bordsteinkante

Lesen

Ist es nicht total verrückt wie wir das Lesen verlernen? Wir lesen News, wir lesen Statusmeldungen, wir lesen Verkehrsschilder, wir lesen Videobeschreibungen, wir lesen Filmkritiken, wir lesen alles auf der Welt aber kein gottverdammtes Buch. Mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege frage ich mich alle 2 Seiten was ich die letzten 2 Seiten gelesen habe und rätsel nach 5 mal 2 Seiten wo zur Hölle ich eigentlich falsch abgebogen bin in meinem Leben, dass mir dermaßen Einfühlungsvermögen und Fantasie fehlen um mal 30 Seiten am Stück zu lesen ohne abzuschweifen. Ich hab, als ich noch klein & mittelklein war, sehr viel gelesen, habe mich verloren und gefunden gefühlt in den unendlichen Weiten meiner Vorstellungskraft. Wenn der Autor damals schrieb die Figur habe blonde Haare, und mir gefielen braune Haare aber besser, hatte die Figur für den Rest des Buches braune Haare, jedes ‘blond’ habe ich gekonnt ausgeblendet. Heute haben die Figuren in meinem Kopf oftmals nicht mal mehr ein wirkliches Gesicht, alles ist so schwammig und unkonkret geworden. Manchmal glaub ich, ich habe das Träumen verlernt. Vielleicht ist das dieses Erwachsenwerden, nicht mehr gedankenverloren auf der Bordsteinkante zu balancieren, weil ringsrum Lava und Feuer ist. Ich fühle mich noch viel zu jung um stur durch die Fußgängerzone zu laufen und nicht genau die Kacheln zu treffen weil sonst die Welt explodiert oder schlimmeres. Alter, ich bin der gefürchtete Taubenschreck! In jeder Großstadt kennen mich die Ratten der Lüfte und sind vorgewarnt, wenn ich auf sie zu, in sie hinein, renne, schreiend, lachend, ein bisschen von Sinnen. Ich weiß, das trifft wahrscheinlich auf mindestens jeden zweiten Menschen da draußen zu. Aber das war meine Welt. Jetzt bin ich irgendwie in eurer, unserer Welt und häng hier so ein bisschen fest, meine Krümelspur hat sich irgendwo verloren und ich finde nicht mehr zurück. Ganz schön kacke, hier bei euch. Und so kalt und grau.
Ich hab absolut keine Ahnung wo ich mit diesem Text hier hin wollte - aber heeey, wieder was geschrieben. Ich lese jetzt mein Buch weiter.. Bis in 2 Seiten dann!

☁ Seelenkollaps

Es gab Keuchen.
Jolen.
Schmerz.
Zusammengerollt, die Augen geschlossen und die Hände über dem Kopf lag er auf dem Boden und alles, was er spürte, waren die Tritte, die Schuhe, die ihn trafen, das Grölen, die schmerzendesn Muskeln, das Schreien seiner Nerven und sein eigenes, verspeicheltes, atemloses Keuchen.
Die Nebengasse war nur der Asphalt unter ihm, seinem von Pein gefluteten Körper, verschmiert von seinem Blut.
Ein gequältes Wimmern entrang sich ihm.
Sein Körper war schwer und weich und-
Eigentlich hatte er nichts.
Nur was er trug und sein Leben.
Dumpf bekam er mit, wie ihn Hände packten und zur Bordsteinkante schleiften. Er spürte einen Stiefel im Nacken, nicht mehr und dann-
Er war Cevynn. Und dann, in der Sekunde, in der es knackte… war er es nicht mehr.
Wacklig und nervös anmutend lächelnd schob er die Erinnerung fort.
Sein Auge zuckte etwas.
Es war nicht so einfach festzumachen ob das an seinem allgemeinen Nervenschaden durch den Genickbruch lag, den er erlitten und nicht nur überlebt hatte, oder durch die Elektroden und Geräte, die jetzt an ihm hingen.
Er war komplett verkabelt.
Und durch seinen Körper, seinen Körper, der geschunden gewesen und nun in der Heilung war, flossen, zirkulierten, kribbelten unglaubliche Mengen an Energie.
Dr. Prang stand auf dem Namensschild seines Propethen, der sich seines Leibes angenommen hatte, der seine Energien, die aus dem Knacks seiner Wirbelsäule zuckten, verstärkte.
Er zuckte zusammen, als ein weiterer Elektroschock ihn durchlief, die Geräte um ihn Geräusche machten und sein Prophet ihn beobachtete.
Seine Energie wallten.
Er grinste und sah Prang fast liebevoll an, sein Auge zuckte noch stärker, sein Mundwinkel tat es ihm nach und er öffnete wie zum Segen seine Hände. „Ich bin Sychae“, sagte er, ehe der nächste Schock durch ihn zuckte.

Mit raschen Schritten ging er den Gang entlang. Die ‘Klinik’ war nicht besonders groß und mehr eine umfunktionierte, heruntergekommene Lagerhalle. Er hatte keine große Belegschaft, aber es genügte. Das waren die Möglichkeiten, die es ihnen brachte, mehr als wert.
Und die einer der Gründe dafür bestand in ihrem Neuzugang.
Er war… interessant.
Von all seinen Versuchsobjekten, den Pestkindern und den Delinquenten, war er mit abstand der Interessanteste.
Prang hatte ihn auf der Straße gefunden, wo irgendwelche diebe ihn überfallen und fast totgetreten hatten, seine inneren Organe beschädigt, Knochen gebrochen und vor allem mit einer Fraktur des Nackenwirbels.
Er hatte nichts gekonnt.
Und dann… hatte er sich erholt.
Prang hatte ihn wieder zusammengeflickt- weil es lohnend gewesen war. Er wies Anzeichen eines Energisten auf, doch er produzierte seine eigene Energie. Er nahm sie nicht auf, er gab sie nicht ab-
Gut, seine Psyche war instabil, er halluzinierte, aber da half ein wenig Elektroschockteraphie zur Verhaltenskorrektur.
Prang hielt inne als er seinen 'Lieblingspatienten’ im Dienstzimmer stehen sah. Die Patienten durften frei in der Anlage bewegen, zumindest in bestimmten Bereichen.
Nicht in diesem.
„Was soll das?“, fragte er den nächststehenden Pfleger gereizt. „Kümmern sie sich darum, dass er-“
Er verstummte, als Cevynn ihn mit entrücktem Blick ansah, ein Surren erfüllte die Luft und Schwindel erfüllte ihn. Der junge Mann hob die Arme und das Surren wurde ein Kreischen, Prang wankte und Übelkeit kam in ihm hoch, seine Sicht verschwamm und er keuchte lautlos.
Er spürte sich nicht mehr.
Nur, dass warmes Blut aus seiner Nase und über sein Gesicht lief.
Er stützte sich auf dem nächsten Tisch ab und der Kopfschmerz wurde unerträglich, bis die Welt nur noch ein Rauschen war, in dessen Zentrum Cevynn stand, er sah, wie kaum sichtbare Energien zu ihm zuckten, sich sammelten, transparente Seelenstränge, die aus den Ärzten und Pflegern gerissen wurden, während Blut aus ihren Nasen und Augen spritzte, sie zusammensackten.
Er japste, ohne sich selbst zu hören, versuchte sich am Thresen festzuhalten, doch er sank auf die Knie, etwas zerrte an seinem Seelenstrang-
Tot, sie waren tot, alle tot und er-
Glas zersprang, Geräte erloschen, Cevynn ging als schwebe er, Spritzen und Scherben flogen durch die Luft um ihn, bohrten sich in seine Hände und er ließ sich nicht davon stören, doch-
Prang durchfuhr ein scharfer Schmerz und als er auf seine Hand hinabsah quollen blutstropfen aus kleinen Einstichlöchern und Schnitten.

Darius war schlecht gelaunt.
Auf den Papieren auf seinem Schreibtisch und in einer der Zellen, zu der er sich jetzt begab, war das allerneuste Ärgernis in seinem Leben und seiner beruflichen Laufbahn.
Es war ein junger Mann, ganz offenbar ein Irrer aus einem von Allauds Krankenlagern, der sich gleich des mehrfachen Mordes an allen dort praktizierenden Pflegekräften (bis auf den leitenden Arzt, den man verletzt bei ihm gefunden und versorgt hatte) unter noch mehr Energienutzung als ihn ohnehin schon dorthin gebracht hatte, beschuldigt wurde.
Und wenn das Ministerium jemanden beschuldigte war es zwar schon per definitionem, aber vor allem in diesem Fall, bereits eine offensichtliche Feststellung der Schuld.
Es war eine Anomalie und der einzige Grund dass sie ihn nicht gleich unschädlich machten war der, dass sie nicht wussten, welche Nebenwirkungen eine einfache Hinrichtung haben konnte.
Immerhin hatte er ohne auch nur einen Finger zu rühren eine gesamte Laborbelegschaft ausgelöscht.
Niemand, in dessen Nähe man sich begeben wollte.
Und genau dafür war er jetzt zuständig.
Natürlich.
Was sonst.
Mit missmutigem Gesichtsausdruck betrat er den Trakt, in dem Prang und eine junge Frau, die er schon einmal gesehen zu haben glaubte, bereits auf ihn warteten.
Er wandte sich kurz an die Schwester. „Was haben sie nur getan um hierher versetzt zu werden?“ Dann schaute er zur Zelle. „Ist er wach?“