haldorfer

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In der Gruppe gibt es keinen, der nicht irgendeinen Verwandten verloren hat. Fawads Mutter und Vater wurden getötet, Mohammad Jalal verlor seinen Bruder, Mohammad Rafi wurde selbst gekidnappt. Abdullah steht als für eine internationale Organisation Tätiger auf der Abschussliste der Taliban. Amins Verwandtschaft wird verfolgt, Najibullah war Bergführer und Hirte. Es sind Einzelschicksale, die leider keine Einzelfälle sind.

In Edermünde sind überwiegend Afghanen und Syrer untergebracht. Die Ortsteile Haldorf, Besse und Holzhausen ziehen dabei an einem Strang. Obwohl die Gemeinde zu Beginn keine Informationen hatte, stand Anfang November schneller als erwartet ein Bus im Ort und man musste sehen, wie man die Leute unterkriegt. Im Kreis Edermünde kommen erstaunliche 200 ehrenamtliche Helfer auf 50 Flüchtlinge. Die Kommunikation erfolgt in einer Mischung aus Deutsch, Englisch, Französisch und einigen Brocken aus den vertretenen anderen orientalischen Sprachen wie Dari, Paschtu, Kurdisch, Türkisch, Russisch und Farsi, die die Helferinnen und Helfer aufgeschnappt haben. So lernen beide Seiten etwas über einander. Die deutschen Sprachkenntnisse stehen aber ganz oben auf der Liste der wichtigen Kenntnisse, die die überwiegend jungen Männer so schnell wie möglich lernen wollen. Neben dem Deutschkurs an der Volkshochschule bestimmt das Warten auf die Pässe den Tag. Das Interview in Gießen ist dann die Voraussetzung für den Pass und eine zweijährige befristete Aufenthaltsgenehmigung. Für einen Job kann man sich nur nach erfolgreich absolviertem Integrationskurs bewerben.

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Dieter Döring erläutert, dass die medizinische Versorgung teilweise problematisch ist. Zwar ist die Erstversorgung im wesentlichen gesichert, es wird aber z.B. bei Zahnbehandlungen nur die Schmerzlinderung bezahlt. Ein offener Wurzelkanal darf nicht geschlossen werden, was zu permanenten Zahnschmerzen führt. Bei einem Sehfehler wird nur die Untersuchung bezahlt, die Brille selbst nicht. Solche Kosten sind bei 300 € monatlich zum Leben nicht leicht aufzubringen. Döring, ehemaliger Standesbeamte in Edermünde, versucht, diese Versorgungslücke durch Spenden zu schließen und ist dabei recht erfolgreich. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass alle notwendigen Kosten dadurch gedeckt werden können. Auch andere Bürger helfen, wo sie können. Dorothea Stiegel von der Kleiderkammer taucht spontan auf, sie hat mehrere Paar Turnschuhe in passender Größe organisiert.

Edermünde bemüht sich sehr nachhaltig um Integration. Dies wird seitens der Gemeindeverwaltung unterstützt und findet auch den Rückhalt in der Bevölkerung. Die Gemeinde hat konkret die Haushalte um Hilfe gebeten, auch wenn zu Beginn kaum echte Informationen vorhanden waren. Fernab aller Rivalitäten, die in kleinen Ortschaften traditionell auftreten, haben sich hier alle zusammengetan. So steht die Stärkung der Gemeinschaft im Vordergrund, auch wenn es einige wenige Menschen mit anderen Ansichten gibt.

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Dann ein Schrei, “sie kommen”. Etwa 30 Motivwagen ziehen vorbei, und trotz des ungemütlichen Wetters haben viele nicht darauf verzichtet, am Straßenrand zu stehen und den Akteuren zuzuwinken. Es sind natürlich nicht so viele wie man zeitgleich im Fernsehen bei den Veranstaltungen in Köln beispielsweise vorfindet, doch auch die Edermünder halten treu zu ihren Narren. Allerdings fällt auf, dass die aktuelle politische Situation komplett ausgespart wurde.

Während einer Veranstaltung zur Weiberfastnacht haben dafür Zako, Mohammad und Max mit einer Breakdance-Vorführung begeistert. Auch in der lokalen Volkstanzgruppe sind Abdulla und Arif vertreten. Ursprünglich war auch vorgesehen, dass einige der Flüchtlinge auf den Motivwagen mitfahren sollten. Leider wurde diese Idee nicht umgesetzt, es hieß, sie hätten keinen Platz gefunden. Schade, denn das wäre eine großartiges Zeichen der beginnenden Integration gewesen.

Die Deutschkenntnisse sind noch nicht so gut, dass eine wirkliche Unterhaltung zustande kommen würde. “Deutschland gut” ist damit die Floskel, die ich am häufigsten gehört habe. Doch die westeuropäische Lebensart haben viele bereits aufgenommen (oder in Teilen vielleicht auch mitgebracht). Viele von ihnen sitzen, scheinbar in sich gekehrt, mit den unvermeidlichen Smartphones in der Hand da und tippen darauf herum oder machen damit Erinnerungsfotos. Die Gastgeberin hatte Unmengen an Gebäck bereitgestellt. Geschickt, denn dadurch gab es keine Diskussionen über die Schweinefleisch-Frage. Es war insgesamt eine harmonische Gruppe, die von einem Balkon aus dem Zug zugeschaut hat. Die angenehme Stimmung und die Freundlichkeit auf beiden Seiten war auffällig und stand in angenehmem Widerspruch zu den vielen Hiobsbotschaften, die in den letzten Monaten durch die Medien gingen. Zwar ist das Verständnis des Mannes als Pascha stark in den orientalischen Kulturen verhaftet. Dennoch genießt die Frau einen hohen Stellenwert. So kam es vor, dass einige auf ihrer Hilfe in der Küche bestanden während andere sich bedienen ließen. Eine nicht ungewöhnliche Bandbreite, die auch unter Deutschen zu beobachten ist.

Es ist wirklich eine fremde Kultur, die man verstehen lernen muss. In der Schrift ist ein offensichtlicher Unterschied zu erkennen. Sie sieht sehr fremd aus. Wie man weiß, wird das Arabische von rechts nach links geschrieben. Es gibt weniger Vokale und die Aussprache ist in den verschiedenen Dialekten sehr unterschiedlich. Einige Lehnwörter aus dem englischen oder französischen erleichtern die Wiedererkennung, aber es ist für unsere Ohren schwer, diese herauszuhören. Die in dieser Gruppe vertretenen Sprachen sind auch klanglich vollkommen unterschiedlich zu unserer, was deutlich wird, wenn sie sich miteinander unterhalten. Manche Worte können sogar je nach Zusammenhang verschiedene Bedeutungen haben. So bedeutet “gameel gamal” (das “g” wie ein “dsch” gesprochen) auf deutsch “schöner Tänzer”, während “gamal” allein einfach “Kamel” bedeutet. Zumindest soweit ich das verstanden habe.

Auch das Prinzip “ich fasse keine Frau an” wird angesprochen, worüber man immer nur die Tatsache lesen kann, jedoch selten eine Erklärung. Da die Betreuerinnen überwiegend Frauen sind, fiel mir auf, dass hier sowohl keine Berührungsängste zu beobachten waren, als auch nicht gegrapscht wurde. Die Antwort ist zweiteilig. Zum einen wird betont, dass es wie in vielen Kulturen Hardliner gibt, die solche Regeln peinlichst genau ausleben, und andere, die eine gemäßigtere und tolerantere Einstellung haben. Andererseits heißt es aber auch, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen in der Gesellschaft ebenso verpönt ist und die Verweigerung des Körperkontaktes z.B. in Form des Handschlages zur Begrüßung eher ein Zeichen von Respekt sei, insbesondere Frauen gegenüber. Das mag im ersten Moment wie eine Rechtfertigung klingen, aber wenn man den russischen Bruderkuss oder die Art südamerikanischer Männer, gelegentlich Hand in Hand nebeneinander zu sitzen, bedenkt, dann wird deutlich, dass es doch viele unterschiedliche Kulturen auf unserem Planeten gibt, die es zu verstehen gilt.

Es mag nicht alles Gold sein, was glänzt, und niemand wird bestreiten, dass trotz allen guten Willens ein Konfliktpotential vorhanden ist. Das ist schon durch die sehr unterschiedliche Kultur begründet. Auch werden unzweifelhaft Terroristen die Flüchtlingsströme benutzen, um unbemerkt nach Europa zu kommen. Wieviel Prozent dies sind, wird unsereins nicht beurteilen können. Vielleicht ist es an der Zeit, diese Unwissenheit zu akzeptieren, ebenso wie wir stillschweigend akzeptiert haben, dass auch nach der Grenzöffnung zwischen Ost- und Westdeutschland zweifellos viele Ex-Stasimitarbeiter auch weiterhin unerkannt unter uns leben. Die alten Seilschaften werden nicht durch einen Federstrich unter dem Einheitsvertrag plötzlich aufhören zu existieren. Ebenso wenig können alte Gewohnheiten aus einer orientalischen Kultur von heute auf morgen abgelegt werden.

Eine Differenzierung zwischen echten Flüchtlingen, die schon aus humanitären Gründen unserer Hilfe bedürfen, und solchen, die aus rein wirtschaftlichen oder anderen, niederen, Beweggründen Asyl beantragen, erscheint dringend geboten. Die Frage, wie wir dies bewerkstelligen können, muss in diesem Artikel leider unbeantwortet bleiben, auch die Frage, ob wir, wie Frau Merkel glaubt, das alles schaffen können. Aber dass diese Differenzierung notwendig ist, daran besteht für mich kein Zweifel.

Wenn beide Seiten aufeinander zugehen, kann es vielleicht funktionieren. Edermünde ist ein Beispiel. Aber das ist das Wichtigste daran: Beide Seiten!

Integrativer Rosenmontag In der Gruppe gibt es keinen, der nicht irgendeinen Verwandten verloren hat. Fawads Mutter und Vater wurden getötet, Mohammad Jalal verlor seinen Bruder, Mohammad Rafi wurde selbst gekidnappt.