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Malaysia, Kinabatangan River: Immer wenn es regnet...

Am Kinabatangan River soll einer unserer größten Wünsche endlich in Erfüllung gehen. Denn nirgendwo sonst soll man Borneos Tierwelt so gut beobachten können wie hier. Das dichte Dschungel-Labyrinth an seinen Ufern birgt nicht nur die größte Orang-Utan-Population, sondern ist auch ein Zuhause für Nasenaffen, Zwergelefanten und viele weitere Tiere.

Drei Tage und zwei Nächte stehen uns zur Verfügung, um diese einzigartige Welt zu erforschen. Drei Tage und zwei Nächte begeben wir uns auf eine Safari, die uns diesen so seltenen Menschenaffen ein Stück näher bringen soll. Drei Tage, die im frühen Morgengrauen beginnen. Wenn die schier unendliche Pflanzenwelt eingehüllt ist in dichte Nebelschwaden, bis die aufgehende Sonne schließlich die Wucht und Schönheit des Dschungels offenbart. Zwei Nächte, in denen die Milchstraße bis auf den Waldboden reicht, wo Glühwürmchen im Gebüsch funkeln.

Schon am ersten Tag haben wir großes Glück und sichten in den Baumwipfeln ein Orang-Utan-Weibchen. Vollkommen unbeeindruckt von den Booten unten am Flussufer widmet sie sich ihrem Mittagessen, hangelt sich dabei lässig von Ast zu Ast. Es ist ein ganz besonderes Erlebnis für uns, dieses Tier in seinem natürlichen Lebensraum beobachten zu können. Auch wenn wir uns immer wieder bewusst machen müssen, dass der Grund für solch außergewöhnliche Sichtungen eher ein trauriger ist. Denn Borneo ist mittlerweile überzogen von Palmölplantagen, die fast gänzlich bis an den Fluss herangekrochen sind. Den hier heimischen Tieren bleibt oft nicht einmal mehr ein Streifen rechts und links des 560 Kilometer langen Stroms, sondern nur einzelne Urwaldinseln. Dass man am Fluss so viele Tiere sieht, ist daher eigentlich kein gutes Zeichen. Ihnen bleibt woanders wenig Raum…
Dabei ist Palmöl das weltweit wichtigste Pflanzenöl: Es ist billig und vielseitig verwendbar. Doch wie bei fast allem kommt es auch bei Palmöl auf das “Wie” der Produktion an. Die Herstellung muss anders werden, als sie heute größtenteils ist - nämlich ökologisch, ökonomisch und sozial verträglich.

Mehrmals am Tag fahren wir mit dem Motorboot den Kinabatangan entlang oder wandern zu Fuß durch den dichten Dschungel. Dabei bin ich immer wieder aufs Neue beeindruckt davon, wie unser Guide jedes noch so gut getarnte Lebewesen im Dickicht entdeckt. Niemals hätten wir die Viper im Gebüsch ohne ihn bemerkt. Genauso wenig wie die die vollgefressene Python, die sich faul auf einem Ast zusammengerollt hat. Nur die hier heimischen Zwergelefanten bekommen wir zu Tonis großem Bedauern nicht zu Gesicht.

Das geschulte Auge unseres Guides macht sich auch während der Nachtsafaris ausbezahlt, wenn wir in vollkommener Dunkelheit über den Fluss schleichen - so gut ein Motorboot eben schleichen kann. Wie ein dürrer, weißer Finger tastet der Scheinwerfer die Bäume am Ufer ab. Er rutscht ihre Stämme entlang bis in die Kronen und bleibt zitternd in einer Astgabel hängen. Gleitet übers Gebüsch, hält inne, huscht zurück. Wir gleiten an einer Spinne vorbei, die emsig an ihrem Netz webt. Frösche quaken, ein Affe wacht auf und zetert, Zikaden singen. Plötzlich stoßen wir auf einen Meninting-Eisvogel, der mit offenen Augen zwischen den Blättern schläft. Wir betrachten den kleinen Vogel mit dem blau-roten Gefieder, der sich so gar nicht in seiner Nachtruhe stören lässt.
Hin und wieder blickt uns ein rotes Augenpaar aus dem Wasser entgegen. Sie gehören Krokodilen, die jedoch schnell abtauchen, sobald wir uns mit dem Boot nähern.

Und was wäre ein Regenwald … ohne Regen?! Davon gibt es an unserem letzten Tag am Kinabatangan mehr als genug. Strömender, harter, sintflutartiger Regen. Ein Regen, der einen in Sekundenbruchteilen bis auf die Knochen durchnässt. Die Aussicht, bei diesem Wetter auf Safari zu gehen, ist im wahrsten Sinne des Wortes trübe.
So ist Toni nicht besonders hoffnungsfroh, als er mit unserem Guide die Chancen für mögliche Tiersichtungen diskutiert. Den Tieren geht es da nämlich nicht viel anders als den Menschen: Bei solch einem Wetter ziehen sie sich lieber in den Schutz des Waldes zurück und suchen einen Unterstand.
“Ich werde nicht mitfahren”, entscheidet Toni deswegen. “Bei dem Regen sehen wir bestimmt nichts. Erst Recht keine Elefanten!”, erklärt er mir.
Ich blicke prüfend in den wolkenverhangenen Himmel. “So schlimm regnet es doch gar nicht mehr. Außerdem haben wir schließlich für die Safari bezahlt!”, lasse ich ihn wissen und werfe mir optimistisch ein dünnes Regen-Cape über.
Als das Boot mit nur wenigen Passagieren (ausschließlich Frauen übrigens) vom Steg ablegt, winkt Toni mir vom Ufer aus zu. “Viel Spaß!”, ruft er mir zu. Dann hüllt mich sanft der Regen ein.

“Toni! Toni! Toni!”, rufe ich nur kurze Zeit später aufgeregt in mein Handy. Ich filme erst mich selbst, winke dabei leicht überdreht in die Kamera und schwenke dann zum Ufer. Aller schlechten Voraussetzungen zum Trotz ist hier eine Elefantenherde aufgetaucht, um Nahrung zu sammeln. Mehrere ausgewachsene Tiere und einige Kälber bahnen sich ihren Weg durch das hohe Schilf. Ich kann sie deutlich hören und manchmal - zumindest teilweise - auch sehen. Meine Position ganz vorn auf dem Boot ermöglicht es mir, relativ nah an das Geschehen heranzukommen. Jede Bewegung, jedes Geräusch der Dickhäuter wird von mir filmisch festgehalten - untermalt von meinem glücklichen Jauchzen und einigen (überflüssigen) Kommentaren.

Dieses einmalige Erlebnis wäre perfekt gewesen, wenn ich es mit Toni hätte teilen können! Er hat mir aber versprochen, sich nicht noch einmal vom Wetter abhalten zu lassen. Auch dann nicht, wenn es regnet!