eintreten

Draußen, der Regen prasselt auf die Blätter der Bäume. Meine Wahrnehmung fokussiert sich einzig und allein auf das deutlich vernehmbare Rauschen des Regens. Einsam, im Herzen trostlos und traurig. Ein wenig melancholisch, mit umherwandernden Gedanken über die Zweisamkeit. Gedanken, die nicht eintreten werden, denn mit mir wurde abgeschlossen
—  Einweiteresgebrochenesherz
TRAUMGAST


Manchmal werde ich dir im Traum erscheinen
als unerwarteter und ferner Gast.
Lass mich nicht draussen auf der Strasse stehen –
verriegle nicht die Tür.

Leise werde ich eintreten, friedlich mich setzen,
den Blick in die Dunkelheit gerichtet, um dich zu sehen.
Und wenn ich mich an dir satt gesehen habe –
werde ich dich küssen und wieder gehen.

(Nikola Vapcarov)

Ich weiß nicht, was wir sind, aber ich wünschte, wir wären Menschen

Wir scheitern schon beinahe
am Aufhalten der Tür,

aber noch gelingt es (nicht überall
und mehr schlecht als gut,
aber doch irgendwie -)
es gelingt,
aber vor allem
um den Anschein zu wahren,

nicht
aus Menschlichkeit.

(denn der zivilisierte Anstand gebietet es,
nicht das Herz,
die Verantwortung gebietet es,
aufgezwungen durch die Geschichte
nicht
verankert in einer Empathie über Grenzen
und Ethnien über Nationalitäten
und Sprache hinaus)

Der (teure Marken)Schuh lässt einen Spalt,
die Tür: weniger offen
als nicht geschlossen,
wir lassen eintreten
(eine Einladung ist das nicht,
eine Duldung, vielleicht)
vor Monaten nannten wir das
Willkommenskultur:

Wir öffnen die Tür
halb,
die sich nach außen so viel versprechend
auf der anderen Seite als Falltür entpuppt

(man landet; aber man kommt nicht an
in einer Gesellschaft, die im Malen des Flüchtlings als standardisiertem (Feind)Bild keine Unterstützung ihrer Großeltern braucht,
die Flüchtlingsheime anzündet,
nicht um die mangelhafte humanitäre Lage in diesen anzuprangern,
sondern:
um zu vertreiben.
Die, die fliehen mussten und nirgends erwünscht von Lager zu Lager
auf der Suche
nach Asyl versuchen,
nicht unterzugehen
wie eine zweite MS St. Louis
-ein sicherer Hafen für diese Passagiere? Entschuldige, aber nein, wir wollen uns nicht
noch mehr Probleme
importieren.)

Es ist nicht so, dass wir keinen Platz hätten.
Wir haben Platz und Holz genug,
aus dem sich ohne Weiteres
Stühle basteln ließen,
aber man könnte es im Winter noch brauchen,
also wird es eingelagert, nicht geteilt.

auf dem Boden im Keller
da kannst du schlafen,
aber tu bloß keinen Mucks,
denn in der Theorie ist der (schrumpfende) Großteil
von uns ja für die Aufnahme Geflüchteter
oder sagen wir:
dafür, dass geholfen wird.

aber praktisch selbst helfen?
und Störungen im Alltagsidyll der Bequemlichkeit ertragen müssen?

Dafür ist uns selbst der eigene Nachbar zu fern.
um es in den Worten des Bauers im israelischen Golan
zu sagen:
Was auf der anderen Seite des Bergs passiert, geht mich nichts an.

Warum sollte uns (als Europäer) dann
das Wohlergehen von Syrern
oder irgendwelchen Afrikanern (Afrika: das ist doch ein Topf und alles dasselbe),
interessieren?

(Unser Mitgefühl und Denken reicht ja nicht mal in die Ukraine)

Wenn mir noch jemand erzählen will,
man lerne aus der Vergangenheit,
man lerne dazu,
dann will ich das nicht per se abstreiten,
nur ergänzen,
dass man auch durchaus besser wird
im Verdrängen.

Von uns würde ich schon als Künstler sprechen -

wie wir so leben können, wie wir leben
mit dem, was wir wissen;

eine Leistung, die ihres gleichen sucht.

Man mahnt und erinnert:
So etwas wie vor 70, 75 Jahren darf nie wieder passieren.
Aber mit Flüchtlingen wird umgegangen wie damals:
Niemand will sie haben
(Soll'n sie doch dahin zurückgehen, wo sie herkommen)
und Grenzen werden am liebsten zugemacht.

Aber die Haltung von uns als Einzelnem:
Es ist schon schlimm, was da passiert,
aber es passiert nicht mir (nicht hier). Oder auch ganz beliebt als Motto-Rechtfertigung:
Ich würde ja gerne, aber wenn ich allein was tu,
ändert das ja sowieso nichts…

Aber verhindern, dass Rechts wieder so attraktiv wird,
zum Posterboy für Unzufriedene
und Wutbürger, für Uninformierte,
das kann es nicht.
Dass wieder (schon wieder) (so) rechts gefühlt und gedacht, gehandelt wird -

Was wir tun?
Wir leben weiter unser sicheres Leben in Selbsttäuschung,
während unsere Atemzüge
andere überrollen.

Wir zeigen Hilfesuchenden eine Tür
und lassen sie dann fallen,
(oder davor noch auf der der Strecke verrecken)
wir werfen Stühle ins Feuer,
nur damit die Argumentation “kein Platz”
nicht hinkt,
wir beuten aus, lassen hungern, ertrinken, sterben -

Ich weiß nicht, was wir sind.
Aber ich wünschte, wir wären Menschen
.

wir würden Menschen