Auf Missionstour im Osten
Vom äussersten, auf dem Altiplano gelegenen Westen Boliviens ging es weiter in den flachen, heissen Osten, mit kurzem Zwischenhalt in der Stadt Cochabamba, auf halber Höhe und halber Strecke. Auch hier erfreuten wir uns eines gemütlichen Heimes, denn Serge und Virginie (unsere Freunde aus La Paz) hatten uns bei ihren Freunden Sandrine und Jérémy in Cochabamba angemeldet, die bereits seit drei Jahren ebenfalls für eine Nichtregierungsorganisation arbeiten. Wir haben unsere warmen Pullis gegen kurze Hosen und Trägerhemdchen eingetauscht. Eine wahre Freude.
Weniger erfreulich ist, dass die Stadt eher ein heisses Pflaster ist, in der man gut aufpassen muss, in welches Taxi man steigt, um nicht Opfer eines bösen und oft tödlich endenden Überfalls zu werden (was für Bolivien eher die Ausnahme ist). Ausserdem weniger erfreulich ist, dass die Berge rund um Cocha nicht zu bewandern sind. Ein junger Deutscher wurde vor einigen Monaten während einer Wanderung erschossen, weil er sich wahrscheinlich unwissenderweise einem der vielen, in den bewaldeten Hügeln und Bergen ansässigen, geheimen Drogenlaboren angenähert hat. Sandrine und Jérémy waren in den drei Jahren noch nicht einmal wandern. Cochabamba ist aufgrund der Nähe zum Amazonasgebiet Chapare ein “guter” Drogenumschlagort. Chapare und die nordöstlich von La Paz gelegenen Yungas sind Boliviens Anbaugebiete Nummer 1 für Coca. In unseren westlichen Augen dient die Coca-Pflanze vor allem zur Herstellung von Kokain. Doch die indigene Bevölkerung der Anden (denen Boliviens aktueller Präsident Evo Morales angehörig ist - er ist somit der erste indigene Präsident des Landes) betrachtet die Coca-Pflanze als heilig und verwendet sie seit Jahrhunderten in ihrer natürlichen Form: sie kauen die Blätter, sie machen Tees (Mate) oder verwenden sie für religiöse Zeremonien. Die Coca-Pflanze soll ein gutes Mittel gegen Bauchweh, Müdigkeit, Höhenkrankheit und diverse andere Übel sein. Als ehemaliger Cocalero (Coca-Anbauer) ist Evo Morales viel daran gelegen, den Coca-Anbau auszuweiten. Sein Credo lautet: “Coca ja, Kokain nein”. Er hat die Pflanze in der von ihm neu verabschiedeten Verfassung sogar als bolivianisches Landes- und Kulturerbe erklärt. Damit hat er sich vor allem die USA als Feind aufgehalst, die ihm vorwerfen, bei der internationalen Drogenbekämpfung nicht kooperativ zu sein. Morales wiederum spielt den Industrieländern den Ball zu. Kokainkonsum solle vor allem dort bekämpft werden, wo er stattfindet. Vor der UNO zeigte er, dass ein Coca-Blatt grün und nicht weiss wie Kokain ist. Denn um aus Cocablättern Kokain herzustellen, bedarf es eines langen Prozesses, bei dem einige Chemikalien, Kerosin und Erdöl mit im Spiel sind. Morales will nicht für die falsche Nutzung der Coca-Blätter anderer Nationen verantwortlich gemacht werden. Doch wie er sich zu den Drogenlaboren um Cochabamba positioniert, ist mir nicht klar. Wir haben es hier mal wieder mit einem äusserst komplexen Thema zu tun, mit sehr ambivalenten Ansagen, Handlungen und Zielen. Es macht neben den landschaftlichen Grossartigkeiten Bolivien aus politischer und wirtschaftlicher Sicht zu einem wahnsinnig spannenden Land.
Von Cochabamba ging es weiter nach Santa Cruz, die zweitgrösste Stadt Boliviens. Während man so durch die Stadt mit erstaunlich flach gehaltenen Häusern schlendert, hat man eher das Gefühl, sich in einer Telenovela anstatt in Bolivien zu befinden. Das Altiplano-Bolivien südlich und rund um La Paz scheint mit dem Bolivien im tropisch heissen Santa Cruz nicht viel gemein zu haben. Hier tragen die Mädels vorzugsweise Hot Pants und Push-ups, während die neureichen jungen Burschen mit ihren Umweltschweinautos durch die Strassen cruisen. Die vielen amerikanischen Filme und Serien, die in Bolivien (bzw. in allen bisher von uns bereisten Ländern Südamerikas) grossen Anklang finden, scheinen hier ihre grössten Nachahmer zu haben. Der goldene Westen (bzw. neoliberale Kapitalismus) in seiner unschönsten Form. Jedenfalls ist das unser erster Eindruck und soll auch kein allgemeingültiges Urteil sein. Aber kein Wunder, dass Evo Morales’ grösste Opposition aus dem industriellen, mit vielen Firmen dotierten Santa Cruz stammt. Es ist dennoch interessant, auch dieses Bolivien zumindest für kurze Zeit gesehen zu haben.
Der eigentliche Grund für unseren Zwischenstopp war unser Vorhaben, uns die jesuitischen Missionen in der Region Chiquitania östlich von Santa Cruz anzuschauen. Was hat es damit auf sich? Im 17. Jahrhundert haben evangelische Jesuiten aus Europa in den abgelegenen, tropischen Gegenden Argentiniens, Paraguays und Boliviens die einheimische Bevölkerung zum evangelischen Glauben umerziehen wollen und sogenannte “Missionen” gebildet. Diese zeichneten sich durch eine bestimmte Rangordnung und Anordnung der Kirchen und Häuser aus. Eine andere Art der Kolonialisierung, die viele kontroverse Meinungen hervorbrachte. Jedoch scheinen sich die Geschichtsschreiber einig zu sein, dass sie deutlich milder war, als die Kolonialisierung bzw. gnadenlose Ausbeutung durch die spanischen Konquistadoren. In Bolivien war vor allem der Schweizer Priester Martin Schmidt von grosser Bedeutung. Er liess in den Orten San Xavier, Concepión und San Rafael de Velasco Holzkirchen errichten, erfand Instrumente und machte sich als Komponist einen Namen. Weitere Kirchen wurden in San Ignacio de Velasco, Santa Ana, San José de Chiquitos und San Miguel errichtet. Aus verschiedenen geschichtlichen Gründen wurden die Pfarrer gegen Ende des 18. Jahrhunderts aus Südamerika vertrieben und die Missionen verfielen immer mehr. Allein die Kirchen blieben erhalten, jedoch waren sie in einem fürchterlichen Zustand, bis der Schweizer Architekt Hans Roth sich ihrer super aufwendigen, 25 Jahre andauernden Restaurierung annahm. Diese Kirchen zeichnen sich durch eine spezielle Bauweise, Holz als vorwiegendes Baumaterial und viele tolle Wandmalereien aus. Man hat fast das Gefühl, man stünde vor einem Bergchalet und das inmitten des feucht-heissen Ostens Boliviens.
Man muss schon etwas verrückt sein, um 1100km vorwiegend auf Schotterpisten zu hinterlegen, um ein paar Kirchen zu besichtigen. Diese Missionen-Runde hatte es in der Tat in sich. Geplagt von der Hitze und den Mücken hatten wir so einige schlaflose Nächte. Fernab von der üblichen Touristen-Route sind die Leute eher weniger auf Touristen eingestellt. Das war in einigen Orten durchaus angenehm, in anderen wiederum problematisch. Die oft vollkommen runtergekommenen Busse von einem Missionsort zum nächsten fahren meist nur einmal am Tag. Je nach Busfirma (montags ist es die eine, dienstags die andere und so weiter und so fort) fährt der Bus mal morgens um 6 Uhr, mal nachmittags um 15 Uhr, mal an der einen Ecke des Hauptplatzes, mal an der anderen, ab. Da sind Missverständnisse vorprogrammiert. Wir haben uns aufgrund dieses Wirrwarrs mal so richtig mit ein paar Busfahrern in die Haare gekriegt… Aber die Anstrengungen haben sich dennoch gelohnt. Wir haben unheimlich schöne, einzigartige Kirchen zu Gesicht bekommen, mit einer einmaligen Geschichte. Wir haben ein anderes Bolivien kennengelernt. Und wir sind mit dem Zug gefahren. Denn von Santa Cruz bis nach San José de Chiquitos, dem ersten Missionsort, kann man dies tun – 8 Stunden lang. Nach all den vielen, anstrengenden Busfahrten hat Zugfahren magische Anziehungskraft. Wahrscheinlich hätte ich relativ schnell von dieser weit abgelegenen Missionenrunde Abstand genommen, wenn Niko nicht so entschlossen gewesen wäre, sich zu diesem Unesco-Weltkulturerbe aufzumachen. Denn er hatte die Bilder des Films “Mission” ganz deutlich im Kopf, den er zu Schulzeiten gesehen hatte. Der französische Regisseur Roland Joffré hat 1986 mit diesem Film, mit Robert de Niro in der Hauptrolle, in Cannes gewonnen. Er handelt von den letzten Tagen eines jesuitischen Pfarrers in Südamerika. Vielleicht ein guter Film für lange Winterabende?
Landschaftlich hebt sich dieser Teil Boliviens deutlich von den Bergen und Ebenen des Altiplanos ab. Es ist eine Mischung aus Steppe und Regenwald und während wir so durch die grünen, jedoch nicht so hohen und dichten Wälder holperten, hatte ich fast den Eindruck, in Afrika zu sein. Die in den westlichen Medien immer wieder – zu recht – thematisierte Abholzung scheint auch in dieser Gegend nicht Halt gemacht zu haben. Immer wieder entdeckten wir brennende Stellen und fuhren an vielen Rinder-Ranches vorbei, auf deren weiten, grünen Wiesen Kühe zwischen Baumstumpfen grasen. Sie sind die traurigen Zeugen und Überreste eines vorher intakten Waldes, der für den exsessiven Fleischkonsum der lokalen Bevölkerung und für den lukrativen Rindfleisch-Export Platz machen musste. Es gibt uns zu denken und unterstützt unsere Entscheidung, kein Fleisch mehr zu essen.
Das Ende unserer Missionenrunde führte uns wieder nach Santa Cruz, von wo aus wir einen Nachtbus in die weisse Kolonial-Stadt Sucre nahmen. Diese 16-stündige Holpertour geht in unsere Tagebücher als schlimmste Fahrt ein. Ich kann immer noch nicht glauben, dass diese beiden wichtigen Städte über Staubpisten miteinander verbunden sind. Wir versuchen uns die wahrscheinlich tollen Berglandschaften vorzustellen, die wir hoch- und runterrumpeln. Die meisten Strecken in Bolivien lassen sich bedauerlicherweise nur per Nachtbus zurücklegen. Wir sind frustriert, weil wir somit zwischen unseren Haltepunkten kaum etwas vom tollen Land zu sehen bekommen und wir sind frustriert, weil wir auf den Buckelpisten kein Auge zu bekommen. Reisen hat eben auch seine anstrengenden Seiten. Doch die wunderschöne Stadt Sucre wusste uns zu entschädigen. Wir haben mal alle Viere von uns gestreckt, sind Stammgäste im Café Florin geworden (zu lecker das Essen und das von einem Holländer selbst gebraute Bier) und waren in einem netten Hotel mit Garten, Küche und einem gemütlichen, an eine Einraumwohnung erinnernden Zimmer.
Unsere Berichterstattung ist momentan nicht zeitgleich mit unseren Erlebnissen. Anders ausgedrückt: Wir hängen hinterher. Wir werden euch auch in den nächsten Tagen noch ein wenig von Bolivien erzählen, obwohl wir seit ein paar Tagen dieses tolle Land verlassen haben und nun in die argentienische Welt eintauchen.