begegnung

Kleine Lebensringe

Kleine Lebensringe haben sich geschlossen, was undenkbar erschienen ist, als du noch darin stecktest. Hart an die Wand gerückt, verbarrikadiert hinter Misstrauen und Angst. Wendepunkt der Begegnung mit denjenigen, die dir das alles von der Seele gehievt haben. Wie Menschen halt manchmal in Erscheinung treten können, ungerufen, aber unverzichtbar und so sehr gebraucht. Ohne dieselben könntest du wohl ein anderer geworden sein oder gar nicht weiter vorhanden. Nun tanzen diese kleinen Ringe in deinen Träumen, Rufe aus fernen Tälern.

Pures Glück für zwei Euro!

Neulich war ich in Bremen. Hatte mir etwas Geld in die Hosentasche gesteckt, um damit irgendwo einem Obdachlosen eine Freude zu machen :) Natürlich könnte ich die Münzen einfach einem beliebigen der Bettler in sein Schüsselchen werfen - aber wer sagt mir, dass es dann nicht bloß für Alk und Zigaretten drauf geht? Nein, ich möchte sinnvoll geben, und neben dem Geld auch Menschlichkeit! Eigentlich hatte ich an einen “Ausflug” zum Bäcker gedacht… Brötchen oder Kuchen… – Der liebe Gott hatte aber andere Pläne :P So fand ich “meinen” Obdachlosen in der Fußgängerzone Ecke Papenstraße, gegenüber eines üppigen Obststands:


Ich fragte ihn, ob ich mich ein bisschen zu ihm setzen könne. Gerne, sagte er, und lächelte. Das macht sonst keiner! Wir kamen ins Gespräch, über den harten Alltag auf der Straße, über seinen früh an Krebs verstorbenen Vater, über mein Fastenprojekt. Du glaubst an Gott? fragte er mit schiefgelegtem Kopf. Ja, sagte ich. Und du? Schweigen. Nee, ich nicht. Ich kann nicht. Ein langes Schweigen folgt.

Wenn Du da drüben zum Obststand gehen und dir irgendwas Schönes kaufen könntest - was würdest du dir aussuchen? Er guckt mich an und lächelt, als sei er in Erinnerungen versunken. Ich würde mir einen großen Apfel und eine saftige Apfelsine kaufen! sagt er mit Nachdruck. Schweigen. Dann folgt ein leises …aber dafür hab ich kein Geld. - Einen Apfel und eine Apfelsine, das wäre dein Wunsch? frage ich ihn. Okay, pass auf: dann gehe ich jetzt da rüber und schenke sie dir! Ungläubiger Blick. Ich stehe auf, kaufe einen grooooßen roten Apfel und eine ebenso große Apfelsine, und trage sie über die Straßenbahnschienen hinweg zu ihm hin.

Leuchtende feuchte Augen. Er hält die beiden Früchte in seinen Händen und lächelt. Guckt mich an und sagt: Ich glaube nicht an Gott.  … Aber wenn es Engel gibt, dann bist du einer! Längst habe ich selber feuchte Augen. So viel Glück für nur zwei Euro und eine handvoll geschenkter Minuten des Zuhörens, einen kleinen Sprung über meinen Schatten, eine Portion geschenkter Aufmerksamkeit und Zuwendung!

Als ich gehe, wünscht er mir ein schönes Wochenende - und pass gut auf dich auf! Lange klingt sie nach, diese Begegnung, in meinen Gedanken, in meinem Herzen. Diese leuchtenden blauen Augen werde ich wohl nie vergessen…


Warum schreibe ich euch das? Nicht, weil ich meine Großzügigkeit zur Schau tragen will oder so. Sondern weil ich mein Berührtsein und meine Freude teilen möchte!

Zugegeben, ich habe durchaus die Blicke wahrgenommen: der Passanten, von oben herab, und es hat mich Überwindung gekostet - aber das war es 100% wert!


Und vielleicht… ganz vielleicht… kann ich ja irgendjemanden anstiften, es mir nachzutun? Es braucht nur ein bisschen Mut, Herzenswärme und zwei Euro ;))

Wenn wir an einem Ort zurück kehren, der einmal sehr wichtig für uns war, fühlt es sich manchmal an, als wäre man Besucher seiner eigenen Geschichte. Jede Ecke, jeder Geruch, jeder einzelne Gegenstand, alles ist mit Gefühlen verknüpft. Und wenn dieser Ort ein Krankenhaus ist, dann sind es nicht immer nur gute Gefühle, denn hier drin ist das häufigste Gefühl die Angst. Manchmal ist es die Angst vor einer Begegnung und manchmal ist es die Angst vor dem endgültigen Abschied.
Jede Begegnung führt dazu, dass wir durch andere Menschen geprägt werden. Enttäuschung, Zufriedenheit, Euphorie, Dankbarkeit.
Im Prinzip sind wir nur ein Gemisch aus Resultaten unzähliger Begegnungen und Erfahrungen.
—  18:27