begehren des anderen

»Ich bin Big O«: kurz, der primordiale, nicht- kastrierte große Andere, der als solcher nichts will. »Vielleicht bin ich dein Missing Piece?«, frägt Missing Piece hoffnungsvoll, worauf Big O antwortet: »Aber mir fehlt kein Teil. Es gibt bei mir gar keinen Platz für dich.«
»Das ist zu schade«, sagt Missing Piece, »Ich hatte gehofft, daß ich vielleicht mit dir rollen könnte… « – »Du kannst nicht mit mir rollen«, sagt Big O, »aber vielleicht kannst du von alleine rollen«. »Von alleine? Jemand wie ich kann doch nicht von alleine rollen!« – »Hast du es denn jemals versucht?« – »Ich habe doch Ecken und Kanten. Ich bin fürs alleine rollen nicht gemacht.« – »Ecken und Kanten schleifen sich ab und Formen verändern sich«, sagt Big O und rollt davon. Wieder allein, stellt Missing Piece sich langsam auf eine Kante, plumpst vorn über und lernt langsam zu rollen; seine Kanten beginnen sich abzuschleifen und bald rollt es unbekümmert weiter anstatt zu purzeln, und es schließt sich wieder Big O an, begleitet Big O und ist an Big O als eine kleine Sphäre an der Grenze der großen Sphäre festgemacht: der kleine andere, der wie ein Parasit am großen Anderen hängt –[…].

F A D I N G.
Schmerzliche Prüfung, bei der das geliebte Wesen sich von jedem Kontakt zurückzuziehen scheint, ohne daß diese rätselhafte Gleichgültigkeit gegen das liebende Subjekt gerichtet oder zugunsten dessen geltend gemacht würde, was sonst im Spiel ist, Welt oder Rivale.

1. Im Text ist das Fading der Stimmen eine willkommene Angelegenheit; die Stimmen der Erzählung kommen, gehen, verhallen, durchkreuzen einander; man weiß nicht wer spricht; es spricht, das ist alles: kein Bild mehr, nichts als Sprache. Aber der Andere ist kein Text, er ist Bild, eines und verwachsend; wenn die Stimme sich verliert, verflüchtigt sich auch das ganze Bild (die Liebe ist monologisch besessen; der Text ist heterologisch, pervers).
[…]

2. Es gibt Alpträume, in denen die Mutter auftaucht, das Antlitz zu einer strengen und kalten Miene verdüstert. Das Fading des Liebesobjektes ist die schreckliche Wiederkehr der Bösen Mutter, der unerklärliche Rückzug der Liebe, die bekannte Verlassenheit der Mystiker: Gott existiert, die Mutter ist da, aber sie liebten nicht mehr. Ich bin nicht zerstört, aber da liegengelassen wie ein Stück Abfall.

3. Die Eifersucht bereitet weniger Leiden, denn der Andere bleibt dabei lebendig. Im Fading dagegen scheint der Andere jede Begierde fahren zu lassen, er wird von der Nacht aufgesogen. Ich bin vom Anderen verlassen, aber dieses Verlassensein vermehrt sich um das Verlassensein, von dem er selbst betroffen ist; sein Bild ist von der verwaschenen, abgelegten Art; ich kann an nichts mehr Rückhalt finden, nicht einmal mehr an der Begierde, die der Andere anderswohin richtet: ich bin in Trauer um ein Objekt, das selbst trauert (von daher wird verständlich, in welchem Maße wir der Begierde des Anderen bedürfen, selbst wenn diese Begierde nicht uns gilt).

4. Wenn der Andere im Fading versinkt, wenn er sich zurückzieht, um nichts, es sei denn um einer Angst willen, die er nicht anders zum Ausdruck bringen vermag als mit den dürftigen Worten: ‘ich fühle mich nicht wohl’, scheint er in einem Nebel in die Ferne zurückzuweichen; durchaus nicht tot, aber eine verschwommene Gestalt im Reiche der Schatten; Odysseus hat ihnen einen Besuch abgestattet, sie beschworen (Nekyia); unter ihnen weilte der Schatten seiner Mutter; ich nenne, ich beschwöre so den Anderen, die Mutter, aber was da heraufkommt, ist lediglich ein Schatten.
[…]

—  Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Henschen. Frankfurt am Main 1988, S. 106ff.
Das Begehren gewinnt Gestalt in der Spanne, in der der Anspruch sich vom Bedürfnis losreißt: wobei die Spanne eben die ist, die der Anspruch (dessen Apell bedingungslos nur an den Andern sich richten kann) auftut in Form eines möglichen Fehlens, das das Bedürfnis hier beitragen kann, weil es keine universale Befriedigung kennt (was man Angst nennt). So linear diese Spanne auch sein mag, sie bringt ihren Taumel zum Ausdruck, wenn nur nicht der Elefantentritt eines launischen Andern sie einebnet. Desungeachtet führt aber diese Laune das Phantom der Allmacht ein, zwar nicht des Subjekts, aber des Andern, in dem sich sein Anspruch einnistet (es wäre an der Zeit, daß dieses schwachsinnige Klischee ein für allemal und einmal für alle an seinen rechten Platz gerückt würde) – […].
[…] Hier läßt sich erkennen, daß die Unwissenheit, der der Mensch in bezug auf sein Begehren verhaftet bleibt, weniger eine Unwissenheit ist in bezug auf das, was er beansprucht (das läßt sich ja letztlich ausmachen), als vielmehr eine Unwissenheit hinsichtlich des Punkts, von wo aus er begehrt.
Eine Antwort darauf stellt unsere Formel dar, daß das Unbewußte Diskurs des Anderen ist, besser: über den Anderen im Sinne des lateinischen (als objektive Bestimmung): de Alio in oratione (tua res agitur, wie man ergänzen könnte).
Dem wäre aber hinzuzufügen, daß das Begehren des Menschen das Begehren des Andern ist, wobei diesmal das ‘des’ in dem Sinn zu nehmen ist, den die Grammatiker subjektiv nennen, d.h. daß der Mensch als Anderer begehrt (worin die wahre Tragweite der menschlichen Leidenschaften liegt). Darum ist die Frage nach dem Andern, die zum Subjekt zurückkommt von dem Platz aus, wo es ein Orakel erwartet – in der Form eines che vuoi?, Was willst du? –, die Frage, die am allerbesten auf den Weg seines eigenen Begehrens führt […].
—  Jacques Lacan: Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewußten, in: Norbert Haas (Hg.): Jacques Lacan - Schriften II, Weinheim und Berlin 1991, S. 189f.