andenken

flickr

Souveniers von Florian Thein
Über Flickr:
2017, Boppard Yashica T5, Kodak Gold 200

Andenken

Kann es sein,

dass dein Sommerschatten

meinen Winter

überdauert?

Erzähl mir noch einmal

deine Geschichte.

Ich sah dich,

ich hörte dich sprechen,

ehe du sprachst.

Ich überließ meine Lippen

der Luft,

und sie legten sich

auf deine.

Ich schlief deinen Schlaf

und wachte ohne dich

auf.

Erzähl!

Ich wärme

deinen Schatten

vorm ersten Schnee.


(Peter Härtling, “Sätze von Liebe”)

BEI IHM
Eine Strumpfhosengeschichte

Ich bin ein vergessliches Mädchen. Als ich gestern Abend zu Markus gefahren bin, habe ich wieder nix Frisches zum Anziehen mitgenommen. Im Bett denke ich nicht daran, weil ich die Zeit mit ihm sehr genieße und darüber alles vergesse. Beide nur in dicken Strumpfhosen und T-Shirt, später nur noch in dicken Strumpfhosen bekleidet genügen wir uns selbst.

Dass ich meinen Kram wieder Zuhause gelassen hatte, bemerkte ich natürlich erst heute Mittag, als ich aus der Dusche stieg. Natürlich lag da meine Strumpfhose, aber die wollte ich nicht mehr anziehen. Sie roch schon nach mir und ihm, aber halt nicht mehr so gut wie vor unserer schönen Nacht. Ein wenig feucht war sie auch noch.
Aber Markus kann mir zum Glück aushelfen. Er leiht mir immer eine seiner dicken Strumpfhosen, die ich dann gerne anziehe. Dass sie mir zu groß sind, stört mich nicht. Im Gegenteil! Ich mag es, wenn sie Falten werfen und ich so bei ihm rumschlumpen kann. Wenn ich sie angezogen habe, setze ich ich mich auf den bequemen Stuhl, der ein wenig verloren in seinem Wohnzimmer wirkt. Wenig später bringt er mir einen Cappuccino, und ich könnte ihn schon wieder vernaschen, wenn er mich in T-Shirt und Strumpfhosen bedient. Meistens mache ich das auch, wenn ich ausgetrunken habe.

Meistens gehe ich dann am Abend zu mir. Heute auch. Da stört es mich nicht, dass die Strumpfhose nicht mehr so frisch wie vor dem Anziehen, feucht ist und Flecken hat, die sie vorher nicht hatte. Im Gegenteil! Ich freue mich darüber, dass ich ein Andenken an Markus habe, bis wir uns wieder sehen.



© by fein-gestrickt 2017


Für meinen Engel

Die Welt steht still

du bist was ich will

doch du bist ein Stern

und mir doch so fern

Du musstest gehen

bevor du konntest sehen

die Wunder dieser Welt

die das Leben bereit hält

Doch du fehlst mir so sehr

und es fällt mir schwer

zu verstehen was passiert

wenn das Leben verliert

Der Tod hat gesiegt

aber was auch geschieht

Mein Herz schlägt für dich

es lässt dich nicht im Stich

Ein wundervolles Leben

wurde dir nicht gegeben

Doch wertvoll bist du

und schaust mir auf Erden zu

Nur ein Mal dich sehen

und neben dir stehen

durch dein Haar streichen

nicht von deiner Seite weichen

Du warst kurz am Leben

ach was würde ich geben

dich bei mir zu haben

doch wen soll ich fragen?

Sie sagen du warst nicht

weil du sahst kein Licht

weil du kamst so still

in eine Welt die dich nicht will

Kein Andenken gibt es hier

aber du warst bei mir

ich habe dich gespürt

du hast mein Herz berührt

Niederwalddenkmal

ZUM ANDENKEN AN DIE EINMUETIGE SIEGREICHE ERHEBUNG DES DEUTSCHEN VOLKES UND AN DIE WIEDERAUFRICHTUNG DES DEUTSCHEN REICHES 1870-1871.” (“In memory of the unanimous victorious uprising of the German People and of the reinstitution of the German Empire 1870-1871”).

Und immer wenn ich an dich denke, fange ich an zu weinen. Sollte ich nicht lachen, weil du soviel für mich getan hast? Obwohl du immer da warst, egal was du durch gemacht hast. Ich war das kleine Mädchen, das in deinem Wohnzimmer rumgeturnt ist. Das sich einen Keks gefreut hat, endlich wieder bei dir zu sein. Mit dir zu spielen. Und ich wusste damals nicht was du machst. Ich wusste nichts von Opa und ich wusste nicht, dass du die meiste Zeit allein warst. Ich kannte dich immer als fröhliche Person. Und was ich jetzt alles weiß, macht mich noch mehr fertig. Opa ist so früh gestorben und du standst da alleine mit zwei Kindern. Ganz plötzlich. Und ich weiß nichtmal, wer mein Opa ist. Um ehrlich zu sein, weiß ich kaum noch wer du bist. Ich weiß nur noch wie du vor mir lagst und ich dachte, du würdest schlafen. Ich dachte, du würdest gleich wieder aufwachen und mit mir durch Zimmer turnen. Ich hab es nie verstanden wieso alle so geweint haben. Und jetzt bin ich die, die weint. Ich habe deine Lieblingskette bekommen. Ich habe sie jeden Tag getragen. Sie hat mir irgendwas von dir gegeben, was so gefehlt hat. Ich war stolz auf diese Kette und dann habe ich sie verloren wie meine Erinnerungen an dich. Ich habe das Andenken an dich verloren. Aber ich hoffe du bist mir nicht böse, ich meine, ich war doch noch so klein. Und ich bin mir sicher, du sitzt da oben irgendwie mit Opa und hast noch ein schönes Leben, welches du dir verdient hast. Ich hoffe, du hast nicht gesehen wie schrecklich T ist. Ich hoffe du hast es einfach nicht gesehen. Durch deinen Tod haben wir gemerkt, wie schrecklich diese Frau doch ist. Und ich weiß nicht, wieso ich das hier schreibe. Es ist 02:43 und ich weine und kann das niemanden erzählen. Und das ist glaube das persönlichste was ich hier je geschrieben habe. Aber ich liebe dich, egal wie sehr du mir aus den Gedächtnis verschwindest. In meinem Herzen wird immer ein Platz sein, wo du bist.

Das Andenken ist die säkularisierte Reliquie.

Das Andenken ist das Komplement des »Erlebnisses«. In ihm hat die zunehmende Selbstentfremdung des Menschen, der seine Vergangenheit als tote Habe inventarisiert, sich niedergeschlagen. Die Allegorie hat im neunzehnten Jahrhundert die Umwelt geräumt, um sich in der Innenwelt anzusiedeln. Die Reliquie kommt von der Leiche, das Andenken von der abgestorbenen Erfahrung her, welche sich, euphemistisch, Erlebnis nennt.
—  Walter Benjamin: Zentralpark. In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.2, Frankfurt am Main 1991, S. 681.