von 1977 unter den linken Arm geklemmt hatte und 37 Klassenarbeitshefte der N3c unter den rechten. Und da, in diesem Augenblick, als ich die Tür aufschloss und in die Gesichter meiner Lehrerkollegen sah, wusste ich, dass etwas anders werden würde. Ich wusste auch, dass ich nicht den Mut haben würde, die Brocken hinzuschmeißen. Ich wusste, dass ich mein gesichertes Beamteneinkommen auf keinen Fall würde aufgeben können, nicht, solange meine Mutter noch lebte, dass ich nie, niemals den Mut aufbringen würde, den Schulschlüssel abzugeben und einfach zu gehen. Aber ich wusste, dass ein „Anders“ auf mich zukam und ich wusste, dass ich damit wahrscheinlich nicht zurechtkommen würde und ich wusste, dass ich darüber mit einem Therapeuten würde sprechen müssen. Das alles wusste ich. Und dass ich Ihnen diese Geschichte erzählen würde, auch das wusste ich und dass Sie mir vermutlich kein Schwein glauben würde, angefangen von Dmitri Bauers Penis Präsentation. Aber das war mir gleichgültig. Die Sonne schien durch das Lehrerzimmerfenster. Ich würde mein Leben ändern. Nur wie?