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Leute, nur mal zum Verständnis: Wenn ihr schon einen auf emotional macht und über Sachen bloggt, die ihr nicht versteht, dann macht es doch wenigstens FEHLERFREI. Weil Sätze wie "Liebe ist hinterhältig am Anfang glücklich und am Ende fügt sie einem dem heftigsten schmerz zu den man kennt." oder "Dauert ja nicht mehr lang dann habt ihr mich endlich los." will keiner lesen. Erstmal sind Satzzeichen im Gegensatz zu Gehirnzellen nicht vom aussterbem bedroht, Groß- und Kleinschreibung ist auch 'ne "Feine sache" nech? und dann gibt es da noch (kleiner Deutsch-Exkurs) Nominativ, Akkusativ, Genitiv und Dativ. Ich will jetzt nicht mit noch mehr Fachbegriffen kommen, is' ja auch schon hart, vier auf einmal. Das sind in der deutschen Grammatik (so-machi-Satzi-"vollkrasskonkretkorrekt") die vier "Fälle". Man muss garnicht wissen was das ist, aber den Unterschied zwischen den und dem sollte man drauf haben ("...dem heftigsten schmerz den mam kennt."). Ich weiß, voll der scheiß Streber, Klugscheißer und alles, ABER wenn tumblr nicht zum Kinderspielplatz werden soll, dann sollte man schon wie ein Erwachsener schreiben können. Hätte was, nä?
Wir leben nicht in verrückten Zeiten

Anschlag in Nizza, Putschversuch in Ankara – das Leben kommt uns chaotischer vor. Dabei ist da nichts, was nicht vorher schon einmal war.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Auf nichts scheint mehr Verlass. Ordnungen lösen sich auf, Nato und EU stecken in der Krise, und wir fühlen uns immer gefährdeter. Aber ist dem tatsächlich so? Uns geht vielmehr ein innerer Kompass verloren: Bei dem einen Ereignis reagieren wir zu aufgeregt, ein anderes lässt uns kalt.

Was ist nur los?

In Frankreich ereignet sich einer der fürchterlichsten Anschläge, die man sich nur vorstellen. Die Horrorfahrt des Attentäters auf dem Boulevard mit den Dutzenden Toten und vielen Verletzten und noch mehr Traumatisierten wird tiefe Spuren hinterlassen – gerade weil er den Schrecken in unseren Alltag brachte. Dass Leute durch Autos umkommen, ist für uns der geringste Aufreger überhaupt. In den ersten Monaten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA starben dort mehr Menschen als durch die Mordflüge al-Qaidas – und zwar, weil sie aus Angst vorm Fliegen aufs Auto auswichen und dann durch Unfälle umkamen. Nun hat der Fahrer von Nizza diesen Terror auf vier Räder gebracht. Das wühlt mehr auf, verursacht mehr Schrecken.

Religion wird zum Dauerbrenner

Aber wie viel Anschlag, wie viel „Islamischer Staat“ steckt darin – und wie viel davon ist Amok? Vieles deutet darauf hin, dass der Mörder große psychische Probleme hatte, dass er krank war. Amokläufe von psychisch Erkrankten hat es schon immer gegeben. Doch seit Nizza werden wieder panische Debatten über den Islam geführt; ähnliches tat man nach dem Massenmord von Anders Behring Breivik nicht, dem 77 Norweger zum Opfer fielen. Klar ist Breivik ein Rechtsextremist – aber eine Debatte über Faschismus in Skandinavien löste sein Fall nicht aus; schnell nahm man ihn wahr als Einzeltäter, der wegen seiner persönlichen Probleme Amok gelaufen ist. Der vermeintliche Islam des Attentäters von Nizza findet da viel mehr unser Interesse.

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Daher ist aus Nizza nicht die Lehre zu ziehen, dass unsere Gesellschaftsstrukturen gefährdet wären. Wir können nur mit den Opfern und Angehörigen trauern.

Anders verhält es sich mit dem Putschversuch in der Türkei. Es war nicht der erste in der jüngeren Geschichte des Landes, aber dies erschien nicht als Grund, warum Europa eher verhalten darauf reagierte. In der Türkei starben knapp 300 Menschen am vergangenen Wochenende. Für die aber gab es kein „Je suis…“, keine Beileidskampagne. Die waren weiter weg. Für die reichte unsere Empathie wohl nicht mehr aus – gemäß der Erfahrung von Soziologen, dass der Mensch als altes Hordenwesen aus der tausende Jahre währenden Steinzeit nur gelernt hat, richtiges Mitgefühl für maximal 40 Menschen um sich herum zu entwickeln – eben die Mitglieder der Horde, mit der er nomadisierte. Auf die heutige Zeit übertragen fällt die Türkei nicht mehr in unseren Aufmerksamkeitsradius.

Wir leben also nicht in verrückten Zeiten, wir selbst verrücken nur die Maßstäbe. Aus Nizza wollen wir Lehren ziehen, wo es keine gibt. Und Ankara soll bleiben, wo es ist. Globalisierung ernst nimmt man damit nicht.

Bilder: dpa

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