fahnenmeer

2. Bundesliga | 33. Spieltag - Fahnenmeer zum Saisonabschluss, Waldseite - Sea of Flags for the last home match of the Season

Union Berlin vs FC Heidenheim

Union Berlin, du bist jenau wie ick.

Union Berlin, dit is unsa Kick.

Union Berlin, dit is unsa Hab und Jut.

Keen Jold, Keen Silba - aber Eisernet Blut! 

Sag niemals zu einem Fan, dass Fußball gucken und ins Stadion gehen eine Freizeitbeschäftigung, ein Hobby sei. Oftmals ist der Verein das einzige, was diesem Menschen in seinem Leben geblieben ist. Du weißt nicht, was dieser Mensch für eine Geschichte hinter sich hat. Du weißt gar nichts. Nur, dass er seinen Verein liebt. Was ist, wenn er in der Schule gemobbt wurde oder immer noch wird? Wenn seine Eltern gestorben sind? Wenn er eine schlimme Krankheit hat? Was ist, wenn? Und du wirst niemals verstehen, was ein Verein da für eine Rolle im Leben dieser Fans spielt. Auch wenn sie von aller Welt ausgeschlossen werden; im Stadion fühlen sie sich wohl, da sind sie zuhause. Menschen um sich herum zu haben, die genauso denken und fühlen wie man selbst. Vor dem Spiel zusammen die Aufstellung zu verkünden und voller Stolz die Namen der Männer schreien, die gleich rausgehen werden und kämpfen für deinen Verein. In Schock Momenten nah beisammen zu stehen, das Zittern des Nachbarn zu spüren. In den schlimmsten Zeiten die Träne auf deiner Wange spüren und voller Verzweiflung in die feuchten Augen der Menschen um dir zu schauen. Zusammen gewinnen und den Gegner einfach nur zerlegen. In Jubel ausbrechen und ein Gefühl in sich zu spüren, was mit Worten nicht zu beschreiben ist. Die Hände in die Luft reißen, schreien, alles raus lassen, in den Armen des Nachbarn zu liegen, den du eigentlich gar nicht kennst, der dir aber trotzdem so vertraut ist. Sich über den Siegtreffer in der 90. Minute zu freuen, obwohl das andere Team die ganze Zeit die Kontrolle über das Spiel hatte und deine Mannschaft nur über den Platz stolperte. Voller Überzeugung den Schal hochzuhalten. Lieder zu singen und dabei in ein blau-weißes, schwarz-gelbes oder grün-weißes Fahnenmeer zu gucken und zu wissen, dass alle aus demselben Grund hier sind. Dass jeder einzelne Mensch das Gleiche fühlt wie du. Dass du irgendeinen Fan ansprechen könntest, ihm alles erzählen und er es sofort verstehen würde. Der keine dummen Fragen stellen würde und auch nicht über dich lachen. Der einfach mit dir die Stufen hochgeht, zu deinem Block, die Fahne in der Hand, den Schal um den Hals - los geht's. Es ist kein Hobby. Es ist unsere Pflicht.
Mauerfall & worüber Deutschland am 9. November lieber schweigt

Die Empörung der Massen ist groß und die Medien verleihen dieser Ausdruck. Wut kocht hoch, Schuldige werden an den Pranger gestellt, im Fernsehen laufen Sondersendungen und Talkshows zu diesem Thema: Die GDL streikt und dass womöglich ausgerechnet dann, wenn die Deutschen in Berlin die Wiedervereinigung feiern möchten. Etwas schlimmeres als das scheinen sie sich nicht nicht vorstellen zu können, erschwehrt dies doch das „Wir“-Gefühl stärken und den „ungefährlichen Party-Patriotismus“. Alles andere, was mit diesem Tag sonst noch zusammen hängt, wird einfach ausgeblendet.

Was ihr feiert..

In den Medien finden sich die ikonischen Bilder wieder: die bröckelnden Mauer, ein Fahnenmeer und Menschen die sich glücklich und weinend in den Armen liegen. Endlich fiel die Mauer, die DDR und die alte BRD wurden wieder eine Einheit. Das ist worüber alle berichten und was die Deutschen feiern wollen.
Doch was brachte die Wende mit sich?
Endlich war Deutschland und somit die Deutschen wieder vereint. „Wir sind ein Volk“ war die Parole und durch das „wir“ gab es natürlich auch ein „die Anderen“. Die, die nicht zur Volksgemeinschaft dazu gehören. Dieser Nationalismus gipfelte in den rassistischen Taten von Mölln, Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda und Solingen, Ausschreitungen und Brandanschläge gegen Asylbewerber_innenheime und Häußer türkischstämmiger Menschen, alle nur kurz nach der Wende.

.. und vergesst.

Am 9. November 1938, durch Josef Goebbels auf Befehl Hitlers verkündet und von der SA und der NSDAP durchgeführt, zerstörten und verbrannten die Nazis jüdische Geschäfte und Synagogen und misshandelten, verhafteten und töteten Jüdinnen und Juden in Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei. Die Reichsprogromnacht war ein deutliches, antisemitisches Signal der Nazis und lies erahnen, was in den darauf folgenden Jahren in der Shoa enden würde. Die breite deutsche Bevölkerung bejubelte die Taten der Faschisten oder schaute einfach gleichgültig weg.
Aufgrund dieses Datums wurde der 9. November 1989 bewusst nicht als der neue Nationalfeiertag gewählt. Doch heute, 76 Jahre nach der Reichsprogromnacht und 25 Jahre nach dem Mauerfall, überwiegt letzteres im kollektiven deutschen Bewusstsein, und dass obwohl sich Deutschland immer mit der Aufarbeitung seiner Geschichte profiliert.

Das ist doch alles schon so lange her?

Heute spielen sich ähnliche Situationen ab wie nach dem Mauerfall: Gemeinsam mit organisierten Nazis machen Bürger_innen mobil gegen Asylbewerber_innen. Häuser brennen, Menschen werden schikaniert und tätlich angegriffen und oft stellt die Polizei „kein fremdenfeindliches Motiv“ fest. Politiker_innen führen diese Linie auf bundesweiter Ebene fort, stecken Flüchtlinge in menschenunwürdige Lager oder schieben sie in unerträgliche Lebensumstände oder sogar den sicheren Tod ab.
Auch der Antisemitismus erstarkt wieder. Jüdinnen_Juden werden aufgrund des Tragens von religiösen Symbolen angegriffen, in vielen deutschen Städten wird die Existenz Israels auf Demos delegitimiert und offen antisemitische Parolen skandiert. „Jude Jude feiges Schwein – komm heraus und kämpf’ allein“ schallt es zum Beispiel durch Berlin. Viele Jüdinnen_Juden sorgen sich um ihr Leben und diskutieren ein mögliches Auswandern. All das verursacht aber keinen Aufschrei in der Bevölkerung und den Medien. Der Streikt der GDL ist in ihren Augen etwas viel schlimmeres.