Tischplatte

Geburtstagskuchen

Prompt kam von @cryl0ren Auch hier auf AO3 erhältlich :)


Johann stand verzweifelt in der Küche seiner Stube im Jenaer Schloss. Seit einigen Tagen hatte er sich auf die Güte der Familie Schiller verlassen müssen, da er selbst kein Talent zum Kochen hatte. Für Friedrichs Geburtstag jedoch hatte er einen Kuchen backen wollen und dafür sogar ein Rezept von Christiane mitgenommen unter dem Vorwand, es unbedingt Charlotte geben zu müssen, da Friedrich den Kuchen bei seinem letzten Besuch so gemocht hatte.

Johann hatte gewusst, dass diese Aktion aller Wahrscheinlichkeit nach kein besonders schönes Gebäck hervorbringen würde, doch er hatte kaum damit gerechnet so kläglich zu versagen.

Er hatte in den vergangenen Minuten öfter niesen müssen, als er mitzählen wollte, da noch immer Mehlstaub durch die Luft wirbelte, der sich mit jeder seiner Bewegungen zu verschlimmern schien. Auf dem Küchentisch vor ihm stand eine Schüssel Teig, die schon einmal umgekippt war, sodass der verschüttete Teig nun eine Kruste auf der Tischplatte bildete. Es würde ihm sicher keine Freude bereiten, diese später abzukratzen.

Selbst zum Aufschlagen von Eiern schien er zu ungeschickt zu sein, denn nachdem er ein Ei fallen gelassen hatte, hatte er nicht aus diesem Fehler gelernt, sondern ihm war noch ein weiteres entglitten und auf dem Steinboden zerschellt. Einen Teil der Schale hatte er wohl beim Aufwischen übersehen, denn er erspähte ihn nun nahe einem Tischbein.

Johann konnte das Kratzen in seinem Hals nicht länger ignorieren, so hustete er ausgiebig, was eine weitere Mehlwolke aufwirbeln ließ. Als er erneut niesen musste, setzte er sich resigniert auf den Boden. Wie hatte es so weit kommen können, dass er nicht einmal nach Rezept eine Art Teig zu machen, geschweige denn einen Kuchen zu backen vermochte? Ein Mann seines Alters, der es in anderen Bereichen so weit gebracht hatte wie er, sollte doch in der Lage sein, sich zu ernähren.

Als er einen Blick auf die Uhr warf, stieß er einen derben Fluch aus, bevor er die Luft anhielt während er sich eilig aufrappelte, was zwar erneutes Niesen verhinderte, aber nicht, dass Mehl in seine Augen geriet, die er an den Küchentisch gelehnt anfing zu reiben.

In wenigen Minuten würde Friedrich eintreffen und dieses unglaubliche Chaos anstatt eines angenehmen Geburtstagskaffees vorfinden. Johann verzog das Gesicht, während er vorsichtig die Küche verließ, um ja nicht noch mehr Mehl aufzuwirbeln, damit er sich wenigstens umziehen konnte, bevor sein liebster Gast sich bei ihm einfand.

Als hätte er es geahnt, klopfte es nur wenige Momente, nachdem er in die frische Kleidung gestiegen war. Es würde wohl wenig bringen, nun noch hastig aufzuräumen, denn mit dem Geschick, das er heute aufwies, würde sicher noch mehr schiefgehen. So legte er mit einem mächtig schlechten Gewissen den Weg zur Türe hinter sich, um Friedrich willkommen zu heißen.

Er hatte kaum die Türe geöffnet, als Friedrich zu lachen begann. Warum er lachte war Johann nicht klar, er konnte nur dastehen und zusehen, wie Friedrich kaum noch Luft bekam. Als er sich endlich halbwegs beruhigt hatte, wagte Johann nachzufragen.

„Wärst du so nett, mir die Ursache deiner Belustigung mitzuteilen?“

Friedrich stieß ein weiteres hysterisches Kichern aus, bevor er seinen Arm ausstreckte und sacht mit einem Finger über Johanns Wange strich. Verwirrt betrachtete der ältere Dichter den Finger seines Freundes, bis ihm auffiel, dass weißer Staub daran haftete. Mehl.

Eilig machte er sich auf den Weg in seine Schlafkammer, wo er resigniert die Augen schloss, als er sein Gesicht im Spiegel sah. Über seine Nase und auf seiner linken Wange verliefen Spuren von Mehl und auch seine Haare waren nicht unverschont geblieben. Einige Momente blieb er so stehen und zwang sich, ruhig zu atmen, damit ihm nicht an Friedrichs Geburtstag der Kragen platzte.

Einzig als er sanfte Hände auf seinen Hüften spürte, öffnete er die Augen wieder und drehte sich zu Friedrich um. Dieser lächelte ihn sanft an, was sein Vorhaben, sich zu beruhigen, durchaus erleichterte.

„Verzeih mir, Johann“, murmelte er, „es war nicht meine Absicht, dich auszulachen.“

Eilig zog er sein Taschentuch hervor und begann Johanns Gesicht notdürftig abzuwischen, bevor er sich zögerlich hinabbeugte und einen Kuss auf Johanns Lippen hauchte, welchen der ältere Dichter mit Freude erwiderte.

Als sie sich voneinander lösten, fuhr Friedrich mit sanften Fingern durch Johanns Haare, um das Gröbste aus ihnen zu entfernen.

„Nun, das sieht doch schon besser aus“, stellte er schließlich fest, „aber nun erzähl mir doch bitte, wie das passiert ist.“

Johann wusste, dass es keinen Sinn hatte, lange darum herum zu reden und beschloss kurzerhand, Friedrich die Küche zu zeigen. Als sie an der Türschwelle standen, sah Johann zu Friedrich auf, dessen Augen sich erstaunt geweitet hatten. Es war offensichtlich, dass es ihn unglaubliche Anstrengung kostete, um nicht erneut in Gelächter auszubrechen.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Liebster. Ich wusste, wie gut dir Christianes Kuchen bei deinem letzten Besuch geschmeckt hat, also habe ich mich am Backen versucht. Ich bin gescheitert.“

„Oh, Johann. Ich weiß, du hast es gut gemeint und ich bin dir unendlich dankbar, aber anscheinend ist dieses Vorhaben tatsächlich in ein Desaster ausgeartet. Was hältst du davon, wenn wir aufräumen und es uns anschließend mit den Küchlein, die Charlotte mir mitgegeben hat, in der Wohnstube gemütlich machen?“

„Natürlich, Friedrich, wie immer lässt du mich mit deinen genialen Ideen nicht im Stich.“

Kurze Zeit später war die Küche so sauber, wie sie seit geraumer Zeit nicht mehr gewesen war und die Dichter hatten es sich auf dem Kanapee in der Wohnstube bequem gemacht.

„Es tut mir leid, Friedrich.“, brachte Johann schließlich heraus. Noch immer war er schrecklich beschämt. So hatte er sich Friedrichs Geburtstag nun wirklich nicht vorgestellt.

„Es gibt keinen Grund für deine Entschuldigung. Ich weiß, dass du es gut gemeint hast und das ist schließlich das wichtige.“

Friedrich nahm Johanns Hand, die nervös an seinem Rock herumgezupft hatte, in seine und fuhr fort.

„Du weißt, wie sehr ich dich liebe. Kein misslungener Kuchen der Welt könnte das jemals ändern.“

„Aber –“

„Kein ‚aber‘, Johann. Außerdem war der Teig vortrefflich“, er grinste verschmitzt. „obwohl so viel danebenging, war das Ergebnis doch sehr lecker.“

Ohne Johann die Chance zu geben, eine Antwort zu formulieren, beugte sich Friedrich hinüber und vereinte die Lippen, nach denen er sich gesehnt hatte, mit seinen. Johann löste seine Hand aus Friedrichs, um den Jüngeren näher zu sich zu ziehen, während er den Kuss enthusiastisch erwiderte. Seine andere Hand wanderte zu Friedrichs Nacken, wo Johann das Band löste, das Friedrichs Locken zusammenhielt, bis er seine Finger in der weichen Haarpracht vergraben konnte, während er seine Lippen auf Friedrichs Drängen hin öffnete. Er spürte Friedrichs Finger an seinem Hemdkragen und schmunzelte, als er den Kuss unterbrach, um nach Luft zu schnappen.

„Womit habe ich dich nur verdient, mein Teuerster?“ Er war sich sicher, dass er noch nie ein schöneres Wesen, als seinen Dichterkollegen gesehen hatte, der halb auf ihm saß, mit wirrem Schopf, die Zungenspitze sichtbar, als er sich auf das Aufknöpfen von Johanns Hemd konzentrierte.

Die einzige Antwort, die Johann erhielt, war ein erneuter stürmischer Kuss, dem er sich nur zu gern hingab. Als sie sich abermals voneinander trennten, hatte es Johann die Sprache verschlagen. Von Friedrich auf solche Art geliebt zu werden würde ihn immer sprachlos machen. Ein Wesen solcher sowohl geistigen als auch körperlichen Perfektion seinen Kollegen, Freund und Liebhaber nennen zu können, war mehr, als er sich jemals hätte träumen lassen.

„Ich habe dich vermisst, Johann“

Friedrich brach schließlich das Schweigen, das zuvor geherrscht hatte.

„Das brauchst du nun nichtmehr, Friedrich, aber was hältst du davon, wenn wir diese Angelegenheit in die Schlafkammer verlegen?“, erwiderte Johann. Das Kanapee war zwar im Notfall groß genug, um darauf schlafen zu können, doch für derartige Vergnügungen war es nicht geeignet.

Ein breites Grinsen erhellte Friedrichs Miene, er zog Johann regelrecht auf die Beine und zerrte ihn zum Schlafzimmer, gegen dessen Türe er Johann presste und begann, sein Gesicht mit Küssen zu bedecken, bevor er heiser flüsterte.

„Natürlich, Johann, wie immer lässt du mich mit deinen genialen Ideen nicht im Stich.“

Johanns Lachen glich mehr dem Keuchen eines gestrandeten Wales, als Friedrich ihn in das Zimmer bugsierte, woraufhin die Türe mit einem Knall ins Schloss geworfen wurde und somit dem Rest der Welt die Geschehnisse der folgenden Stunde vorenthalten blieben.


Vielen Dank an @alroundnoob und @diaryandme fürs Beta lesen