andenken

Mum? Dad? Wenn ich weg bin, dürft ihr die Sachen verschenken. Lasst die Leute das nehmen was sie gern als Andenken von mir hätten. Und euer Geschenk ist, das ich eure Tochter sein durfte. Ich liebe euch.

Und immer wenn ich an dich denke, fange ich an zu weinen. Sollte ich nicht lachen, weil du soviel für mich getan hast? Obwohl du immer da warst, egal was du durch gemacht hast. Ich war das kleine Mädchen, das in deinem Wohnzimmer rumgeturnt ist. Das sich einen Keks gefreut hat, endlich wieder bei dir zu sein. Mit dir zu spielen. Und ich wusste damals nicht was du machst. Ich wusste nichts von Opa und ich wusste nicht, dass du die meiste Zeit allein warst. Ich kannte dich immer als fröhliche Person. Und was ich jetzt alles weiß, macht mich noch mehr fertig. Opa ist so früh gestorben und du standst da alleine mit zwei Kindern. Ganz plötzlich. Und ich weiß nichtmal, wer mein Opa ist. Um ehrlich zu sein, weiß ich kaum noch wer du bist. Ich weiß nur noch wie du vor mir lagst und ich dachte, du würdest schlafen. Ich dachte, du würdest gleich wieder aufwachen und mit mir durch Zimmer turnen. Ich hab es nie verstanden wieso alle so geweint haben. Und jetzt bin ich die, die weint. Ich habe deine Lieblingskette bekommen. Ich habe sie jeden Tag getragen. Sie hat mir irgendwas von dir gegeben, was so gefehlt hat. Ich war stolz auf diese Kette und dann habe ich sie verloren wie meine Erinnerungen an dich. Ich habe das Andenken an dich verloren. Aber ich hoffe du bist mir nicht böse, ich meine, ich war doch noch so klein. Und ich bin mir sicher, du sitzt da oben irgendwie mit Opa und hast noch ein schönes Leben, welches du dir verdient hast. Ich hoffe, du hast nicht gesehen wie schrecklich T ist. Ich hoffe du hast es einfach nicht gesehen. Durch deinen Tod haben wir gemerkt, wie schrecklich diese Frau doch ist. Und ich weiß nicht, wieso ich das hier schreibe. Es ist 02:43 und ich weine und kann das niemanden erzählen. Und das ist glaube das persönlichste was ich hier je geschrieben habe. Aber ich liebe dich, egal wie sehr du mir aus den Gedächtnis verschwindest. In meinem Herzen wird immer ein Platz sein, wo du bist.

Das Andenken ist die säkularisierte Reliquie.

Das Andenken ist das Komplement des »Erlebnisses«. In ihm hat die zunehmende Selbstentfremdung des Menschen, der seine Vergangenheit als tote Habe inventarisiert, sich niedergeschlagen. Die Allegorie hat im neunzehnten Jahrhundert die Umwelt geräumt, um sich in der Innenwelt anzusiedeln. Die Reliquie kommt von der Leiche, das Andenken von der abgestorbenen Erfahrung her, welche sich, euphemistisch, Erlebnis nennt.
—  Walter Benjamin: Zentralpark. In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.2, Frankfurt am Main 1991, S. 681.

“Ich muß hier dies allgemein anmerken: Die Einsamkeit solchen Rausches hat ihre Schattenseiten. Nur vom Physischen zu sprechen, so gab es einen Augenblick dort in der Hafenkneipe, wo ein heftiger Druck aufs Zwerchfell sich Erleichterung in einem Summen suchte. Und kein Zweifel, daß wirklich Schönes, Einleuchtendes unerweckt bleibt. Aber andererseits wirkt Einsamkeit dann wieder als ein Filter. Was man am nächsten Tag niederschreibt, ist mehr als eine Aufzählung von Impressionen; der Rausch setzt sich in der Nacht mit schönen prismatischen Rändern gegen den Alltag ab; er bildet eine Art Figur und ist andenklicher. Ich möchte sagen: er schrumpft und bildet eine Blumenform.”

Benjamin, Walter (1972): Haschisch in Marseille. In: Ders.: Über Haschisch. Novellistisches, Berichte, Materialien. S. 51. Frankfurt am Main: Suhrkamp.