brunkhorst

Weil er den Staat als Staat der Gesellschaft versteht, kann Marx nicht nur aus Hegels streng egalitärem Freiheitsbegriff die Demokratie als einzig “vernünftige Form” des “ganzen Staatsorganismus” ableiten, sondern auch den “Fortschritt”, den Hegel auf die unpolitische Gesellschaft beschränkt wissen und vom vor- und übergesellschaftlichen Staat fernalten wollte, “zum Princip der Verfassung” erklären. Der naturwüchsige Fortschritt, den die moderne Bourgeoisie in Technik und Wissenschaft, Recht und Wirtschaft, Kunst und Massenmedien entfesselt und in deutlicher Übereinstimmung mit dem eigenen Klasseninteresse zum Prinzip sozialer Integration gemacht hat, wird in der Demokratie zum bewußt gewollten - und nun erst im allgemeinen Interesse korrigierbaren - Prinzip öffentlicher Selbstbestimmung. Der Fortschritt als Prinzip der politischen Verfassung unterscheidet sich nämlich dadurch vom Fortschritt als Prinzip der kapitalistischen Marktwirtschaft, daß er im Medium öffentlicher Willensbildung und, wie Marx zur gleichen Zeit zu zeigen versucht, nur in diesem Medium für die Interessen aller Klassen, Gemeinschaften und Individuen offengehalten werden kann.
—  Karl Marx (2007): Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Kommentar von Hauke Brunkhorst. Frankfurt am Main: 164f.
Adornos Skizze der Eigenlogik des Ästhetischen muß von der gesellschaftlichen Vermittlung der Kunst durch konkrete historische Erfahrungen scharf unterschieden werden. Da bei Adorno immer alle Ebenen fast gleichzeitig thematisiert und assoziativ entwickelt werden, entstehen hier leicht Mißverständnisse, z.B. das, die neue Kunst wäre nur so negativ, weil die Gesellschaft so schlecht ist, und sie sei nur abstrakt als aktiver Reflex auf deren immer abstraktere Organisation. Das hat Adorno, wo er darauf angesprochen wurde, immer heftig abgestritten. Wenn Kunst wieder affirmativ und positiv würde, sei dies, so argumentiert er, ein sicheres Indiz, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse sich verschlimmert hätten. Negativ und abstrakt wird die Kunst allein auf Grund der inneren Logik ihres Formgesetzes: sie wird schließlich ganz von Rationalität und Reflexivität durchzogen. Allein kraft solcher Reflexivität aber kann sie sich überhaupt für die Wahrnehmung des Leidens und damit für die Negativität geschichtlicher Erfahrungen, die sich nicht mehr anschaulich fassen lassen, öffnen. Die ästhetische Negativität ist eine notwendige Bedingung für den mimetischen Ausdruck von Leiden, aber das geschichtliche Leiden ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung ästhetischer Negativität.
—  Hauke Brunkhorst: Theodor W. Adorno. Dialektik der Moderne, S. 138.