fernschreiber

Juli 2015 (eigentlich 1981 bis 1998)

Kabeladresse: Assopress Hamburg

Fernschreiber Siemens T100 - Nightflyer via Wikimedia Commons unter CC-BY-SA-Lizenz

Beim Aussortieren alter Kleidungsstücke finde ich in einem Mantel eine Visitenkarte aus den 1990-er Jahren. Dass sie Jahrzehnte alt ist, sieht der Medienkenner an der Firma (der deutsche Dienst der Nachrichtenagentur Associated Press wurde 2009 verkauft und verschwand vom Markt), alle anderen an der noch vierstelligen Postleitzahl. Die meisten dürften sich allerdings über die Angabe unter Telefon und Telefax wundern: Was bedeutet diese kryptische Telex-Adresse?

Nun war Telex in den 1990-er Jahren eine schon auslaufende Technologie, zunehmend ersetzt durch das Fax und - zur der Zeit noch überwiegend unternehmensinterne - Computernetzwerke. Über Jahrzehnte jedoch war der Fernschreiber am Telexnetz die einzige Möglichkeit, geschriebene Texte in Echtzeit weltweit zu übertragen, wenn man sich nicht auf das gesprochene Wort am Telefon und den physisch übermittelten Brief beschränken wollte oder konnte.

Das Prinzip erläutert Wikipedia recht technisch, der Große Brockhaus (für spätere Generationen: so was wie Wikipedia, aber in dicken Büchern gedruckt) recht anschaulich. Aus dem Brockhaus in der Ausgabe von 1938 – knapp fünf Jahre nach Einführung des öffentlichen Fernschreibdienstes in Deutschland (Frakturschrift leider hier nicht darstellbar):

Die neueste Erfindung ist die Fernschreibmaschine. Sender und Empfänger sehen wie eine Schreibmaschine aus. Entsprechend ist auch die Wirkungsweise: Beim Niederdrücken der Buchstabentasten werden bis zu fünf Stromstöße in verschiedener Aufeinanderfolge in die Leitung geschickt. Am Empfänger werden hierdurch fünf Schienen, die unter der Tastatur liegen, verschiedenartig verstellt. Sie geben hierdurch den betreffenden Typenhebel frei, der elektromotorisch angehoben wird und gegen das eingespannte Blatt Papier schlägt. Gleichzeitig wird der Papierwagen weitergeschaltet usw., so daß ein Text wie bei einer Schreibmaschine entsteht. (…) Fernschreibverkehr geht unmittelbar von Büro zu Büro, wobei durch Betätigen der Wählscheibe die gewünschte Verbindung hergestellt wird.

Der Fernschreiber am Telex-Netz hat mich in den ersten zwei Jahrzehnten meines Berufslebens permanent begleitet. Auch wenn ich als Journalist von Anfang an mit Computernetzwerken gearbeitet habe: Telex war die sicherste, schnellste und zuverlässigste Verbindung zur Außenwelt. Auf diesem Weg kam alles, was eilig war - und das war damals offensichtlich weit weniger als heute (dass zum Beispiel Pressemitteilungen per Post verschickt wurden, war der damals übliche Weg).

In meinem Associated Press-Büro in Hamburg Mitte der 1980-er Jahre (die Karte von damals ist leider verschollen) stand ein Siemens-Fernschreiber, ähnlich wie der oben abgebildete, in einem separaten Raum: Den Lärm der Mechanik wollte keiner im Büro haben. Mehrmals täglich sprang das Gerät an, um eilige Nachrichten abzuliefern – wie den Täglichen Hafenbericht, der bisweilen auch mehrmals täglich kam, zum Beispiel bei Schiffsunfällen auf der Elbe.

Aber ich hatte in Hamburg nicht nur einen Fernschreiber mit seiner Telexkennung (eine Nummer plus Firmenkürzel plus Landeskennung), sondern auch eine Kabeladresse (ein Begriff, der weder bei Google noch bei Wikipedia zu finden ist): Die Kabeladresse, auch Telegrammadresse genannt, war ein Kurzwort, das einen Telex-Empfänger bezeichnete und weltweit gültig war.

Wenn also jemand irgendwo in Afrika (oder den USA oder in Asien oder sonstwo auf der Welt) in einem Postamt eine Depesche an die Kabeladresse Assopress Hamburg aufgab, landete die Nachricht auf dem Fernschreiber in meinem Büro. So richtig genutzt hat das wohl nie jemand, denn die Zeit der Kabeladressen war in den 1980-er Jahren weitgehend vorbei. Eine Suche bei Google Books allerdings fördert viele Fundstellen für Kabeladressen zutage – wenn auch nie mit einer Erklärung, sondern nur als Bestandteil der Adressangabe von Unternehmen. Offensichtlich war der Begriff über Jahrzehnte so selbstverständlich, dass er nie erklärt werden musste (auch im Brockhaus von 1938 ist er nicht zu finden). Das Prinzip ist das gleiche wie bei den Domainnamen des Internets: Anstatt sich eine kryptische Nummernfolge für eine Website zu merken, reicht die Angabe des Domainnamens.

Trotz Fax und zunehmender Verbreitung von (tragbaren) Computern habe ich noch oft genug meine Berichte über Telex abgesetzt. Anfang der 1990-er Jahre, bei einer Reise in den Iran, bombardierte mich die Zentrale von Associated Press plötzlich mit Fernschreiben: In einer der vielen Geiselkrisen reiste der damalige UN-Generalsekretär Perez de Cuellar kurzfristig nach Teheran – und ich war gerade zufällig der einzige AP-Korrespondent im Land (eine Folge der Nicht-Beziehungen der USA und des Iran nach der Botschaftsbesetzung 1979).

In allen Fernschreiben, die sich vor meinem Hotelzimmer stapelten, forderte mich AP New York auf, dringend bei der Ankuft des UN-Generalsekretärs am Flughafen dabei zu sein und sein Statement mitzubekommen. Irgendwie kam ich dort rein (wie ich dann nur mit einem deutschen Presseausweis in die VIP-Lobby des Teheraner Flughafens vordringen konnte, ist eine andere Geschichte). Danach war es später Abend in der iranischen Hauptstadt, und ich musste meine Meldung Richtung New York - oder zumindest in die deutsche AP-Zentrale in Frankfurt am Main - absetzen

Allerdings hatte der Fax-Bediener im Hotel Esteghlal die Arbeit um diese späte Zeit längst eingestellt – ich solle doch, erklärte mir die Rezeption, am nächsten Morgen wiederkommen. Der Telex-Operateur war noch da und schloss mir ein bisschen widerwillig den Fernschreibraum auf, war es doch schon lange nach jeglicher Arbeitszeit. Ebenso widerwillig tippte er dann ziemlich langsam meinen mit Schreibmaschine vorgefertigten Text in seinen Fernschreiber. Bis ich, mit ein paar US-Dollar in der Hand, den Mann beiseite schob und meine Meldung selbst in das Gerät hämmerte.

So was kam zum Glück nicht so oft vor. Denn das Versenden von Telex-Nachrichten war ein wenig mühsam und aufwändig: Da die Verbindungskosten für ein Fernschreiben zeitabhängig waren, verbot es sich von vornherein, einen Text erst an der Maschine zu formulieren. Stattdessen wurde er vorgeschrieben, meist mit Schreibmaschine, und erst dann in den Fernschreiber eingegeben.

Um den Prozess noch ein bisschen zu beschleunigen, gab es auch ein Speicherverfahren: Der Text wurde nur lokal in den Fernschreiber getippt und gleichzeitig auf einem Lochstreifen gesichert. Dieser mechanische Datenträger, quasi eine Endlos-Lochkarte, enthielt bis zu fünf Löcher (siehe oben im Brockhaus: bis zu fünf Stromstöße), die jeweils einen Buchstaben repräsentierten. Der ganze Text wurde so in einen Loch-Code übersetzt, anschließend wurde der gestanzte Lochstreifen in das eingebaute Lesegerät am Fernschreiber eingelegt, die Verbindung aufgebaut und der Lochstreifen gestartet. Schon raste der Text mit der größtmöglichen Geschwindigkeit durch die Leitung.

Na ja, raste. Die Geschwindigkeit der Übermittlung betrug lange Zeit 50 Baud, später wurden die Maschinen auf 75 Baud hochgerüstet. (Der halbwegs anschauliche Vergleich bei Wikipedia: Gigabit Ethernet hat eine Symbolrate von 125 MegaBaud.) Also nur wenig schneller als eine geübte Sekretärin auf einer mechanischen Schreibmaschine.

Manchmal war das egal – was zählte, war, überhaupt eine Verbindung zu bekommen. Wie im Herbst 1989 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR (und damit auch zwischen Westberlin und Berlin, Hauptstadt der DDR): Telefonverbindungen zwischen beiden deutschen Staaten waren bewusst knapp gehalten, auf eine solche Verbindung zu warten, konnte Stunden dauern. Telexverbindungen, für den Normalbürger im Westen unüblich und im Osten praktisch nicht verfügbar, gab es dagegen genügend: Wirtschaftskontakte zwischen beiden Staaten sollten ja möglich bleiben.

Im Wende-Herbst und -Winter 1989 wurde das ausgiebig genutzt. Zwischen dem AP-Büro am Kurfürstendamm im Westen Berlins und dem AP-Büro im Internationalen Pressezentrum der DDR in der Mohrenstraße (wo am 9. November 1989 Schabowskis berühmte Pressekonferenz mit der Maueröffnung stattfand), wurde fast jeden Morgen eine Fernschreibverbindung aufgebaut. Die blieb dann den ganzen Tag stehen und wurde, nach heutigem Sprachgebrauch, zum Chatten verwendet. Kurze Infos, Fragen, Nachrichten von einer Seite der Mauer auf die andere. Das wurde erst nach dem 9. November weniger, nachdem die Kollegen mein Porty-Mobiltelefon - illegal - in die DDR geschmuggelt und das Gerät im Ost-Büro installiert hatten.

Aber das Schöne war eben, dass dieses System weltweit funktionierte. Wenn nicht, nun ja, sprachliche Probleme hinzu kamen. So stand ich mal, ebenfalls Anfang der 1990-er Jahre, in einem Büro in Slawgorod in Westsibirien. Mit meinem TRS-80 Laptop hätte ich mich ja ans Telefon hängen können und ins Modem im AP-Büro in Moskau einwählen können, wäre da nicht eine - für Modemverbindungen tödliche - zweistufige Einwahl für Ferngespräche gewesen. Also wollte ich gerne die angebotene Möglichkeit nutzen, meine Geschichte per Fernschreiber abzusetzen.

Das Gerät stand im Nebenraum. Und hatte eine ausschließlich kyrillisch beschriftete Tastatur.

(Thomas Wiegold)

September 1978 - Juli 1981

Der PET 2001 “All-in-one”

Der erste richtige Personal Computer, der in Deutschland verkauft wird, kommt nicht von Apple oder IBM, sondern ist ein Gerät von Commodore, der PET 2001. Die drei Buchstaben stehen für „Personal Electronic Transactor“. Der Name erinnert an HAL, den Computer aus 2001 – Odyssee im Weltraum.

In unserem Gymnasium ist der Mathelehrer ein Computerfreak und schafft zwei dieser Geräte an. In den Freistunden der Oberstufe dürfen wir nach Voranmeldung in den Computerraum. Dort verbringen ein Freund und ich viel Zeit. Unser erstes Projekt ist ein Memory-Spiel aus der Funkschau, das wir erst mühsam abtippen und dann die Fehler beseitigen. Es dauert mehrere Monate, bis das letzte vergessene Zeichen ergänzt ist und das Programm läuft. Später sind Programme zum Lösen von Linearen Gleichungssystemen der Hit.

Der PET 2001 ist ein früher „All-in-one“-PC. Sein Blechgehäuse hat nicht nur Monitor und Elektronik integriert, sondern auch Tastatur und Speichermedium – ein schnödes Compaktkassettenlaufwerk nimmt die Programme auf. Mit Systembefehlen zu Starten und Stoppen des Kassettenmotors bauen wir sogar so etwas wie ein Inhaltsverzeichnis für die Kassetten mit unseren abgetippten oder selbst geschriebenen Listings. Die Tastatur verdient eigentlich diese Bezeichnung kaum, denn es sind quadratische kleine Knöpfe mit vier oder fünf Belegungen, immerhin fast so angeordnet wie auf einer Schreibmaschine.

PET 2001 (Photograph by Rama, Wikimedia Commons, Cc-by-sa-2.0-fr)

Später organisiert der Lehrer einen ausrangierten Fernschreiber, den er versucht, als Drucker an den PET2001 anzuschließen. Ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern, dass es erfolgreich war.

Teile der Elektronik und die Programmiersprache, ein rudimentäres BASIC, überleben auch in weiteren Generationen von Commodore-Computern wie dem C64, auf das ich später das Memory-Programm transferiere und so umsetze, dass Spielfeld und Karten in Farbe angezeigt werden. Aber das ist eine andere Geschichte…

(to be continued)

(Thomas Jungbluth)