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“Es war mal eine kleine alte Frau, die bei einer zusammengekauerten Gestalt am Straßenrand stehen blieb.“Wer bist du?” fragte die kleine Frau neugierig. Zwei lichtlose Augen blickten müde auf. “Ich…ich bin die Traurigkeit”, flüsterte eine zarte Stimme. “Ach, die Traurigkeit”, rief sie erfreut aus.“Kennst du mich denn”, fragte die Traurigkeit misstrauisch.“Natürlich kenne ich dich”, antwortete die alte Frau, “warum flüchtest du dann nicht vor mir, hast du denn keine Angst?” “Oh, warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selber nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst und dich so nicht vertreiben lässt. Aber, was ich dich fragen will, warum siehst du so traurig aus?” “Ich…ich bin traurig”, antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme. Die kleine alte Frau setzte sich jetzt auch an den Straßenrand. “Magst du mir erzählen, warum du so bekümmert bist?” “ Niemand mag mich. Es ist meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und eine Zeitlang bei ihnen zu verweilen. Aber fast alle reagieren so, als wäre ich die Pest. Sie haben so viele Mechanismen für sich entwickelt, meine Anwesenheit zu leugnen.” Die Traurigkeit fuhr fort: “Sie haben Sätze erfunden, an deren Schutzschild ich abprallen soll.Sie sagen “Papperlapapp - das Leben ist heiter”, und ihr falsches Lachen macht ihnen Magengeschwüre und Atemnot.Sie sagen “Gelobt sei, was hart macht”, und dann haben sie Herzschmerzen.Sie sagen “Man muss sich nur zusammenreißen” und spüren das Reißen in der Seele.Sie sagen “Weinen ist nur für Schwächlinge”, und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe.Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht spüren müssen.“Die Traurigkeit kroch noch ein wenig mehr in sich zusammen.“Ich will ihnen helfen”, sagte sie schlicht, “aber helfen kann ich nur, wenn die Menschen mich zulassen. Weißt du, indem ich versuche, ihnen ein Stück Raum zu schaffen zwischen sich und der Welt, eine Spanne Zeit, um sich selbst zu begegnen, will ich ihnen ein Nest bauen, in das sie sich fallen lassen können, um ihre Wunden zu pflegen.Wer traurig ist, ist ganz dünnhäutig und damit nahe bei sich. Diese Begegnung kann sehr schmerzvoll sein, weil manches Leid durch die Erinnerung wieder aufbricht wie eine schlecht verheilte Wunde. Aber nur, wer den Schmerz zulässt, wer erlebtes Leid betrauern kann, wer das Kind in sich aufspürt und all die verschluckten Tränen leerweinen lässt, wer sich Mitleid für die inneren Verletzungen zugesteht, nur der hat die Chance, dass seine Wunden wirklich heilen. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über die groben Narben. Oder verhärten sich mit einem Panzer aus Bitterkeit.” Jetzt schwieg die Traurigkeit, und ihr Weinen war tief und verzweifelt.Die kleine alte Frau nahm die Traurigek in die Arme “Weine nur, Traurigkeit”, flüsterte sie liebevoll, “ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Ich weiß, dass dich viele Menschen ablehnen und verleugnen. Aber ich weiß auch, dass schon einige bereit sind für dich. Und glaube mir, es werden immer mehr, die begreifen, dass du ihnen Befreiung ermöglichst aus ihren inneren Gefängnissen. Von nun an werde ich dich begleiten, damit die Mutlosigkeit keine Macht gewinnt.” Die Traurigkeit hatte aufgehört zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete verwundert ihre Gefährtin. “Aber jetzt sage mir, wer bist du eigentlich?” “Ich”, antwortete die kleine alte Frau und lächelte still. “Ich bin die Hoffnung!”

— Die traurige Traurigkeit (Not my story)