echte demokratie jetzt

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Jetzt bin ich wieder daheim (48 Stunden wach gewesen, jetzt 8 Stunden geschlafen, Rückenschmerzen, tausend Mückenstiche, aber glücklich) und hatte auf dem Camp bereits angemerkt, dass ich höchstwahrscheinlich ein bisschen kritisieren werde. Aber vorher möchte ich nochmal kurz erläutern, was so passiert ist, für die Menschen die (noch?) nicht auf dem Alex sind/waren.

Also. Ich kam gegen halb 10 abends auf dem Alexanderplatz an und die Musik lief noch (zuvor war ja eine Party gewesen), Menschen waren noch am Tanzen etc. Mit ein, zwei Menschen hab ich mich unterhalten. Nachdem die Musik aus war, verließ etwa die Hälfte den Platz, die andere Hälfte ließ sich für ein Plenum nieder. Mensch hatte hier die Möglichkeit, sich über diverse Umstände in der Welt zu beschweren, das Problem lag darin, dass recht viele (weil zuvor eine Party stattfand) schon mehr oder weniger betrunken waren. Was mich ein bisschen (mehr) genervt hat, weil Politik und Besoffensein für mich nicht Hand in Hand gehen. Irgendwann - obwohl das Plenum eigentlich noch in vollem Gang war - hörte niemand mehr zu und alles verästelte sich in Seitengesprächen, weswegen dazu übergegangen wurde, die Zelte aufzubauen. Und dann kam die Polizei und stellte uns vor die Möglichkeit, das alles hier als Spontandemo anzumelden (ergo müssten die Zelte weg) oder geräumt zu werden. Da aus irgendeinem Grund das nicht bedacht worden war, wurde die Demo also spontan gegen den Einsatz der Nato-Truppen in Nordafrika angemeldet und die Zelte platt gemacht (die Stangen wurden rausgezogen und einige schließen somit AUF ihren Zelten). Langsam sank die Stimmung in den Keller, immer mehr Menschen gingen, bis gegen Ende vielleicht von während der Party 100 Menschen nur noch 20 da waren, wovon mindestens 8 betrunken waren (und meines Wissens nach auch nicht zu der aCampada-Gruppe gehörten). Meine Laune war nicht wirklich im Keller (dazu war ich einfach zu amüsiert von den Menschen), aber erhofft hatte ich mir schon etwas anderes. Allerdings hatte ich ein paar recht interessante Gespräche und jede Menge Heiratsanträge. Was mich gestört hat, war, dass nach und nach immer mehr Menschen nach Hause gingen, um zu schlafen, aber da komme ich später noch einmal drauf zurück.

Am nächsten morgen, als die Sonne aufging, waren wir vielleicht noch 10 Menschen im Camp, ich kann das nicht so genau einschätzen. Jedenfalls haben wir uns Kaffee geholt, wir wurden langsam wach (oder auch nicht, ich hab ja gar nicht geschlafen) und warteten darauf, dass mehr Menschen wieder zurück kämen. Irgendwann kam ein Typ an, betrunken, sehr aggressives Auftreten: “Was macht ihr hier? Was soll das hier?” - Ja, okay. Wegen Übermüdung war die ganze Stimmung gereizt und wurde auch nicht dadurch besser, dass der Typ lauthals verkündete, er sei rechts. Außerdem ließ er niemanden ausreden. Ich hab ihn dann zusammen mit ein paar anderen Menschen versucht, zu beruhigen, ihn ausreden lassen, aber auch darauf bestanden, dass er mich ausreden lässt, so ruhig wie möglich geredet etc. Irgendwann waren die anderen so sehr von ihm angepisst, dass ich mit ihm zum Brunnen der Völkerfreundschaft gegangen bin, um da mit ihm weiter zu diskutieren. Ich hab leider nicht mehr so ganz die Ahnung, worüber wir geredet haben (weil völlig übermüdet), aber woran ich mich erinnere ist, dass wir in vielen Dingen erstaunlich ähnliche Ansichten hatten - nur mit dem Hintergrund “Menschen sind böse und sollten vernichtet werden” und ich mit dem Hintergrund “Menschen sind gut, aber nicht aufgeklärt genug”. Er bezeichnete mich die ganze Zeit als “verdammt naive Idealistin”, aber ich bin nicht drauf eingegangen, habe ihn darauf aufmerksam gemacht, wenn er sich selbst in seiner Argumentation widersprochen hat und immer wieder nachdrücklich meine Meinungen ihm nahegelegt. Und am Ende der etwa 2stündigen Diskussion sagt dieser selbsternannte Neonazi zu mir: “Ey man, du bist zwar ne linke Zecke und wir werden nie ganz einer Meinung sein, aber du hast in vielen Punkten Recht und ich wünsche dir, dass du diese Naivität, diesen Idealismus und diesen Optimismus nicht verlierst, gibt viel zu wenig Menschen von deiner Sorte.” KA-TSCHING! Kriegt das mal aus so nem Typen raus! (Sorry, ich musste mich nur kurz selber loben.)

Als ich zum Camp zurück kam, hatte sich die Stimmung komplett gewandelt. Die Zelte waren wieder aufgebaut worden, es waren Leute zurück gekommen und hatten etwas zu essen, Kaffee, eine Kochplatte, Cans, Stencils und mehr mitgebracht, die Zelte wurden angemalt, es gab einen Infotisch, der Alex wurde vollgekreidet, Zettel mit Forderungen aufgehängt. Es kamen immer und immer mehr Menschen vorbei, die sich erkundigten und mit uns diskutierten und bei dem Plenum, während dem ich gehen musste, um meine Mitfahrgelegenheit zu bekommen, waren wir mindestens 40 Menschen.

Und jetzt zu meiner Kritik :D

Wie gesagt: Es hat mir unglaublich gut gefallen, aber es gibt ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind:

1) Arbeit mit der Polizei. Man muss eine AG gründen (was kurz bevor ich ging ja auch gemacht wurde), die sich mit den rechtlichen Geschichten auseinandersetzt, ggf. einen Anwalt fragt, und die der Polizei gegenübertritt, als ANSPRECHPARTNER, aber nicht als “DIE BEWEGUNG”, alle Entscheidungen sollten vorher in einem Plenum gemeinsam diskutiert und beschlossen werden.

2) Jemand muss sich um die Presse kümmern. Auch diese Stellungnahmen im Plenum “absegnen lassen”. Andere Gruppen ansprechen (avanti oder attac zB, falls es da in Berlin Abzweige von gibt. Vielleicht auch Greenpeace, Amnesty International, Jugendzentren, besetzte Häuser usw.)

3) Zum sozialen Miteinander: Versucht, so deeskalativ wie möglich zu sein! Es werden immer (und wahrscheinlich insbesondere abends/nachts) Menschen auftauchen, die Stress suchen und die Stress machen wollen. Redet ruhig mit ihnen, erklärt ihnen, dass sie entweder sich ruhig verhalten und zuhören sollen, oder am besten gehen. Rastet nicht aus, sondern bleibt gelassen, lasst den Menschen ausreden, besteht aber auch darauf, dass er_sie euch ausreden lässt. Lasst euch nicht provozieren.

4) Ich habe nichts dagegen, wenn abends ein, zwei Biere getrunken werden. Aber nicht besaufen. Keinen harten Alkohol und keine harten Drogen, und am Besten auch nicht offensichtlich. Geht sonst vielleicht ein paar Meter weg vom Camp oder so und packt die leeren Flaschen am Besten in ein Zelt oder eine Tüte, dass sie nicht rumliegen. Ruft euch immer ins Gedächtnis, dass das hier kein normales Camp, sondern eine politische Aktion ist und mensch ggf. klar im Kopf sein muss. Seid locker, aber nicht zu ausgelassen. Das ist keine Party, sondern ein Zeichen, das gesetzt werden muss und soll, aber es bringt nichts, wenn die Hälfte der Menschen keine klaren Sätze mehr formulieren kann.

5) Haltet den Platz sauber. Besorgt Aschenbecher und Müllbeutel (wurde dann ja auch gemacht).

6) Schichtwechsel. Ich kann nachvollziehen, dass nicht jede_r jede Nacht auf dem Alex campen will. Aber sprecht euch ab, wer wann geht und wer wann wieder kommt. Macht einen genauen “Schichtplan”, sodass immer mehrere Menschen im Camp sind. Nachts ist es wahrscheinlich nicht ganz so notwendig, aber tagsüber sollten immer möglichst viele Menschen da sein, damit mehr Menschen angezogen werden.

7) Kommunikation im Plenum. Es gibt diverse Formen der Kommunikation im Plenum. Am Besten eine Rednerliste anfertigen. Jemanden, der_die die Diskussion moderiert und jemanden, der_die Stichpunkte mitschreibt bestimmen. Ich persönlich bin bei Abstimmungen eine Verfechterin des Konsensprinzips mit 4 Stufen.

a.‐ “Ich bin einverstanden”.

b.‐ “Es ist zwar nicht perfekt, aber in Ordnung”.

c.‐ “Ich bin nicht dagegen, aber ich fühle mich nicht beteiligt”.

d.‐ “Ich bin dagegen”. VETO.

Wenn ihr mehr Infos dazu braucht, sagt einfach Bescheid. Und nutzt die Handzeichen! Erklärt sie notfalls zu Beginn jedes Plenums noch einmal, falls jemand dabei ist, der sie nicht kennt. Lasst einander ausreden.

8) Noch was in eigener Sache: Ich hab zwischendurch bei einigen Menschen recht diskriminierende Aussagen mitbekommen, insbesondere in sexistische Richtung. Leute, wir sind hier für Gleichheit. Da hat Sexismus meiner Meinung nach nix zu suchen. Denkt ein bisschen nach, bevor ihr etwas sagt und versucht, andere Menschen nicht abzustempeln oder zu diskriminieren. Das wäre mein persönlicher Wunsch.

All das ist keine böse Kritik, sondern nur ein paar Vorschläge, die mir eingefallen sind. Kann sein, dass ich noch etwas hinzufüge, was mir erst später einfällt. Aber: Ein ganz ganz großes Lob an euch! Haltet durch! Nehmt euch zurück, was euch schon immer zu stand, die Plätze und die Straßen. Informiert euch und andere. Empört euch, seit dagegen, lebt, lacht, weint, massiert euch, nehmt euch in den Arm, fragt euch gegenseitig, wie es euch geht, kümmert euch um einander, passt auf einander auf.

Und vor allem: bleibt.

Chwesta.