khomenei

»Ich ließ mich, wie man sagt, von der Menge treiben, überall sah ich glückliche, weit aufgerissene Gesichter, Autos standen quer auf der Straße, die Menschenmassen brandeten die Alleen hoch, ich sah in die Luft gehaltene Gewehrattrappen aus bemaltem Holz, Kinder trugen Handgranaten aus Pappmaché an ihren Gürteln, grüne Luftballons flogen in den verhangenen Winterhimmel hoch, ein Fernsehapparat, den irgend jemand aus einem Hochhaus geworfen hatte, zerschellte auf dem Asphalt.

Frauen verhüllten ihre Gesichter vor mir mit schwarzen Stofftüchern, ein Mann spuckte mir auf die Schuhe, ein anderer drängte ihn weg, nahm mich in den Arm, drückte und küßte mich auf beide Wangen, immer wieder.

Ich lief stundenlang durch die riesige Stadt. Etwas Neues war geschehen, etwas völlig Unfaßbares, es war wie ein Strudel, in den alles hineingesogen wurde, was nicht festgezurrt war, und selbst diese Dinge waren nicht mehr sicher. Es schien, als gäbe es kein Zentrum mehr, oder gleichzeitig nur noch ein Zentrum und nichts mehr darum herum.

In einem Park sah ich einen Clown, der große rote Schuhe trug, er fütterte Tauben mit Erdnüssen oder Popcorn. Um sein Handgelenk hatte er vier bunte Luftballons gebunden. Auf seinem weißgeschminkten Gesicht war ein gütiges Lächeln eingefroren. Er hockte sich hin, und die Taubenschar umringte ihn, einige saßen auf seinen Schultern, schlugen mit den Flügeln und zankten sich um die Nüßchen.

Plötzlich sprangen vier schwarzgekleidete, bärtige Männer aus einem Gebüsch und stürzten sich auf den Clown. Die Tauben schreckten unter lautem Geflatter auf. Der Clown fiel zu Boden und hielt sich die Hände vor das geschminkte Gesicht, während die Männer ihn mit ihren Stiefeln traten, in die Nieren und an den Kopf. Als er sich nicht mehr bewegte, hörten sie auf, wandten sich ab und gingen wieder Richtung Ausgang, fast gelangweilt. Ein exotischer Vogel schrie in den Bäumen. Später sah ich, wie sich ein Polizist hinkniete und die Füße eines Geistlichen küßte, und mir wurde so übel, daß ich mich dabei fast übergeben mußte.«

||| Christian Kracht, 1979

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AJE: Iran marks death of Khomenei

As Iran commemorates the 22nd year since the death of the Islamic Republic’s founder, Ayatollah Khomenei, the supreme leader, Ayatollah Ali Khamenei, has used the occasion to remind the country of Khomeini’s vision. Al Jazeera’s Dorsa Jabbari reports from Tehran on the occasion against the backdrop of a power struggle.