buch dich

Die Einsamkeit ist ein sonderbares Wesen. Lautlos kommt sie im Dunkeln angeschlichen, setzt sich ans Bett, streicht dir im Schlaf übers Haar. Umschlingt dich so fest, dass der Atem ins Stocken gerät, das Blut sich erhitzt und der Herzschlag zu rasen beginnt, während ihre Lippen die Härchen in deinem Nacken streifen. Sie hinterlässt Lügen in deinem Herzen, legt sich neben dich in der Nacht und verschlingt das Licht aus allen Ecken und Winkeln. Sie weicht nicht mehr von deiner Seite, und sie reicht dir nur die Hand, um dich wieder nach unten zu zerren, wenn du dich gerade mühsam aufrappeln willst.
—  Rette mich vor dir

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein
und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.
Ich, ich bin der Meister der Streiche, wenn´s um Selbstbetrug geht.
Bin ein Kleinkind vom Feinsten, wenn ich vor Aufgaben stehe.
Bin ein entschleunigtes Teilchen, kann auf keinstem was reißen,
lass mich begeistern für Leichtsinn – wenn ein anderer ihn lebt.

Und ich denke zu viel nach.
Ich warte zu viel ab.
Ich nehme mir zu viel vor –
und ich mach davon zu wenig.

Ich halte mich zu oft zurück –
ich zweifel alles an,
ich wäre gerne klug,
allein das ist ziemlich dämlich.

Ich würde gern so vieles sagen
aber bleibe meistens still,
weil, wenn ich das alles sagen würde,
wär das viel zu viel.

Ich würde gern so vieles tun,
meine Liste ist so lang,
aber ich werde eh nie alles schaffen –
also fange ich gar nicht an.
Stattdessen hänge ich planlos vorm Smartphone,
warte bloß auf den nächsten Freitag.
Ach, das mach ich später,
ist die Baseline meines Alltags.

Ich bin so furchtbar faul
wie ein Kieselstein am Meeresgrund.
Ich bin so furchtbar faul,
mein Patronus ist ein Schweinehund.

Mein Leben ist ein Wartezimmer,
niemand ruft mich auf.
Mein Dopamin, das spare ich immer –
falls ich´s nochmal brauch.

Und eines Tages, Baby, werde ich alt sein. Oh Baby, werde ich alt sein
und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.

Und Du? Du murmelst jedes Jahr neu an Silvester
die wiedergleichen Vorsätze treu in dein Sektglas
und Ende Dezember stellst Du fest, das du Recht hast,
wenn Du sagst, dass Du sie dieses Jahr schon wieder vercheckt hast.

Dabei sollte für Dich 2013 das erste Jahr vom Rest deines Lebens werden.
Du wolltest abnehmen,
früher aufstehen,
öfter rausgehen,
mal deine Träume angehen,
mal die Tagesschau sehen,
für mehr Smalltalk, Allgemeinwissen.
Aber so wie jedes Jahr,
obwohl Du nicht damit gerechnet hast,
kam Dir wieder mal dieser Alltag dazwischen.

Unser Leben ist ein Wartezimmer,
niemand ruft uns auf.
Unser Dopamin das sparen wir immer,
falls wir´s nochmal brauchen.

Und wir sind jung und haben viel Zeit.
Warum sollen wir was riskieren,
wir wollen doch keine Fehler machen,
wollen auch nichts verlieren.

Und es bleibt soviel zu tun,
unsere Listen bleiben lang
und so geht Tag für Tag
ganz still ins unbekannte Land.

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein,
und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können
und die Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen werden,
traurige Konjunktive sein wie

„Ein mal bin ich fast einen Marathon gelaufen
und hätte fast die Buddenbrooks gelesen
und einmal wäre ich beinah bis die Wolken wieder lila waren noch wach gewesen
und fast, fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehen, wir sind die Gleichen,
und dann hätten wir uns fast gesagt, wie viel wir uns bedeuten.“

Werden wir sagen.

Und das wir bloß faul und feige waren,
das werden wir verschweigen,
und uns heimlich wünschen,
noch ein bisschen hier zu bleiben.

Wenn wir dann alt sind
und unsere Tage knapp,
und das wird sowieso passieren,
dann erst werden wir kapieren,
wir hatten nie was zu verlieren –
denn das Leben, das wir führen wollen,
das können wir selber wählen.

Also lass uns doch Geschichten schreiben,
die wir später gern erzählen.
Lass uns nachts lange wach bleiben,
auf´s höchste Hausdach der Stadt steigen,
lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen.
Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen,
sehen, wie sie zu Boden reisen
und die gefallenen Feste feiern,
bis die Wolken wieder lila sind.
Und lass mal an uns selber glauben,
ist mir egal, ob das verrückt ist,
und wer genau guckt, sieht,
dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist.
Und – wer immer wir auch waren –
lass mal werden wer wir sein wollen.
Wir haben schon viel zu lang gewartet,
lass mal Dopamin vergeuden.

„Der Sinn des Lebens ist leben“,
das hat schon Casper gesagt,
„let´s make the most of the night“,
das hat schon Kesha gesagt.
Lass uns möglichst viele Fehler machen,
und möglichst viel aus ihnen lernen.
Lass uns jetzt schon Gutes sähen,
dass wir später Gutes ernten.
Lass uns alles tun,
weil wir können – und nicht müssen.
Weil jetzt sind wir jung und lebendig,
und das soll ruhig jeder wissen,
und – unsere Zeit die geht vorbei.
Das wird sowieso passieren
und bis dahin sind wir frei
und es gibt nichts zu verlieren.

Lass uns uns mal demaskieren
und dann sehen, wir sind die Gleichen,
und dann können wir uns ruhig sagen,
dass wir uns viel bedeuten,
denn das Leben, das wir führen wollen,
das können wir selber wählen.

Also los, schreiben wir Geschichten,
die wir später gern erzählen.

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein
und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.

—  Eines Tages, Baby von Julia Engelmann
Die Zeit wird helfen. Es dauert lange und tut weh. Aber die Wunden heilen. Du wirst sie vergessen, wie die Geschichten, die man in einem Buch liest.
—  Endless love (Film)
Welche deutschen Dichter (und Autoren) du bekämpfen solltest

Lessing: Mir fällt ehrlich gesagt kein plausibler Grund ein, warum du Lessing weh tun solltest, da ich nur ein einziges Bild von ihm kenne:

Und da sieht er aus wie ein Achtjähriger kleiner Scheißer dem man unbedingt eine verpassen will. Tu´s einfach, er sieht nicht sonderlich stark aus und es wird dir Genugtuung nach all den abgehackten Halbsätzen verschaffen, durch die du dich in Emilia Galottti quälen musstest.


Goethe: Kämpfe gegen Goethe. Jeder kämpft gegen Goethe, sein Leben lang, aber du musst dich damit abfinden, dass du einfach nicht gewinnen kannst. Klar, er ist ungefähr so groß wie Lessing aussieht, aber vergiss nie, dass schon zu Goethes Lebzeiten jeder mindestens einmal versucht hat ihn fertig zu machen und niemand hat es jemals geschafft. Jung war er ein verdammter Punk, Alt ging ihm alles am Arsch vorbei, und solltest du es wirklich in seine Nähe schaffen, musst du immer darauf gefasst sein, dass Christiane Vulpius aus dem Hinterhalt springen und dich fertig machen wird. Und Christiane kann man nicht besiegen, es ist menschlich einfach nicht möglich.

Wenn du ihn wirklich wehtuen möchtest schleicht dich leise an ihn, schieße ein Foto mit Brillen von ihm und flüstere in sein Ohr, dass alle seine Liebsten tot und seine naturwissenschaftlichen Annahmen Bullshit sind. Er wird wahrscheinlich trotzdem versuchen mit dir zu schlafen.


Schiller: Ok, ich kann verstehen warum du ihn fertig machen willst, ich habe glaube ich noch nicht einen Satz von ohm beim ersten Lesen voll erfassen können und seine Frauenrollen sind anfänglich problematisch. Und es sollte auch nicht schwer sein, denn obwohl er wahrscheinlich größer ist als du, wiegt er wohl ungefähr halb so viel. Aber der Mann war sein halbes Leben krank und es wäre echt kein fairer Kampf. Du würdest es wahrscheinlich leicht schaffen, aber Goethe würde dich dein Leben lang jagen und wo er ist, ist auch Christiane. Kämpfe nicht gegen ihn.


Brentano: Ihm ist es wahrscheinlich egal ob du ihn in brannt setzt. Der Mann hat jahrelang ein Interview mit einer alten Nonne geführt und hat daher eine Arschruhe weg. Wenn du ihn niederstreckst wirst du die Unendlichkeit der Sehnsucht in seinen Augen erkennen, die dich Nachts aus dem Schlaf reisst. Kämpfe daher mit Bedacht.


Eichendorff: Er sollte leicht sein, er hatte sein ganzes Leben lang keine Hobbies und ist vollkommen von allem wirklichen angeödet. Sag ihm einfach, dass ihn niemand ausserhalb der Schule kennt und dass es immernoch einen Zoll gibt. Bedenke aber, dass dich dein Leben lang das Rauschen von Mühlenrädern und der Gesang der Nachtigal verfolgen wird, während in der Ferne ein Posthorn heult.


Tieck: Warum solltest du Tieck etwas antuen? Schick ihn zu einem Physiotherapeuten und geht zusammen zur Massage, ihr könntet die besten Freunde werden.


Bettine von Arnim: Das wird ein Endkampf den du nur mit großer Ausdauer gewinnen kannst. Und selbst wenn du gewinnst, wird sie ein Buch über dich schreiben und dich darin bloßstellen. Verbünde dich am besten mit Christiane, dann solltest du sie besiegen.


Novalis: Nichts leichter als das, aber wenn es dir wenig Ruhm bringen wird. Der Mann sah aus wie die Kreuzung aus einem Eichhörnchen und einer Fünfjährigen

und es geht das Gerüchts herum, dass er gestorben ist, weil Schiller ihn angehustet hat.Leichter geht es nicht.


Kleist: Kämpfe nicht gegen Kleist! Der Mann war bei der preußischen Armee und wird dich einfach nur fertig machen, erst verbal, dann körperlich, und dann wird er in sich selbst zusammensinken und SICH fertigmachen. Es ist ein verdammter Teufelskreis. Versteck am besten alle Schusswaffen in Reichweite und sag nichts gegen Deutschland.


Heine: Das gleiche wie bei Goethe. Kämpfe gegen ihn, aber erhoffe dir keine Aussichten auf einen Erfolg. Er ist eigentlich der Hipster in Person, immerhin war er ironisch ein Romantiker, und wird dich immer nur mit seinem penetranten Gesichtsausdruck ansehen. Außerdem ist er klein und wendig und hat die Arbeiterklasse auf seiner Seite. Diese Kampf wird dich unbefriedigt lassen.


Kafka: Es gibt keinen leichteren Gegner als Kafka, aber willst du dir das wirklich antuen? Verkleide dich einfach als sein Vater und sieh was passiert.