Isaac Sullivan: UTOPICS 3: Cosmogony, Apocalypse, Utopia. 27. November 2021. St. Matthäus-Kirche Berlin.

Anfänge ohne Ende

Die ephemere Raumintervention "UTOPICS 3: Cosmogony, Apocalypse, Utopia" verbindet sich mit prähistorischen Kosmogonien und archaischen Zyklentheorien. Geschichtsphilosophie als Sedimentationsprozess. Anfang und Ende scheinen ineinander verwoben. Ästhetische Partizipationen spiegeln  holistische Erfahrungen realer Utopie. 

Foto: Roman Mensing

Erkundet auch den Boden, ob er fett oder mager ist, ob mit Bäumen bepflanzt oder nicht! Seid mutig! Bringt auch von den Früchten des Landes mit! Es war gerade die Zeit der ersten Trauben. (Numeri, 13.20)

Foto: Roman Mensing

Jacques Derridas Audio-Essay „What comes before the Question?“

Es wird oft gesagt, dass Philosophen, wenn sie einen Philosophiekurs beginnen, mit der Frage beginnen: "Was ist?" - die Seinsfrage - ist die Antrittsfrage der Philosophie. Sie sagen, dass alles in Griechenland begann, als sich die Philosophen fragten: "Ti esti?" - "Was ist der Sinn von diesem oder jenem?". "Was meinen wir mit dem Wort Sein?". Aber im Grunde ist die erste Frage zu der Frage, die mich beschäftigt hat - ich habe sie nicht erfunden, sie kam aus meinen Lektüren - die erste Frage zu der Frage besteht aus zwei Teilen. Erstens: Ist - wie oft gesagt wird - in der Denkweise Heideggers die privilegierte Form der Philosophie in Frage gestellt? Ist Denken wirklich hinterfragend, wie es oft gesagt wird? Könnte es nicht vor der Frage eine ältere, tiefere und radikalere Bewegung geben, die nicht hinterfragt, sondern eher bejaht.

Isaac Sullivan Isaac Sullivan (geb. 1980, USA) ist ein in Dubai lebender Künstler, dessen Forschungsinteressen unter anderem künstlicher Intelligenz, Klangkunst und der Problematik von Raum und Ort gewidmet sind. Sullivans Projekte und Performances erforschen räumliche und zeitliche Formen der Latenz (im Sinne einer Verzögerungszeit) durch Video, Installation und akustische Intervention. 2019 nahm Isaac Sullivan an der Biennale Arte Venedig | Collateral Events des Europäischen Kulturzentrums teil. 2018 war er auf der Taschkent Biennale und der Beirut Design Week vertreten. Sullivan ist derzeit Assistent Professor of Visual Arts an der Zayed University. Die Raumintervention wurde von dem Fotografen Roman Mensing dokumentiert. Das Projekt wurde von dem Kunstverein Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte e.V. gefördert. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Verena Voigt M.A.  (Member of IKT – International Association of Curators of Contemporary Art).

Instagram: Isaac Sullivan @echoholdings @voigt.verena www.issac-sullivan.com/utopics

Fotocredit: Isaac Sullivan: UTOPICS 3: Cosmogony, Apocalypse, Utopia. 27. November  2021. St. Matthäus-Kirche Berlin. Courtesy the Artist & GFZK e.V. Foto: Roman Mensing

UTOPICS Basisnarrative und Transformationskreisläufe

Nimmt man das Gesamtkonzept von UTOPICS 1 - 3 in den Blick, so zeigt sich, dass es eine vom Künstler gesetzte Basismatrix gibt, die ortsbezogen ist und sich in veränderbaren Transformationskreisläufen realisiert. Vergleicht man die Metaphernfelder, in denen sich UTOPICS 1 in Palazzo Mora (European Culture Centre, Venice, 2019) und UTOPICS 2 (Alserkal Avenue, Dubai, 2019) bewegen, so zeigt sich der Unterschied, der zwischen profanen und gedeuteten Aktionsfeldern liegt. Die ephemere Raumintervention in der Matthäus-Kirche in Berlin (27.12.2021) war durch besondere Momente utopischer Meditation geprägt.

SPACE-IS-YOUR-OWN-EXPRESSION

Die Welt ist rund um das runde Dasein (Gaston Bachelard: La Poetique de l'Espace (1958) Eine anthropologische (künstlerische) Synopse von Covid-19 (2020/2021) Kuratiert von Prof. Ruth Bianco (MT) und Verena Voigt M.A. (DE) Gefördert vom German-Maltese Circle / Goethe-Institut (Malta)

SPACE-IS-YOUR-OWN-EXPRESSION ist ein dokumentarisches Fotokunstprojekt auf Instagram, das das Verständnis von „Raum“ unter den Bedingungen von Covid-19 in Malta erforscht. Es untersucht die Spannungsfelder und Verwischungen zwischen öffentlichem und privatem Raum, die seit dem Ausbruch der Pandemie im März 2020 immer deutlicher hervortreten. Neunzig Fotografien von Kunst- und Architekturstudent:innen, die von der maltesischen Künstlerin und Kunstprofessorin Ruth Bianco unterrichtet werden, vermitteln eine anthropologische Synopsis: 90 offene Fenster bieten Einblicke in ein konzeptionelles „Gebäude“, dessen Räume sich nomadisch, desorientiert und entleert anfühlen. Auf- und Abstiege, Höhen und Tiefen stehen nebeneinander und werden zum Symbol für Stagnation und Widerspruch. Durchdachte ästhetische Korridore verbinden Bilder des angehaltenen Leben der Student:innen. Dieses digitale „Space-House“ vermittelt ein künstliches Gefühl der Verbundenheit. Die invasiven Bedrohungen des ungebetenen Gasts „Covid-19" scheinen auch das Gleichgewicht zwischen privatem und öffentlichem Raum unerbittlich zu stören. Das architektonische Konzept der Instagram-Ausstellung wurde von Professor Ruth Bianco (Universität Malta, Fakultät für Bauumwelt) in Zusammenarbeit mit der deutschen Kunsthistorikerin und Journalistin Verena Voigt M.A. (GFZK e.V.) kuratiert. Die „Architektur des Hauses" ist inspiriert von Gaston Bachelards Schrift "Poetik des Raums" (Paris, 1958). Das Projekt wurde vom German-Maltese Circle  / Goethe-Institut (Valetta) im Rahmen des von Verena Voigt (GFZK e.V.) kuratierten Outreach-Programms ABOUT ORDER gefördert. Die Ausstellung ABOUT ORDER war Teil des Kulturprogramms 2020/2021 des Spazju Kreattiv (Valletta). Es wurde unterstützt von der Berliner Senatsabteilung für Kultur & Europa und der Frank-Basten-Stiftung (Leipzig).  Im Rahmen des Programms wurden die Student:innen gebeten, Werktitel in verschiedenen Sprachen (Englisch, Deutsch, Maltesisch oder ihrer Muttersprache) zu formulieren. Während der Führungen durch die Ausstellung ABOUT ORDER wurden die Resonanzen und subtilen interkulturellen Unterschiede in der Tonalität des (eigenen) Ausdrucks im Vergleich zum Ausdruck des „Anderen“ thematisiert. „Die Welt ist rund um das runde Dasein.“ lautet der Untertitel der Ausstellung SPACE-IS-YOUR-OWN-EXPRESSION. Es ist ein Zitat aus dem letzten Kapitel von Gaston Bachelards "Poetik des Raums". Die auf Instagram zusammenfindenden Konflikterfahrungen, die sich hier sowohl sprachlich als auch fotografisch entfalten können, verdeutlichen was es bedeutet, die „Poetik des Raumes“ zu überfordern - und wie wenig Raum zum Träumen die Pandemie letztendlich übrig lässt.

Sabine Linse / Alexander Laudenberg, Untitled, 2001/2002, Light Box

ABOUT ORDER

Michel Foucault mentions in the Foreword of The Order of Things (Paris, 1966) that some Aphasics could not arrange various colored skeins of wool on a table in an orderly rectangular fashion. Instead they formed small fragmented areas of unconnected islets: In one corner they put the lightest skeins, in another place red ones, somewhere else purple, in other areas softer in texture, and others that have been wound up into a ball." Anyone who has ever read Foucaults The Order of Things recalls the enchanting Borges quote from the "certain Chinese Encyclopaedia", in which he talks about the groups of animals. The animals are divided into 13 different groups: a) animals which belonging to the (Chinese) Emperor b) which are embalmed c) tame d) sucking pigs e) sirens f) fabulous g) stray dogs h) including in the present classification i) frenzied k) drawn with a very fine camelhair brush l) et cetera m) having just broken the water pitcher n) that from a long way off look like flies

ABOUT ORDER, Religion and Ritual, Spazju Kreattiv, Valletta, Malta, 2020, Photo: Sabine Linse

RELIGION AND RITUAL

Anette Kuhn, „Transformation, die sich im Wasser vollzogen hat, in das man eintauchen muss, bevor man auftauchen kann.“, 2008-2010, Drawing with graphite on foam rubber. The work “Transformation that took place in water, into which one has to immerse himself before one can emerge” develops the foam rubber drawings further by inserting a strange “mask” as the central subject. The title refers to possible transformations in and through water. Sports photographs are an important part of the artistic image archive that she has been working on for years. The photographic snapshot of high divers dipping into the water reflects moments of transcendence and dissolution of individuality. Héctor Velázquez Gutiérrez, TOUMANI TOPOGRÁFICO, 2010, Polyester resin and cotton yarn. With TOUMANI TOPOGRÁFICO, Hector Velazquez addresses the relationship between people and the world in which they live. He sees the earth as a body, its surface as skin, which we overwrite with our stories. The red threads on a black background look like fragmented contour lines on a topographical map of an unknown country. A path to survival seems to be reconstructable just by working out human-emotional lines of relationship. Sandra Contreras, Time Traveller, 2020, Linen fabric. Sandra Contrera's embroidered curtain “Time Traveller” creates a fleetingly sketched connection between microcosm and macrocosm. The order structures of the stars with their interplay between light and darkness inspired this installation. The title refers to wandering through often incomprehensible time phases. The impenetrable curtain that closes to the audience, opens up to the viewer's imagination. This meditation was created in the past months of 2020 and is shown for the first time in Malta. On the right wall: Sabine Linse, Mujeres 2014, 7 Photographs. The photo series “Mujeres” (“Women”) by Sabine Linse is, like the “Moosmadonna” and “The Human appears in Holocene”, a reference to the Cranach painter workshop (1472-1586) in Wittenberg (Germany). Individual, mythological figures are shown against a black background and on a small hill. In her artistic work, causal and chronological relationships alternate with symbolic moments that want to be examined in detail. The “Potato Women” belong in the context of rituals and experiments with perishable materials. Behind the stage: Maria Tello, Matematico, Poeta, Musico, 2017, Threads needles and polystyrene. María Tello Gutiérrez explores phenomena of vulnerability and healing in her artistic research. The objects she creates, such as the eye, the stomach, the skull, the skin, act like experimental objects on which she tries out healing methods. Art, magic and ritual come very close to one another. Synapses and arise, but also transpositions between mathematics, music and poetry. The artful connection of the fine threads seems to contain forgotten healing powers and secrets that she wants to rediscover.

ABOUT ORDER. October 16 – December 6, 2020. Part of #SpazjuKreattiv Programme 2020/21. Valletta. Malta

The exhibition ABOUT ORDER by artists Sandra Contreras, Anette Kuhn, Sabine Linse, Mariel Poppe, Héctor Velázquez Gutiérrez and María Tello curated by Verena Voigt adopts fragments of the storyline of Maltese Cultural History and their Dynamics.

Inspired by Michel Foucault's work Les mots et les choses (Paris, 1966) the Berlin Artist Group reflected and overwrote 5 Narratives "found" in MUŻA (Malta’s National Museum of Fine Arts), which describe the canonical Museum Collection under the aspects of 1.) Beauty and Purpose 2.) Signs and Tales 3.) Religion and Ritual 4.) Gates of Europe 5.) Mobility, Connections and Directions

Since 1991, the Berlin Artist Group has exhibited their artistic work together in various spaces. Their collaborations are characterized by common reflections upon philosophical topics, artistic materials and different modes of production. Through these interactions with the Cultural Memory of Malta a mysterious Palimpsest has arisen, comparable to a literary work with enigmatic overwritings.

The exhibition is funded by the Berlin Senate Department for Culture and Europe, German-Maltese Circle, Valletta, Frank-Basten-Stiftung, Leipzig and Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte e.V., Potsdam. The Exhibition ABOUT ORDER was part of the SpazjuKreattiv Programme 2020/21. The show was organized and curated by Verena Voigt M.A., Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte e.V. The OUTREACH PROGRAMME for the exhibition ABOUT ORDER has reflected the cultural fixations of order patterns unter the aspects of SPACE and EXPRESSION. The programme is cooperation of Prof. Ruth Bianco of (Visual Arts Department in the Faculty for the Built Environment, University of Malta, Verena Voigt M.A. (GFZK e.V.) and the Berlin Artist Group. The Instagram-Exhibition SPACE IS YOUR OWN EXPRESSION will be published soon.

Venue: Spazju Kreattiv, Castille Place, Valletta, Malta

ABOUT ORDER, Signs and Tales, Spazju Kreattiv, Valetta, Malta, 2020, Photo: Sabine Linse

SIGNS AND TALES

Mariel Poppe, Fake Towers, 2020, Miniatur bricks, bricks. Mariel Poppe develops the sculptures “Fake Towers” as work groups, which deals with the perception of symmetry and balance. She works since 2011 with brick. They are reminiscent of relics from historical high cultures such as ziggurats and temples, but also of city gates and other brick buildings. "Fake Towers" (2017-19) are miniature bricks in the scale of 1:10. Héctor Velázquez Gutiérrez, Self Portrait, 2018, Polyester resin. In his work, Héctor Velázquez examines the relationship between body and topography. The "Self Portrait" made of polyester shows lines that have been inscribed in the skin like "contour lines" on a topographic map. Like a membrane, the human skin is a double-sided projection surface on which internal and external systems of order are superimposed. We are currently destroying the "skin" of our planet, which in turn is making "inscriptions" on our skin.

ABOUT ORDER, Gates of Europe | Mobility, Connections and Directions, Spazju Kreattiv, Valletta, Malta, 2020, Photo: Sabine Linse  

GATES OF EUROPE | MOBILITY - CONNECTIONS AND DIRECTIONS

Sandra Contreras, Homage to Copernicus and Astrology, 2018, Cotton fabric. The mural “Homage to Copernicus” by Sandra Contreras is part of a trilogy of artistic research on cosmological issues. Two other pieces of fabric (not shown here) are dedicated to the teachings of Pythagoras and Babylonian astrology. Her embroidered curtains follow the structures of nature, body and cosmos and create complex "textures". She does not use a sewing machine, she sews “by hand”. Such hand-made objects have existed since the beginning of mankind and are an expression of individual identity and home.

ABOUT ORDER, Signs and Tales, Spazju Kreattiv, Valletta, Malta, 2020, Photo: Sabine Linse

SIGNS AND TALES

Sandra Contreras, Libro sin Razón, 2014-2015, Cotton fabric. The embroidered object book "Libro sin Razón" by Sandra Contreras is a very personal statement. It was created after completing her thesis in Mexico. For weeks she had dealt with the topics of "physical movement, drawing and self-perception" and the verbalization of her research. The object book arose from the impulse to create something imprecise and illogical. Metaphorics of the organic emerged from the possibilities of manual production. The compendium is made of fabric and thread and, as an open book, measures 190 x 80 cm. María Tello, Dibujo2, 2010, Ink on paper. The work “Dibujo2” created by Marìa Tello shows a personalized scenario. It is about entanglements and injuries within human relationships. The story of this emotional drama remains untold; it can only be guessed at, as general human suffering. The title “Dibujo 2” (“Draft 2”) is not intended to provide any solutions for solving the problem, but only to leave an indelible mark. María Tello, Poema a la mano, 2008, Paper and metal on wood. With her work “Poema a la Mano”, María Tello refers to a poem by the Portuguese poet Fernando Pessoa. The poem is about the fact that neither deities, nor love or misfortune can affect our freedom as human beings. Only these are free, she quotes Pessoa, who do not receive a divine favor. By transforming the poem into an object, María Tello creates a visible narrative that turns against any attempt at salvation of the soul.

ABOUT ORDER, Beauty and Purpose, Spazju Kreattiv, Valletta, Malta, 2020, Photo: Sabine Linse

BEAUTY AND PURPOSE

Sabine Linse, o.T. (Moosmadonna), 2015, Photography. The "Moosmadonna" by Sabine Linse is reminiscent of Christian depictions of the Madonna and their ideals of beauty. The Madonna stands on a moss hill. "Moss" is a reference to a rootless spore plant that thrives in moist and shady soil. Within the work of the artist, the photo was taken in a series entitled "The Human appears in Holocene". The "Holocene" refers to the geological warm phase that followed the Ice Age. The staging of the stand area is a reference to the Cranach painter workshop (1472-1586) in Wittenberg (Germany).