hoch runter

Stell dir vor die Person die du vermisst, ist ein Anker. Dieser Anker hat dich davon abgehalten zu ertrinken, dem Leben zu früh zu entrinnen. Stell dir jetzt vor dass der Anker weiter treibt, weil ein Sturm aufzieht. Durch den Sturm verlierst du den Halt und so musst du den Anker loslassen und treibst im Meer, bist am ertrinken. Stell dir jetzt vor, der Sturm legt sich, das Schiff kommt zurück und will den Anker wieder zurück lassen. Doch das Getriebe hat eine Störung und so wird der Anker hoch und runter, aus dem Wasser und wieder rein gezogen. Du versucht jedes Mal ihn zu greifen aber er ist zu weit weg.

Es bringt nichts über verlorene Personen zu reden. Denn das Reden über Sie ist vergleichbar mit dem auf und abziehen des Ankers. Egal wie oft du über Sie redest, egal wie oft du nach ihnen greifst, diese Personen kommen nicht mehr zurück.

Astronaut

Du hast Slavistik studiert und wolltest nach Russland ziehen, mehr weiß ich nicht, bis heute nicht, aber was sagt man nicht alles, wenn die Sonne aufgeht. Ich kenne dich von dem Tag, als Deutschland Weltmeister wurde. Du meintest, du würdest vor dem Schlafen noch Flaggen zerschneiden, no Border, no Nation und so, ich solle doch mitkommen. Ich nickte und lachte und verschwieg, dass ich später selbst in Kreuzberg das Finale gucken würde, blinzelte schweigend in die Sonne, war ohnehin zu high um mich zu artikulieren, wusste nichts, außer dass ich hier sein wollte, bei dir, umhüllt von deiner Aufmerksamkeit und der bebenden Mechanik Frau Meissners.

Es war der letzte Tag am See. Wir saßen am Ufer und gruben unsere Zehen in den kühlen Sand. Ich rauchte eine Zigarette nach der anderen, ging tanzen, setzte mich wieder, konnte nicht fassen, dass du in meiner Nähe bliebst, haderte, sprach mit dir über Belanglosigkeiten, anstatt deine Berührungen zu erwidern, anstatt die Kontrolle abzugeben. Ich weiß noch, wie versteinert ich war, von deiner Arroganz, deinen Visionen, wie sehr mich dein Körper einschüchterte. Du sagtest die Sonne sei deine Schwester, sagtest das mit kastanienbraunen Augen und ich glaubte dir, war überfordert, strampelte mich von Wort zu Wort, um das Richtige zu erwidern, ein kleines Kind im Körper eines Mannes. Das Ende der Geschichte: Wir blieben uns fern. Ich ging mit meinen Freunden schwimmen und habe dich am Ufer gelassen. Cut.

Ich kann über die Geschichte lachen, hatte dich eigentlich schon vergessen. Die Welt ist bunt und groß, jeder Tag ertrinkt in seinen Farben, Berlin ist ein Meer an Reklame und ich liebe das Wasser. Und dennoch, letzte Nacht habe ich von dir geträumt. Beim Aufwachen wurde mir klar, dass ich kein Bild mehr von dir habe, dass meine Erinnerungen an dich verschwimmen. Du bist in meinem Kopf, bleibst dort sicher noch eine ganze Weile, aber dein Gesicht habe ich verloren. Mir bleibt das Gefühl jenen Morgens, der Nachhall des Glücks, dich in meiner Nähe zu wissen.

Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich mehr Mut gehabt hätte, aber eines weiß ich: Diese winzige Berührung im überlaufenden Kosmos unseres Planeten hätte mein Leben verändert. Zumindest ein wenig. Wenn ich mir bewusst mache, dass es uns jeden Tag so ergeht, dass wir mit jedem Wort, mit jeder Geste unsere Zukunft auf eine neue Bahn lenken, gerade so, als säßen wir in einem Perpetuum Mobile und würden sekündlich Weichen passieren, müssten sekündlich entscheiden, ob rechts oder links, ob hoch oder runter. Butterfly Effect. Wir wissen nicht wie wir ankommen, aber wir wissen, dass am Ende unserer Fahrt ein Prellbock steht, an seiner Seite eine weiße Fahne. Vielleicht werden wir sie zerschneiden, vielleicht werden wir lachen, aber kämpfen werden wir nicht. Nur aussteigen. Mit dem Prellbock wird unsere Fahrt zu Ende sein, das Mobile wird zur Ruhe kommen, egal, welchen Weg wir gewählt haben. All die Sonnenaufgänge, all die Farben. Der ganze Rausch an Sinnlichkeit, alles wird vorbei sein. No Border, no Nation.

Vielleicht hätte sich aber auch nichts geändert, wahrscheinlich nicht. Du wärst nach Russland gezogen und unser Kontakt wäre abgebrochen, du hättest dich als nichts Anderes herausgestellt, als eine Extasyliebe. Wahrscheinlich. Vielleicht hättest du mich aber auch nach Russland mitgenommen und ich wäre als Astronaut zum Mars geflogen, wer weiß das schon. Alles ist gut, wie es ist, die Sache ist nur - ich hätte es gern darauf ankommen lassen, ich würde gerne wissen, wie die Geschichte ausgegangen wär. Ich danke dir, dass du für ein paar Stunden in mein Leben getreten bist. Das war im Grunde alles, was ich dir schreiben wollte. Ist ein bisschen länger geworden, egal. Over and out.

© prosa kleiner stunden