genazino

„[… ] Menschen, [… ] die das Gefühl haben, dass aus ihrem Leben nichts als ein langgezogener Regentag geworden ist und aus ihrem Körper nichts als der Regenschirm für diesen Tag.“  – Wilhelm Genazino aus Ein Regenschirm für diesen Tag

(People who feel that their life has become nothing but a prolonged rainy day and their bodies nothing but an umbrella for that day.)

In Frankfurt “erfand” Wilhelm Genazino mit “Abschaffel” den sogenannten Angestelltenroman. Ideales Pflaster dafür.
Und weil für den Schriftsteller Schreiben und Spaziergänge zusammengehören: Heute auf www.saetzeundschatze.com ein Bummel durch Mainhattan mit dem “Tarzan am Main”.
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Malgré moi, je suis gagné par un malaise des plus familiers : ma vie ne peut pas rester telle qu’elle est. Paradoxalement, je suis plutôt satisfait, en gros, de notre situation, c’est-à-dire de notre appartement, de mon salaire, de mon mode de vie quasi conjugal, c’est-à-dire de ma compagne Traudel. J’ai pourtant l’impression que, pendant tout ce temps, une chose irréfrénable se déroule : ma vie. Ces deux derniers mois, mon besoin intérieur de diriger ma vie vers de nouvelles voies est devenu de plus en plus manifeste. Le désir de changement génère une pression à laquelle je suis exposé presque sans défense car je n’ai pas la moindre idée de la façon d’amener un quelconque changement. Ce n’est pas toute la vérité. De temps en temps se montre une petite lueur d’espoir qui laisse en moi une sorte d’éclat. Traudel polémique fortement contre mes désirs de changement. Elle me répète toujours que j’ai toutes les raisons d’être satisfait à la fois du monde et de moi-même. C’est une honte, dit-elle, qu’un homme avec une bonne situation comme toi se promène avec des idées aussi fantomatiques dans la tête. Généralement, j’acquiesce et, pendant quelque temps, je n’en parle plus.
—  Wilhelm Genazino, le Bonheur par des temps éloignés du bonheur (trad. Anne Weber) (D’autres extraits ici.)
Da hinten, Kontrollöre

// über das Auflesen von Sprachlaub

Abb. Abstellgleis (Handyfoto tsz)

Seit einigen Monaten sammele ich Dialoge, die ich beiläufig beim Laufen durch die Stadt oder beim Straßenbahn fahren oder beim Warten in der Warteschlange oder beim Sitzen im Café oder in der Bibliothek oder auf der Parkbank höre, und schicke sie als Statusmeldung ins Facebook. Der Gedanke dazu kam mir, glaube ich, über diverse Umwege, beim Umherschweifen durch die Texte, zumindest hauptsächlich, beim Lesen von Wilhelm Genazino, habe ich das Gefühl. Wilhelm Genazino schmückt die Geschichten, die er zu erzählen hat, großzügig mit der Beschreibung von Nebensächlichkeiten aus. So großzügig manchmal, dass sie zu den heimlichen Hauptsachen seiner Erzählungen werden. In seinem Roman Ein Regenschirm für diesen Tag steht der Icherzähler, der einen schönen Beruf mit der Bezeichnung Schuhtester ausübt, am Fenster seiner Frankfurter Wohnung und macht sich seine Gedanken über die kleinen Geschehnisse, die er von dort aus zu sehen bekommt: »Am eindrucksvollsten ist im Augenblick eine etwa sechzigjährige Frau, die sorgsam den Dreck und den Staub auf ihrem Balkon zu einem Häufchen zusammenkehrt, das Häufchen dann aber liegen lässt und es zuweilen von ihrer Wohnung aus betrachtet. Von mir aus müsste es keine gewichtigeren Ereignisse geben. Wind kommt auf und verweht das von der Frau zusammengefegte Häufchen. Die Frau beobachtet die Vernichtung ihrer Arbeit, geht aber nicht dagegen vor.«* Und so wie das, was er dort sieht, ist auch das, was er tut. Das könnte man zumindest so sehen, wenn man es romantisiert, wenn ich mich richtig daran erinnere, was das eigentlich ist. Jedenfalls, er kehrt den Dreck und den Staub seiner Wahrnehmungen zu kleinen Sprachhäufchen zusammen und beobachtet sie so lange, bis der Wind seiner eigentlichen Geschichte sie verweht. Und so mache ich das auch, nur direkt mit Sprachdreck oder Sprachstaub, manchmal auch mit Sprachlaub. Ich fege das zu kleinen Sprachhäufchen zusammen, kehre sie ins Netz und betrachte sie zuweilen von meinen Handyfenster aus, bis der Wind eines Medienpostings zum Zeitgeschehen sie verweht.

Die folgenden Beispiele hat Franci Virgili für ein Magazinprojekt aus meinem ansonsten für die Öffentlichkeit abgeschlossenen Facebookauftritt ausgewählt:

»Ich bin einfach immer für die Außenseiter. … Ja! … Ja! Ja! … Immer! … Nein! Echt immer! … Ja … nein … ja! Ja, wenn Deutschland in einem Spiel mal Außenseiter ist, dann bin ich sogar auch für Deutschland.« ~ Linie704 (Handy)

»Ich hab’s mir epischer vorgestellt, aber es ist schon gut, schon lecker.« »Epischer? Essen kann nicht episch sein, das ist das falsche Wort.« »Wieso?« »Na, ist so! Genau so, wie ein Auto nicht sexy sein kann.« »Waaaas? Also meine Karre ist sexy, definitiv! Die ist sexy und die ist episch! Da kannst du sagen, was du willst!« ~ Sushibar

»Du kannst heute Nachmittag dein Zimmer aufräumen, in der Küche beim Abspülen helfen oder mitkommen in den Garten zum Unkraut rupfen. Kannst dir aussuchen, was du willst.« »Was ich will? Ok, dann gehe ich gleich paar Stunden Xbox trainieren. Es gibt da so paar Spiele, in denen ich dringend besser werden muss.« »Mensch Patrick! Halt dich doch mal bitte an die Regeln hier! Xbox steht heute nicht auf der Wunschliste!« »Mensch Mama! Sprichst du so auch mit deinen Schülern? Dann ist doch klar, dass du Probleme kriegst mit denen. Du musst schon aufhören zu lächeln und ein bisschen böse gucken, wenn du schimpfen willst. Sonst nimmt das keiner ernst!« ~ Einkaufszentrum

»Meine Schwester kannst du nicht so leicht verarschen, die hat ein Abi von einskommavier. Ich habe die gesamte Monsterlinie gegen sie aufgestellt. Zwerge mit extremer Power, Ritter mit den mächtigsten Schwertern, in voller Rüstung, alles, Trolle dabei, die fettesten Trolle sag ich dir, quasi unbesiegbar. Und sie, was macht sie? Sie hat mich locker ausgetowert. Ich fass es nicht, das fasse ich einfach nicht.« »Nee, das ist klar! Mit Monstern kannst du einer nicht kommen, die ein Abi von einsvier hat. Davor hat die keine Angst und keinen Respekt. Da musst du eine andere Taktik nehmen. Du musst ihr die weisen alten Männer in den Weg stellen, die Merlins und die dunklen Zauberer. Dann darüber die Verarschung rein, falsche Infos, Verwirrung, dunkle Orakel, Nebelgranaten, damit kriegst du sie. Das ist die Schwachstelle der guten Schülerinnen. Sie glauben den Lehrern erstmal alles. So ist auch deine super große Schwester. Deinen Merlins wird sie jeden Schwachsinn glauben, glaub mir das, darauf fällt sie rein!« ~ S1

»Mit mir können Sie nicht verhandeln!« »Wieso nicht?« »Hab’ grad’ das Modul nicht drin.« ~ Parkplatz

»Da hast du mich ganz komisch angeguckt. Irgendwo zwischen ‘Du hast'n Punkt.’ und 'Du hast'n Knall!’.« »Ging schon deutlich mehr so in Richtung 'Du hast'n Knall.’!« ~ RE6

»Der Typ liket gar nichts. Der kackt nur seine Scheiße ins Netz und verpisst sich wieder.« »Was für ein Schwein!« ~ Woyton

»Heute Nacht hat mein Freund wieder seine Ballerspiele gespielt und dabei rumgebrüllt wie bezumni bis fünf Uhr morgens, und ich musste um halb sieben raus, das rockt mich voll runter.« »Du bist doch bisexuell, such dir doch mal wieder eine Frau. Mit der wird das bestimmt anders dann.« »Die Frauen, auf die ich stehe, spielen auch alle Ballerspiele, und die kreischen dabei so hoch und heftig, dass ich senkrecht im Bett stehe und mir die Haare wie elektrische Blitze zu Berge stehen.« »Wie punkig!« »Punkig, meinetwegen, jedenfalls, in Sachen Ballerspiele bringt mich bisexuell sein auch nicht weiter, echt jetzt nicht.« ~ U79

»Dieses Hörbuch handelt von einer Sommerliebe. Moment. Genau! Eine Sommerliebe. Und Jahre später beschließt die Frau, den Mann, den sie da vor Jahren einen Sommer lang geliebt hat, noch einmal zu suchen.« »Ach ja? Ach ja. Das interessiert mich nicht. Das habe ich selbst erlebt.« ~ Stadtbücherei (Bibliothekarin im Gespräch mit einer Blinden)

»Wie haben die Leute eigentlich miteinander gesprochen, bevor es Psychotherapie gab?« ~ Hollywood (David Spandau)

»Ich fahre mit der U-Bahn in Shanghai, in Tokio, in New York, in London, in Berlin und in Paris, deshalb kann ich Ihnen aus Erfahrung sagen, wie Sie das hier regeln mit dem Baustellenersatzverkehr, beziehungsweise nicht regeln, das ist provinziell.« »Ich will jetzt nicht frech werden. Zur Kundschaft soll man ja nicht frech werden. Also entschuldigen Sie bitte. Sie sind hier doch auch in der Provinz!« ~ Oberkassel

»Wie breit muss man sein, damit die Länge zur Breite harmonisch wirkt?« ~ Campus (fliegendes Blatt Papier, A5, kariert)

»Ich hab die Drei in Bio ge-raaa-ten!« »Das war aber bestimmt nicht Sexualkunde. Beim Wort Eierstöcke denkst du doch ans Hühnerzüchten, du Steinzeitspasti!« ~ Oberbilker Markt

»Mein Cousin benutzt Wörter, da schäm ich mich für.« »Zieh dem kleinen Stinktier die Ohren lang und sag’ ihm, 'gehört sich nicht du Rotzlöffel!’.« ~ Linie 901

»Befrag mal die Frau in dir, dann verstehst du mich schon.« »Mach ich doch die ganze Zeit! Passiert nix.« ~ Bertha-von-Suttner-Platz (Zwei Männer)

»Ein Baum hat sich verneigt. Vor dem Wind. Genau über die Schienen. Das ist scheiße. Das soll der nicht machen. Das tut mir Leid. Jetzt können wir nicht weiterfahren.« ~ U79 (Lautsprecher)

»Da hinten, Kontolleure!« »Ach, das ist die Dingsbums, wohnt bei uns um die Ecke, totale Alkoholikerin. Zusammen mit ihrem Sohn, der auch voll drogensüchtig ist.« »Psst, die kommen näher!« »Mir doch egal! Ich hab'n Ticket.« ~ U79

»Ich hätte gerne dieses Buch von diesem Autor, der sich kürzlich in den Kopf geschossen hat, Tschick.« »Warum, weil er sich erschossen hat?« »Ja, so etwas interessiert mich immer.« »Das war aber kein Selbstmord aus Liebeskummer oder Weltschmerz. Der hatte einen Tumor im Kopf, da hat er sich reingeschossen, ganz sachlich.« »Ach! Naja. Ich les das jetzt trotzdem mal.« ~ Stadtbibliothek

»Sag mal, hast du dein Gehirn zu Hause vergessen oder was?« »Wen?« ~ Mintropplatz

»Ich frage nie jemanden nach dem Weg.« »Wieso nicht?« »Weil es niemanden etwas angeht, wo ich hin will.« ~ Durango

»Sei doch nicht immer so apologetisch.« »Apologetisch?« »Zu übertriebenen Entschuldigungen neigend.« ~ Bibliothek (Viktor P.)

»Alter, ich habe Nahkampf richtig bei der Bundeswehr gelernt, nicht wie du auf einem billigen Lehrgang bei deinem stinkigen Wachschutz hier.« »Oh!« »Ist zwar schon eine Weile her, aber das verlernt man nicht.« »Ist bestimmt wie Fahrrad fahren, was?« »Genau so! Vor ein paar Wochen erst griffen mich zwei so Typen von hinten an und ruckzuck lagen sie in der Ecke!« »Vollpfosten!« »Kannst du laut sagen! Die Bullen standen zwei Meter weiter. Ich fragte sie: Warum habt ihr mir nicht geholfen? Sie sagten: War doch nicht nötig. Wir hätten doch nur gestört.« »Haben sie doch Recht! Fahrrad fährt man ja auch alleine.« ~ Abstellgleis

»Was siehst du?« »Enten, Gänse, einen total zerfledderten Schwan.« »'Zerfleddert’, schönes Wort. Bestimmt hat er das verdient.« ~ Teich

»Der Penner da ist nur noch auf der Welt, weil ich ihm mal das Leben gerettet habe. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, gibt mir das ein geiles Gefühl.« »Verlangst du jetzt ewige Dankbarkeit von ihm?« »Nein, danke. Ewige Geilheit reicht.« ~ Worringer Platz

»Was für ein Gedränge, das macht keinen Spaß mehr!« »Du bist auch nicht zum Spaß haben hier!« »Du kannst eins auf die Fresse haben.« »Ey! Entspann dich! Das war ein Scherz. Du hast ja Recht.« »M-Hmm! Du kannst trotzdem sehr gerne eins auf die Fresse haben.« ~ U78

»Komm, geh!« »Ja, was denn nun?« »Auf alle Fälle andere Richtung!« ~ Altstadt

»Sie holt nicht gut aus und zieht das Ding nicht gut durch.« »Aber auch nicht schlecht.« »Aber auch nicht wirklich gut.« »Aber auch nicht wirklich schlecht.« »Ist ja gut!« »Gut.« ~ Golfplatz

»Wenn ich mal so werde wie der da, dann erschieß ich mich.« »Ich erschieß dich dann. Du wirst es nicht mehr merken.« ~ Regionalexpress

»Die einzige Sportart, die ich betreibe, ist Amoklauf« ~ Netto (Frau S.)

»Du hast dich sehr verändert. Auf einmal kann man mit dir über Rosen diskutieren.« »Wie meinst du das jetzt?« ~ Café

»Du hältst immer alles bloß für Quatsch.« »Quatsch!« ~  Linie707

»Das darfst du nicht.« »Ich mach das aber.« »Das darfst du nicht.« »Ich mach das aber.« »Ich hol die Polizei.« »Das kannst du nicht.« »Ich mach das aber.« ~ Fußgängerzone

»Sie müssen nur die Zeichen richtig deuten.« »Und das sagen Sie einem alten Semiotiker.« »Natürlich, wem denn sonst?« »Das habe ich auch gerade gedacht.« ~ Rheinufer

/// Erscheint 2014 in einem typoexperimentellen Magazin von Franci Virgili. *Das Zitat im erklärenden Text stammt aus: Wilhelm Genazino, Ein Regenschirm für diesen Tag, München 2001, S. 146f.