er ist leer

Zugfahrt

Ich sitze in einem Zug. Ich bin schon vor Ewigkeiten eingestiegen und mein Ziel ist noch nicht in Sicht.
Die Fahrt ist so lang… Ich sehe vom Fenster weg auf den Platz neben mir. Er ist leer. Wenn doch wenigstens jemand mit mir reisen würde…
Gerade saß dort noch jemand. Ein Mädchen. Wir sind zwar nicht zusammen losgefahren, aber sie hat sich zu mir gesetzt, als sie dazu gestiegen ist.
Wir haben lange zusammen gesessen und auch, als ich umgestiegen bin, ist sie bei mir geblieben.
Wir hatten dieselbe Richtung, aber nicht das gleiche Ziel. An der letzten Station musste sie aussteigen und jetzt fahre ich wieder allein. Genau so allein wie vorher.
Wir erreichen die nächste Haltestelle und die Türen öffnen sich. Ein paar Menschen steigen aus, ein paar kommen dazu. Es sind viele Menschen. Keiner ist wie der andere.
Da kommt ein anderes Mädchen auf mich zu. Sie lächelt und fragt, ob der Platz noch frei sei. Ich sage: “Nein, tut mir leid, er ist besetzt.” Ich stelle meine Tasche auf den Sitz und blockiere ihn, damit sie mir nicht zu nahe kommt. Sie geht weiter.
Ich bin überrascht von mir selbst. Ich drehe mich um und will sie zurückrufen, doch sie ist schon weg.
Wieso weise ich sie ab? Sie wirkte doch nett.
Alle anderen haben schon einen Platz gefunden und der Zug fährt weiter. Jetzt kann ich die Tasche wieder runter nehmen.
Traurig blicke auf den leeren Sitz. Ich bin allein. Ich reise allein. Oder ich reise zusammen und werde zurückgelassen. Aber kommt dann doch mal jemand auf mich zu, weise ihn ab.
Wieso? Ich weiß es selbst nicht…
Der Zug fährt immer weiter. Ich steige nicht aus. Ich habe noch eine lange Reise vor mir. Diese Reise geht mein Leben lang.
Denn diese Reise ist mein Leben.

Ich bin weg

Die folgenden Zeilen entstehen aus dem tiefsten Liebeskummer heraus. Sie sind – so kann ich nur inständig hoffen – eine Momentaufnahme aus den dunkelsten Abgründen.

5 Tage ist es her. Vor 5 Tagen beendete mein Freund schweren Herzens unsere Beziehung. Es fiel ihm fast genauso schwer wie mir. Fast. Denn er konnte es beenden.

Dieser Mensch war alles, was ich mir gewünscht hatte. Er war gut zu mir, loyal, ehrlich und bereit mich in sein Leben zu lassen und wir verstanden uns so unfassbar gut. Und wir liebten uns.

Nun ist er weg, dieser wunderbare Mensch und ich stehe vor dem nichts. Am Tag nach der Trennung war ich drauf und dran mich einweisen zu lassen – mich einfach in fremde Hände zu geben und mich einfach fallen zu lassen. Ich tat es nicht. So traurig ich auch, ein rationaler Anteil ist noch übrig, der mir verbat mich in die Notaufnahme der Psychiatrie zu begeben. Alles, was mir jetzt zu viel ist, würde nur aufgeschoben werden. Ich kann nicht für immer dort bleiben und mich sedieren lassen. Aufgeschobener Schmerz ist vielleicht noch schlimmer.

Seitdem geistere ich durch mein Leben. 6 Tage, in denen ich arbeiten gehe, Freunde treffe, mit meiner Therapeutin rede und abends einfach nur ins Bett will. Schlafen und nicht mehr hier sein. Ich bin eine leere Hülle. Jede Minute, die vorüberzieht, bereitet mir Schmerzen. Wie Sägeblätter, die ihren Weg durch mein Herz bohren. Du bist nicht mehr da.

Ich sehe das Herbstlaub golden von den Bäumen fallen. Und die Schönheit erschlägt mich und lacht mich aus. Du bist alleine! Jedes wunderschöne Blatt ist ein KO-Treffer.

Ohne ihn gibt es keine Schönheit, keinen Sinn, kein Ich.

Ich bin noch hier. Ich gehe arbeiten. Ich funktioniere. Ich kann sogar langsam wieder essen. Aber ich will das nicht. Ich will nicht weitermachen. Das heißt, dass ich es akzeptiere. Dass ich ein Leben ohne ihn annehme. Das kann ich nicht. Das will ich nicht.

Was gerade am Schreibtisch sitzt ist mein Körper. Was von mir übrig ist: Schmerz und Verzweiflung. Innerlich bin ich tot.

wenn

du mich suchst und dann
nach oben siehst:

der luftraum über uns braucht einen mond
der rund und schön die blicke
auf sich zieht

das macht den himmel wahr
wenn er vergisst
wie leer er
ist

Mein Kopf, er ist so leer, so leer wie noch nie, doch irgendwie ist er so voll, wie schon lange nicht mehr. Ich habe nichts zusagen, doch irgendwie so viel, ich weiß nicht wie, und wo ich anfangen soll. Ich weiß nicht, wie ich diese Leere in mir, in meinem Kopf beschreiben, anderen erklären soll, wo ich anfangen soll, wie ich anfangen soll, damit es verständlich ist. Ich finde es unglaublich schwer sowas zu erklären, sodass man es versteht, denn in meinem Kopf ist so ein Chaos, das kann sich keiner vorstellen. Ich wünsche so etwas niemanden, es ist die Hölle etwas sagen zu wollen, aber nicht zu wissen wie.
—  verbautezukunft