illegal un

Alles Trauer - Deutscher Rap kommt nicht klar

Bis vor wenigen Tagen war mir der Begriff „Zinker“ ehrlich gesagt wenig bis überhaupt nicht geläufig. Lediglich ganz weit hinten in meinem Hinterkopf befand sich der dunkle Hinweis auf einen Edgar Wallace Film, mit gleichem Namen und Klaus Kinski in der Hauptrolle. Daran allerdings dürften sich die meisten Deutschrap-Durschnittshörer nicht unbedingt erinnern, stammt der Film doch aus dem Jahr 1963, und ist somit ungefähr 20 bis 30 Jahre älter als diese Personengruppe.

Umso erstaunlicher ist es, dass der Begriff nun in aller Munde ist und dass alle möglichen Leute damit herum hantieren. Plötzlich sind alle Verbrecher und sprechen Räuberlatein.

Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass Farid Bang seinem Rap-Rapper-Kollegen Fler vorgeworfen hat, dieser sei ein „LKA-Zinker“, was so viel bedeutet, dass dieser bei der Polizei gegen seine ehemalige Freunde ausgesagt habe. Freunde und auch ehemalige Freunde zu verraten ist mies, weshalb man immer darauf achten sollte, wen man sich zum Freund nimmt. Fler hat das vielleicht nicht mit der nötigen Sorgfalt beachtet, allerdings bin ich nicht in der Position, um das zu beurteilen und auch nicht, ob an diesen Vorwürfen irgendetwas dran ist.

Wenn ein Mensch zur Polizei geht, um dort eine Aussage zu tätigen, dann wird er dafür seine Gründe haben. Zunächst einmal ist das sein gutes Recht in der Bundesrepublik Deutschland. Auch wenn ich nicht allzuviel von diesem Staat halte, so finde ich es doch verwunderlich, wie sich Halb Rap Deutschland über diesen Sachverhalt aufspult und so tut, als wäre es die größte Schande der Welt, zur Polizei zu gehen. Plötzlich sind alle in der Mafia, haben das Schwert geküsst und es gilt die Omerta.

Das ist ehrenwert, allerdings würde ich mir dann auch wünschen, dass dieses Schweigegelübde auch auf youtube-Videos, Twitteraccounts und Facebookprofile ausgedehnt werden würde. Ich kann diese ganze Scheiße nicht mehr hören, von wegen „Loyalität und Verräter“, „gerade machen“ und Insiderausdrücken wie „starker Rücken“. Wo sind wir denn eigentlich hier? Seid ihr alle weich in der Birne? Ein deutscher Rapper soll zur Polizei gegangen sein. Na und? – Trotzdem beherrscht das Thema seit Wochen die Schlagzeilen, sämtliche Rap-Portale spielen ohne Widerspruch mit und mittlerweile passieren Sachen, die nicht mehr klar gehen. Eindeutige Todesdrohungen werden formuliert, in- und außerhalb von Rap-Texten und Rapper stürmen das Konzert eines anderen Rappers, weil sie mit ihm „reden“ wollen.

Ich kenne diese Art von „Unterredung“, die meist in Anwesenheit von mehreren „Begleitpersonen“ getätigt werden und in deren Rahmen dann auch gerne mal ein „Stadtverbot“ ausgesprochen wird. Das ist keine wirklich konstruktive Atmosphäre, um klärende Gespräche zu führen und wenn man wirklich nur „reden“ will, dann müsste man das vielleicht ein wenig anders angehen.

Will man allerdings einschüchtern und Stärke beweisen, dann sind solche „Besuche“ das richtige Mittel. Allerdings kann ich mich auch noch sehr gut an ein Konzert in Berlin erinnern, in dessen Verlauf ebenfalls die Bühne gestürmt wurde, weil sich ein paar Berliner Rap-„Künstler“ auf den Schlips getreten gefühlt haben und ich kann mich ebenfalls daran erinnern, wie scheiße ich diese Aktion damals fand.

Das ist scheiße, das war scheiße und das wird für immer scheiße bleiben, allerdings habe ich in diesem Zusammenhang einen kleinen Vorschlag: Nächste Woche Samstag soll in Bochum eine Demonstration der „Kameradschaft Volkssturm Deutschland“ gegen ein Flüchtlingswohnheim in der Bochumer Wohlfahrtstraße stattfinden. Das sind richtige Neonazis und Google-Maps sagt mir, dass Bochum gerade einmal acht Minuten weiter entfernt ist, als Köln. Ich würde es sehr feiern, wenn Ihr Eure Ärsche am 01. Februar dorthin bewegen würdet und auch Eure “Begleitpersonen” mitnehmen würdet, um dort mal ein paar Stadtverbote auszusprechen. Dann hätte das Ganze vielleicht mal einen Sinn.  

Ansonsten fehlt mir für das, was da gerade passiert, jedes Verständnis.

Ja, es gibt in Deutschland organisierte Kriminelle. Ja es gibt, Gangs und Banden und ja es gibt auch hier in diesem Land Lebensbereiche, in denen die Geschäfte ohne Staatsanwaltschaft, Staat und Polizei getätigt werden. Schlimm genug, dass es das gibt. Schlimm genug, dass es so etwas in einer Gesellschaft überhaupt geben muss. Schlimm genug, dass das nur die Kehrseite eines mörderischen Systems ist, das die Menschen gnadenlos nach „verwertbar“ und „nicht verwertbar“ aussortiert und schlimm genug, dass wir das alle nicht wirklich checken, uns gegenseitig bekämpfen und in unserem Hustle nach Geld und immer mehr Geld über Leichen gehen – legal genauso wie illegal.

Der Materialismus hat uns im Würgegriff und ehrlich gesagt sind wir alle gleich. Ob Arbeiter, Rapper, Hartzer, Gangster, Journalist, Zuhälter oder Unternehmensmanager. Allesamt sind wir Nutten, die wir uns verkaufen und unsere Haut zu Markte tragen müssen. Mehr haben wir nicht. Mehr kriegen wir nicht, wenn wir nicht dagegen kämpfen und nur weil manche von uns im größeren Käfig sitzen, sitzen wir immer noch im Käfig.  

Kommt mal wieder klar! Der wahre Feind steht ganz woanders. Ich mag euch trotzdem.

Herzliche Grüße

Staiger