begegnung

Wahrscheinlich kennen viele den Moment, wenn man sich fragt “warum musste ich dich bloß kennenlernen?” oder “hätte ich dich bloß nie gekannt”, vor allem, wenn Menschen einen verletzt haben und man enttäuscht ist. Aber warum haben wir sie kennengelernt? Schicksal? Zufall? Plan? Aber sicher ist doch irgendwie, dass jeder Mensch in unserem Leben, den wir wirklich kennen, uns irgendetwas gibt. Und wenn es nur Einblick in seine eigenen Meinungen oder Gedanken ist. Manche Menschen sind wie ein Geschenk, sie bereichern dich und dein Leben, lassen dich Dinge fühlen und erleben, die du vielleicht nie zuvor hattest. Liebe, beziehungen, Freundschaften. Menschen, die man so nah an sich ran lässt, können in deinem Leben so viel verändern, sie verändern vielleicht sogar dich selbst, auch wenn du es nicht merkst. Vielleicht denkt man anders über bestimmte Dinge wegen einer anderen Person, ändert vielleicht seine Meinung, sein aussehen, oder sonst etwas. Es gibt die Menschen, die auf einmal in dein Leben treten und bei denen du das Gefühl hast, du kennst sie schon ewig oder wo man sich denkt, genau so jemanden habe ich jetzt gebraucht. Menschen, die dir einfach gut tun. Sie können dir so vieles geben, liebe, wissen, Vertrauen, geborgenheit, Sicherheit, Wärme, Kraft, Schutz, viele Erinnerungen
Wenn wir an einem Ort zurück kehren, der einmal sehr wichtig für uns war, fühlt es sich manchmal an, als wäre man Besucher seiner eigenen Geschichte. Jede Ecke, jeder Geruch, jeder einzelne Gegenstand, alles ist mit Gefühlen verknüpft. Und wenn dieser Ort ein Krankenhaus ist, dann sind es nicht immer nur gute Gefühle, denn hier drin ist das häufigste Gefühl die Angst. Manchmal ist es die Angst vor einer Begegnung und manchmal ist es die Angst vor dem endgültigen Abschied.

18. April 2017 | Hamburg Straße

Ein Gruß und seine Folgen

Es ist Dienstagmorgen, der Dienstag nach dem verschlafenen Osterwochenende, ein mindestens genauso, wenn nicht noch verschlafener Tag. Auf dem Weg zur Arbeit fixieren meine Augen die Pflastersteine am Boden, ich sehe sie nicht wirklich, beachte nicht die Rillen und ob ich sie berühre. Und wenn ich aufblicke, um das Signal an der Ampel zu überprüfen oder ziellos irgendetwas im grauen Himmel oder den ebenso grauen Gebäuden zu suchen, dann weht mir nur der Wind die Haare vors Gesicht oder die Haare der Passanten in deren Gesichter, die ich nicht weiter beachte.

Doch dann, auf dem Weg zur nächsten Kreuzung, an der Ecke eines Hotels, läuft mir ein Mann entgegen. Ich bemerke seine grauen Konturen, sehe seine Beine, bevor ich den Rest sehen kann. Irgendetwas lässt mich aufblicken. Sein Blick. Er sieht mich an. In mein Gesicht.

„Morgen!“, ruft er und ist im selben Moment an mir vorüber, nimmt noch ein von mir verhaspeltes „Mn“ mit. Wir laufen beide weiter, er in seine Richtung, ich in meine Richtung. Ich sehe mich nicht um. Doch ich fokussiere meinen Blick. Ich sehe sein Gesicht vor mir, doch ich erkenne es nicht. Hat mich gerade ein wildfremder Mann auf den anonymen Straßen der Großstadt gegrüßt?

Ich beginne zu grübeln. Das kann kein Zufall sein. Keine zufällige, automatisch gemurmelte Freundlichkeit. Sein offener Blick, seine Bestimmtheit. Die Bestimmtheit, dass dieser Gruß in diesem Moment genau mir und niemand anderem gewidmet war. Ob er mich mit jemandem verwechselt hat?

Ich muss an meine Papierherzen denken. Ob er auch eine Mission hat? Ob er sich vorgenommen hat, jeden Menschen auf der Straße zu begrüßen?

Oder vielleicht hat er meinen gesenkten Blick gesehen, den schweren Kopf mit den noch schwereren Gedanken. Das Bedürfnis gehabt, mir ein Hallo zu schenken, seine Aufmerksamkeit, meine Aufmerksamkeit. Dass ich auftauche. Aufwache. Den Kopf hebe.

„Morgen!“ Seine Stimme hängt noch in meinem Ohr. Vielleicht war es nur ein einfacher Gruß. Eine einfache, alltägliche menschliche Geste. Für ihn selbstverständlich, nicht der Rede wert, schon vergessen. Doch in meinen schweren Kopf mit den noch schwereren Gedanken hat sich eine kleine Seifenblase gesetzt. Die Vorstellung, dass es kein Zufall war. Dass der Gruß in diesem Moment genau mir gegolten hat. Und er mir etwas geschenkt hat, was jedes Papierherzchen überflüssig macht.

Er hat mich gerufen, als ich verschwinden wollte.

ich sammle Begegnungen. das ist es, was ich tue, wenn ich in Augen schaue und zuhöre; ich lasse mein Herz Schwamm werden und es saugt auf: jeden Blick, jede Miene, jedes Wort, jeden Geruch, jeden Ton. wie viel bleibt, beim Auswringen? nie genug, aber der Augenblick des Miteinander, das Unteilen der eigenen Aufmerksamkeit auf einen anderen Menschen: es lässt mich ohne Zögern und Zweifel das Sammeln von Begegnungen als eine der größten Leidenschaften nennen
Die Nähe in kleinen Begegnungen

Von den Kids beim gestrigen Einkauf habe ich gerade getextet. Und davon ist doch auch etwas Wertvolles zurückgeblieben. Zwischen mir und einem der Mädchen. Als sie von ihrer Mutter für ein Brötchen angeranzt wurde, trafen sich kurz unsere Blicke. Ich verdrehte die Augen. Zwinkerte ihr zu. Sie lächelte knapp. Dann beobachtete sie mich eingehend. Ich lächelte zurück. Und als ich merkte, dass sie mich noch beobachtete, als ich mich schon wieder meinem Einkauf zugewandt hatte, da sprach ich sie an. Fragte sie, ob alles gut mit ihr sei. Sie lächelte verlegen und nickte brav. So wirklich gut war alles nicht. Das konnte ich diesem kurzen Moment wohl entnehmen. Und ich frage mich, wer ist dieses Mädchen wohl. Wie lebt sie und wie geht es ihr damit. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich diese kleinen Momente sehr schätze. Für einen Augenblick kreuzen sich zwei Wege. Und zwei vollkommen fremde Menschen sind sich einen Moment lang nahe. Bevor sie wieder auseinandergehen. Meistens für immer. Das sind Momente die einem im Gedächtnis bleiben. Von der alten Frau, der man beim tragen half. Von dem alten Säufer, mit dem man mitten auf dem Gehsteig einen Schwatz hielt. Von dem Hund, der einem aus unerfindlichen Gründen aus hunderten Metern Entfernung freudig entgegenlief, nur um einen kurz zu begrüßen. Oder eben von diesem Kind im Supermarkt. Kleine Geschichten von kurzen Begegnungen in ebenso tiefer, wie flüchtiger Nähe zum unbekannten Leben des Anderen.

7. Mai 2017 | Hamburg Underground

Wenn plötzlich für einen kurzen Moment die Sonne aufgeht

Ein dunkelhäutiger Mann im Sonntagsanzug sitzt teilnahmslos und mit verstöpselten Ohren im Waggon. Als wir eine Weile an der Haltestelle stehen, springt er plötzlich auf, sein ganzes Gesicht strahlt, er versucht, das Fenster zu öffnen, doch es geht nicht, er klopft an die Scheibe.

Draußen geht gerade ein Mann mit seinem Sohn vorbei, beide drehen sich verwirrt um. Neben ihnen entdecke ich eine Frau in einem langen Kleid und einem Turm aus Haaren und Tüchern auf dem Kopf, die nicht von ihrem Weg abweicht.

Der Mann im Waggon läuft zur Zugtür und ruft einen Namen nach draußen, kurz bevor sich die Türen schließen. Seine Aufmerksamkeit und Aufgeregtheit müssen der Frau auf dem Bahnsteig gelten, die noch immer unbeirrt und aufrecht von dannen schreitet.

Der Mann im Waggon setzt sich wieder, als die Bahn losfährt, wirft noch ein paar letzte Blicke über die Schulter. Noch immer ist sein ganzes Gesicht zu einem breiten Lächeln verzogen. Er zieht sein Handy aus der Tasche und tippt etwas hinein, grinsend den Kopf schüttelnd.

Dann lehnt er sich zurück und entspannt sich wieder. Und auch sein Strahlen weicht wieder einem teilnahmslosen Gesichtsausdruck.

Wir waren kaum zu erkennen. Wissbegierig schwarze Striche hart an die dunklen Wellen gerückt. Wir kamen uns entgegen. Ein heller Fleck, ein Gesicht. Ein erster Kuss hinter der Hotelwand. Nachts dieses Rauschen und unser Flüstern bei Erdnüssen und Wein, welcher nach einem staubigen Krankenhauskorridor roch. Wir hielten uns fest, Hauch unseres Atems in Nacken und auf den Brusthaaren. Wahrscheinlich schlafen Tiere auf diese Weise, Trost spendend mit Nähe und ein wenig Beschütztheit. Hinter den Wänden ein Kratzen, ein Baum, der hereinwollte?

Jede Begegnung führt dazu, dass wir durch andere Menschen geprägt werden. Enttäuschung, Zufriedenheit, Euphorie, Dankbarkeit.
Im Prinzip sind wir nur ein Gemisch aus Resultaten unzähliger Begegnungen und Erfahrungen.
—  18:27