ep: comeback

youtube

Ella Eyre - Comeback (Cover by Fast Forward Music) ellaeyre

Vom Ruhestand an den Pranger

Ach, was musste sich Curse nicht alles anhören? Fans sowie Rapkollegen warfen dem inzwischen 36 Jährigen vehement vor, Hip-Hop einst im Stich gelassen zu haben und nun zu seiner Blütezeit wieder ein Stück vom bunten Kuchen erhaschen zu wollen. Verständnis sieht nun wirklich anders aus. Doch womit hat das zu tun? Zum zehnjährigen Jubiläum seines Debüt-Albums Feuerwasser erschien die EP „20 Feuerwasser 10“ als Beilage der Juice. Im selben Zug verkündete er das Ende seiner Rap-Karriere. Vier Jahre ist das Ganze heute her.

Auch Vorwürfe, Casper zu kopieren, wirft der unaufgeklärte Rapfan wie wild um sich. Dies könnte vorallem daran liegen, dass Curse einem großen Teil garkein Begriff mehr zu sein scheint. Für Alteingesessene hat er allerdings schon fast eine Art Legendenstatus. Müsste ich mich nun also zu einer der beiden Fraktionen gesellen, bliebe mir nichts anderes übrig, als in der Mitte stehen zu bleiben. Ich kenne einiges von Curse’ alten Sachen. Nicht alles, aber einiges. Natürlich gibt es immer die Art Fan, der dieser „Legendenstatus“ schon vollkommen ausreicht, um bedingungslos jedes neue Stück Musik eines Künstlers zu feiern. Dann gibt es wiederum jene, die sich nostalgisch an den „Klassikern“ festklammern und alles, was „ihr“ Künstler danach herausbringt, schon aus Prinzip für schlecht erklären. Vollkommen losgelöst hiervon hingegen kann ich nun mit euch meine Gedanken teilen, die ich mit „Uns“ verbinde.

Los geht es mit dem Titel „Tatooine“, den Curse seiner Frau und seinem Sohn widmet. Atmosphärisch und gefühlvoll soll es auf der neuen Platte zu sich gehen. Überraschen dürfte das wohlmöglich niemanden. Gleich im Anschluss wird das Tempo auf „Millionen mal schon“ fast marschartig angezogen, um dieses im Chorus direkt wieder zurückzunehmen. Sanfte Pianoklänge, Riesen-Crescendo, Trompeten, flächige Streicher. Doch auch ein paar Synthies, die sich beispielsweise in „Wir brauchen nur uns“ in das überwiegend akkustisch ausgelegte Soundgewand der LP einreihen. Instrumental gesehen ist hier schonmal so einiges los.

Und textlich? Auffällig ist in erster Linie, dass auch Curse sich vollkommen vom klassischen 16er-Chorus-Muster freimacht. Hier gibt es Strophen, Bridges, Refrains, aber auch reine Instrumentalpassagen. Besonders auf „Kristallklarer Februar / Für P.“ wird klar, dass Curse es nach wie vor nicht verlernt hat, seine Emotionen in Texte zu pressen, ohne hierbei jedoch in Phrasendrescherei abzuschweifen. „So, hier stehen wir nun hinten an, regungslos. So deplatziert wie die knallbunten Blumen, die man dir drapiert. Wo sollen denn die ganzen Stühle hin… für all uns Ärsche, die wir gekommen sind? Wieviel Ehre hat die letzte Ehre, wenn man wünscht, dass man vorher dagewesen wäre?“

Apropos Emotionen. Neben der Sängerin Fibi Ameleya, die bereits auf einem Interlude seines zweiten Albums zu hören war, ist Tua, Herr Melancholie himself, als eines der zwei sorgfältig ausgewählten Feature-Gäste vertreten. Hier wird außerdem deutlich, dass Curse sein Album wohl keineswegs mit einer Vielzahl von Gästen überladen wollte. Ob einem die musikalische Richtung, die er nun einschlägt, besser als der „alte Curse“ gefällt, muss der einzelnde für sich selbst entscheiden. Vielleicht entdeckt ihn auf der anderen Seite ja sogar jemand vollkommen neu für sich. Wie dem auch sei.

Meiner Meinung nach merkt man dem Album vorallem eines stark an: Es wurde nicht auf die schnelle produziert. Ob es nun meinem persönlichen Geschmack entspricht sei mal dahingestellt, doch Instrumentalisierung, Texte und Konzept geben insgesamt ein stimmiges Gesamtbild ab. Wie schon zuvor zum Thema gebracht sind Künstler in erster Linie keine beständigen Typen. Sie gehen Risiken ein. Sie probieren sich aus. Mal entwickeln sie sich. Mal stagnieren sie. Mal brauchen sie eine Auszeit. So pathetisch es nun letztendlich auch klingen mag: Die Liebe zur Musik kaufe ich Curse ab. Und wer möchte ihm da schon ernsthaft drüber böse sein? 

youtube

Originally posted by mylovelyanimecouples