abstumpfung

Du sitzt mit nacktem Oberkörper, nur mit einer Schlafanzughose bekleidet in deiner Dachkammer auf der schmalen Bank, die dir als Bett dient, auf deinen Knien ein Buch von Raymond Aron Lektionen über die Industriegesellschaft, aufgeschlagen auf Seite hundertzwölf.
Zuerst ist es nur eine Art Überdruss, Mattigkeit, als stelltest du ganz plötzlich fest, daß du seit Langem, seit mehreren Stunden, das Opfer eines arglistigen, abstumpfenden Unbehagens bist, kaum schmerzhaft und doch unerträglich, der süßliche und erstickende Eindruck, keine Muskeln und keine Knochen zu haben, ein Sack Gips unter Gipssäcken zu sein. (…)

(…)

Später kommt der Tag deiner Prüfung, und du stehst nicht auf. Es ist kein vorbedachtes Handeln, es ist übrigens gar kein Handeln, sondern ein Nichthandeln, ein Handeln, das du unterläßt, das du vermeidest. Du hast dich früh schlafen gelegt, dein Schlaf ist friedlich gewesen, du hattest den Wecker aufgezogen, du hast mindestens einige Minuten darauf gewartet, daß er läutet, bereits von der Hitze geweckt oder vom Licht oder vom Lärm der Milchmänner, der Straßenkehrer oder von der Erwartung.
Dein Wecker läutet, du rührst dich überhaupt nicht, du bleibst im Bett liegen, du machst die Augen wieder zu. (…) Du rührst dich nicht. Du wirst dich nicht rühren. Ein anderer, ein Doppelgänger, ein gespenstiges und gewissenhaftes Double macht, vielleicht, statt deiner die Gebärden, die du nicht mehr machst: er steht auf, rasiert sich, zieht sich an, geht weg. Du läßt ihn ins Treppenhaus springen, auf die Straße laufen, im Flug den Autobus erwischen, zur festgesetzten Zeit atemlos, triumphierend an der Saaltür ankommen. Staatsexamen in allgemeiner Soziologie. Schriftliche Prüfung.
Du stehst zu spät auf. Dort beugen sich fleißige oder gelangweilte Gesichter nachdenklich über die Schreibpulte. Die vielleicht unruhigen Blicke deiner Freunde laufen auf deinem leer gebliebenen Platz zusammen. Du wirst nicht auf vier, acht oder zwölf Seiten sagen, was du über die Entfremdung, über die Arbeiter, über die Modernität und über die Freizeit, über die weißen Kragen oder über die Automatisation, über das Wissen um den andern, über Marx als Rivale Tocquevilles, über Weber, den Feind Lukacs´ weißt, was du darüber denkst, was du weißt, was man darüber denken muss. Auf jeden Fall hättest Du nichts gesagt, denn Du weißt nicht viel, und du denkst nichts. Dein Platz bleibt leer. (…)

An einem Tag wie diesem, etwas später, etwas früher, entdeckst du, ohne überrascht zu sein, daß etwas nicht funktioniert, daß du, um es einmal unvorsichtig auszudrücken, nicht zu leben verstehst, es nie verstehen wirst.

—  Perec, Georges (2012): Ein Mann der schläft. S. 13-15. Zürich: diaphanes.