deutsche ideologie

Systematisch betrachtet, führt der materialistische Ideologiebegriff dazu, das
nationale Wir, die geistige Keimform der Volksgemeinschaft, überhaupt und
speziell den Satz „Ich als Deutsche®“ ein für alle Mal unmöglich zu machen.
Dieser Satz bezeichnet den theoretischen Schnittpunkt, die praktische Schaltstelle,
an der die schizophren gedoppelte Existenz des modernen Individuums
zwischen privatem Egoismus und staatsbürgerlichem Altruismus strategisch in
den Realfiktionen von Volk und Nation beruhigt und stillgestellt wird, genauer:
der Satz „Ich als Deutsche®“ bezeichnet den strategischen Moment, an
dem ,nationale Identität’ vom Subjekt bewußt angeeignet wird und als Praxis
der tätigen Identifikation mit dem, was denn da deutsch sein soll, anhebt. Auf
die dem Subjekt von Staats wegen gestellte Frage: Was ist deutsch? kann
jedoch keine Antwort mit Anspruch auf allgemeine Geltung gegeben werden,
die in der Frage suggerierte Anthropologie des Deutschen und die
halluzinierte Ontologie des Deutschtums blamieren sich gleich am ersten
konkreten Beispiel. Um das Wesen der(s) Deutschen an und für sich
herauszufinden, bedarf es theoretisch einer ,Gegenrasse’ und praktisch einiger
Menschen zum Totschlagen.
—  Initiative Sozialistisches Forum: “Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten” S.44
Die jungantideutsche Ideologie

Ein Gastbeitrag von Janus Lauterberg

Der Beitrag »Krampfhaft links« von Paulette Gensler (Jungle World 28/2015) ist eine überzeugende Demonstration, dass der Streit in der postantideutschen Linken die Wiederkehr des Streites der Junghegelianer als Farce darstellt. Als Farce deswegen, weil es erstaunlicherweise so scheint, als sei der Text, der der Bezugspunkt dieses Streits sein müsste, Marx’ und Engels »Die deutsche Ideologie«, nie geschrieben oder nie gelesen worden, obwohl Gensler ausdrücklich darauf hinweist, dass der Begriff »deutsch« auf die „seit Marx kritisierte deutsche Ideologie“ fokussieren soll. Gerade bei dem Begriff der »deutschen Ideologie«, der ja das Zentrum der antideutschen Kritik darstellen müsste, herrscht eine relative Unbestimmtheit vor: Marx und Engels kritisieren in ihrer Abhandlung unter diesem Begriff andere Junghegelianer, namentlich Feuerbach, Bauer und Stirner, Adorno richtet sich mit dem Begriff gegen die Existenzialontologie bei Heidegger und Jaspers, Stapelfeldt gegen eine Genealogie von Savigny, Fichte, List, Menger, A. Wagner, Sombart, Tönnies, Naumann, Spengler bis zu Schacht, wie Gruber und Lenhard gegen eine Genealogie von Bauer, Stirner, Nietzsche, Heidegger bis zum radikalen Islam und dessen von ihnen ausgemachten postmodernen und poststrukturalistischen Apologeten im Westen. Zur Zeit der Entstehung der linksdeutschen Strömung der Antideutschen war wohl, wie es auch einige der vorangegangenen Beiträge darstellten, noch relativ klar, worum es bei dem Begriff des »Deutschen« ging, gegen den sich die Kritik und der Protest richtete: Es ging um den völkischen und antisemitischen Wahn des Nationalsozialismus und dessen befürchteter Wiederkehr in der Form eines »Vierten Reiches«. Wie es ebenfalls bereits dargestellt wurde, trat diese befürchtete Entwicklung nicht ein. Vielleicht hätte es die antideutsche Kritik einfach bei diesem Veralten belassen sollen. Bekanntlich blieb es aber nicht dabei, sondern die antideutsche Kritik versuchte sich, nachdem der Gegenstand der Kritik sich in Deutschland nicht eingestellt hatte, vor allem in geopolitischer Ausrichtung neu aufzustellen: es kam zur so offensichtlichen wie bestrittenen »Verschiebung des geographischen Schwerpunkts« (Jungle World 24/2015) der Kritik. Genau in diesem Übergang von der Kritik der deutschen Verhältnisse zur Kritik der Verhältnisse in anderen Regionen, insbesondere im Nahen Osten, die mit einer Übertragung des Begriffs der »deutschen Ideologie« auf diese Verhältnisse verbunden war, ist eine seltsame Verkehrung dieses Begriffes vorgenommen worden, die der Intention der Kritik von Marx und Engels, die diese mit jenem Begriff verbanden, zuwiderläuft.

Wenn Gensler die Identifikation deutscher Ideologie nur mit Deutschland als groben Unfug bezeichnet, folgt sie einer Betrachtungsweise, wie sie sich exemplarisch bei Clemens Nachtmann findet, der eine mit dem Begriff »deutsch« bezeichnete politökonomische Konstellation für ein nicht „historisch oder territorial eingrenzbares Phänomen“ hält. Diese Konstellation könne deshalb »deutsch« genannt werden, weil sie sich dort „zuerst etablierte“, hätte aber „den Wirkungskreis ihrer vormaligen Exekutoren längst überschritten.“ Demnach kann „organisiertes Deutschtum“ dann sowohl unter „völkischer“ als auch unter „islamistischer Fahne“ auftreten (Nachtmann 2012: 157 f.), bzw. es hätte deutsche Ideologie sich zu einer „Europa-Ideologie“, als einer „Ideologie des Supra-Nationalen“ „verallgemeinert“ und „andere europäische Länder“ würden „keinerlei Hemmungen zeigen, die in dieser Ideologie vorgezeichneten Konsequenzen auch praktisch zu vollstrecken“ (ebd.: 89). In eine ähnliche Richtung zielen auch Gruber und Lenhard, die aus einer „ideologiekritischen Perspektive“ den Umfang des Begriffs »deutsch« mit einem „bestimmten Ideologietypus“ verbunden sehen, „dessen Herkunft zwar in der deutschen Philosophie- und Geistesgeschichte zu verorten ist, der aber als gleichermaßen fetischistisch wie selbstbewußt vollzogene Reproduktion der globalen Selbstverwertung des Werts, die mit permanenter Verelendung, Zerstörung und Vernichtung in eins fällt, gleichwohl verallgemeinerbar ist.“ So sehen sie Deutschland als „Ausgangspunkt jener unheilvollen Bewegung der Gegenaufklärung, die im Linkshegelianismus eines Bruno Bauer und Max Stirner ihren Anfang nahm, in Nietzsches “Wille zur Macht” und Heideggers “Sein zum Tode” ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte und heute in Form des radikalen Islam und seiner postmodernen und poststrukturalistischen Apologeten im Westen seinen zeitgemäßen Ausdruck findet“ (Gruber/Lenhard 2011: 7). Es ist etwas schwierig diesen Argumentationen zu folgen, aber sie scheinen darauf hinauszulaufen, dass die »deutsche Ideologie« als eine Ideologie der Gegenaufklärung, deren Herkunft in der deutschen Philosophie- und Geistesgeschichte gesehen wird, sich international verallgemeinert.

Die Zielrichtung der Kritik von Marx und Engels an den anderen Junghegelianern die sie in »Die deutsche Ideologie« formulieren, ist nun gerade gegen derartige Betrachtungsweisen gerichtet, die sie bei Feuerbach, Bauer und Stirner sahen und die heute bei Gensler, Nachtmann und Gruber/Lenhard zu finden sind. Diese in der Kritik stehende Betrachtungsweise geht davon aus, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse von Moral, Religion, Metaphysik und sonstiger Ideologie und ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen, d.h. Vorstellungen, Gedanken, Begriffen und Ideen bestimmt werden. Dagegen wenden sie sich bekanntlich, indem sie davon ausgehen, dass „die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen“ „notwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses“ sind (Marx/Engels 1959: 26). Sie begründen mit dieser Kritik an ideologischen Betrachtungsweisen, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse allein auf Bewußtseinsformen zurückführen, eine materialistische Betrachtungsweise, die davon ausgeht, dass die „wirklichen, wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs“, d.h. der gesellschaftlichen Verkehrsformen bzw. der Produktionsverhältnisse, die „Produzenten ihrer Vorstellungen , Ideen pp.“ sind (ebd.). Diese materialistische Geschichtsauffassung fassen sie wie folgt zusammen:

Diese Geschichtsauffassung beruht also darauf, den wirklichen Produktionsprozeß, und zwar von der materiellen Produktion des unmittelbaren Lebens ausgehend, zu entwickeln und die mit dieser Produktionsweise zusammenhängende und von ihr erzeugte Verkehrsform, also die bürgerliche Gesellschaft in ihren verschiedenen Stufen, als Grundlage der ganzen Geschichte aufzufassen und sie sowohl in ihrer Aktion als Staat darzustellen, wie die sämtlichen verschiedenen theoretischen Erzeugnisse und Formen des Bewußtseins, Religion, Philosophie, Moral etc. etc., aus ihr zu erklären und ihren Entstehungsprozeß aus ihnen zu verfolgen, wo dann natürlich auch die Sache in ihrer Totalität (und darum auch die Wechselwirkung dieser verschiednen Seiten aufeinander) dargestellt werden kann. Sie hat in jeder Periode nicht, wie die idealistische Geschichtsanschauung, nach einer Kategorie zu suchen, sondern bleibt fortwährend auf dem wirklichen Geschichtsboden stehen, erklärt nicht die Praxis aus der Idee, erklärt die Ideenformationen aus der materiellen Praxis und kommt demgemäß auch zu dem Resultat, daß alle Formen und Produkte des Bewußtseins nicht durch geistige Kritik, durch Auflösung ins “Selbstbewußtsein” oder Verwandlung in “Spuk”, “Gespenster”, “Sparren” etc., sondern nur durch den praktischen Umsturz der realen gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen diese idealistischen Flausen hervorgegangen sind, aufgelöst werden können - daß nicht die Kritik, sondern die Revolution die treibende Kraft der Geschichte auch der Religion, Philosophie und sonstigen Theorie ist. (ebd.: 37 f.)

Ausgehend von dieser Geschichtsauffassung kritisieren sie die der deutschen Ideologie entsprechende: „Während die Franzosen und Engländer wenigstens an der politischen Illusion, die der Wirklichkeit noch am nächsten steht, halten, bewegen sich die Deutschen im Gebiete des “reinen Geistes” und machen die religiöse Illusion zur treibenden Kraft der Geschichte“ (ebd.: 39). Würde diesen Bestimmungen von Marx und Engels in »Die deutsche Ideologie« gefolgt, worauf ja Gensler zufolge das »deutsch« in »antideutsch« fokussieren soll, so wären die Betrachtungsweisen, wie sie bei Gensler, Nachtmann und Gruber/Lenhard zu finden sind, als Ausdrucksformen deutscher Ideologie anzusehen. Zu berücksichtigen ist dabei selbstverständlich, dass Marx und Engels noch nicht wissen konnten, in welch furchtbarer Weise die Deutschen ideologischen Wahn mit Auschwitz in materielle Praxis umsetzten, aber auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Deutschen mit dem Nationalsozialismus hervorbrachten, sind auf ihre materielle Basis zurückzuführen, woraufhin dann Marx zufolge auch erst deren Vermittlung mit den ideologischen Formen dargestellt werden kann, was die kritische Theorie, u.a. unter Rückgriff auf die Psychoanalyse, die Marx und Engels ebenfalls nicht kennen konnten, ja auch unternahm.

Wenn Gensler mit Adorno in Bezug auf die von ihr ausgemachten Jungantideutschen auf die Notwendigkeit der „Fähigkeit zum Denken als Grundlage der Mündigwerdung selbst“ statt der „Vermittlung vorgefertigter Botschaften“ hinweist, sowie darauf, dass „die Voraussetzungen dafür zu schaffen“ wären, „selbst eine vernünftige Kritik an einem bestimmten Gegenstand formulieren zu können, statt der routinierten Wiedergabe von Parolen zu frönen“, dann wären diese zutreffenden Bemerkungen gegen ihre eigene Position sowie gegen diejenigen von Nachtmann und Gruber/Lenhard zu wenden. Mit der routinierten Anwendung bestimmter »antideutscher« bzw. »ideologiekritischer« Schemata auf ihre jeweiligen Gegenstände weisen diese selbst sich als jene Jungantideutschen aus, die bei Gensler kritisiert werden sollen.

“Hallo Deutschland, du ARSCH!”

Impressionen ausm A, letzten Freitag mit KACKSCHLACHT und ihrem wunderbaren Song “Deutschland” (weil sich das für eine Deutschpunkband so gehört):

“und du machst einfach weiter … und darum mach ich weiter, bist du irgendwann kaputt gehst.”

In diesem Sinne deutsche Ideologie im dreifachen Sinne aufheben!

Beste Grüße nach Braunschweig - und WEITERMACHEN!

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