Der Fall Alice Schwarzer. Ihr fragt, ich antworte.

„Sie hat sich immer als moralische Instanz aufgespielt.“

Nein. Sie hat sich für die Abschaffung des Patriarchats eingesetzt, und zwar mit Argumenten, die sie ausführlich (nämlich in 19 Büchern und unzähligen Zeitungsartikeln) benennt und erklärt. Den Argumenten kann man folgen oder nicht, oder man kann einigen folgen und anderen nicht, aber keins der Argumente bedingt, dass Alice Schwarzer ein guter Mensch ist.

„Aber ich habe sie immer für einen guten Menschen gehalten, deshalb bin ich jetzt enttäuscht.“

Gut. Vielleicht lernst du daraus, Menschen differenzierter zu beurteilen. Vielleicht lernst du sogar, Argumente von Menschen zu trennen (aber wahrscheinlich nicht).

„Aber sie macht anderen Leuten Vorschriften und selber will sie sich nicht daran halten.“

Ich habe noch nie gesehen, dass Alice Schwarzer anderem Leuten Vorschriften bezüglich der Versteuerung ihrer Zinsen macht. Sie ist Frauenrechtlerin, keine Steuerrechtlerin.

„Woher hat Alice Schwarzer überhaupt so viel Geld?“

Sie ist seit über vierzig Jahren Bestsellerautorin und seit über dreißig Jahren erfolgreiche Unternehmerin.

„Aber es passt nicht zusammen, sich als Ikone der Frauenbewegung darzustellen und dabei soviel Geld zu verdienen.“

Doch. Sie ist ja keine Ikone der Kommunistischen Internationale.

„Wenn sie ihre Steuerhinterziehung wirklich so aufrichtig bereut, wieso zahlt sie dann nur die Steuern der letzten zehn Jahre nach?“

Weil das Gesetz es so vorsieht. Wenn du so ein Fan von Steuern bist, wieso zahlst du dann nicht mehr, als das Finanzamt verlangt?

„Und warum spielt sie sich jetzt zum Opfer auf?“

Warum fragt ihr das immer nur, wenn es um Frauen geht?

„Also darf man Frauen/Feministinnen nicht kritisieren?“

Doch. Aber es macht die Kritik glaubhafter, wenn man sie nicht mit misogynen Witzchen und antifeministischen Hasstiraden verknüpft.

„Heißt es eigentlich SteuerhinterzieherInnen oder Steuerhinterzieher_innen?“

Beides ist besser als das „generische“ Maskulinum „Steuerhinterzieher“, und Alice Schwarzer wäre die erste, die das so sieht.