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“Je unschuldiger ein Mädchen ist, desto weniger weiß sie von den Methoden der Verführung. Bevor sie Zeit hat nachzudenken, zieht Begehren sie an, Neugier noch mehr und Gelegenheit macht den Rest. ”

—Casanova

“Eine Zigarette ist der Inbegriff eines vollendeten Genusses. Er ist köstlich, und er läßt einen unbefriedigt. Was kann man mehr verlangen?”

—Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray, Frankfurt am Main und Leipzig 2002, S. 111.

“»Ich bin Big O«: kurz, der primordiale, nicht- kastrierte große Andere, der als solcher nichts will. »Vielleicht bin ich dein Missing Piece?«, frägt Missing Piece hoffnungsvoll, worauf Big O antwortet: »Aber mir fehlt kein Teil. Es gibt bei mir gar keinen Platz für dich.« »Das ist zu schade«, sagt Missing Piece, »Ich hatte gehofft, daß ich vielleicht mit dir rollen könnte... « – »Du kannst nicht mit mir rollen«, sagt Big O, »aber vielleicht kannst du von alleine rollen«. »Von alleine? Jemand wie ich kann doch nicht von alleine rollen!« – »Hast du es denn jemals versucht?« – »Ich habe doch Ecken und Kanten. Ich bin fürs alleine rollen nicht gemacht.« – »Ecken und Kanten schleifen sich ab und Formen verändern sich«, sagt Big O und rollt davon. Wieder allein, stellt Missing Piece sich langsam auf eine Kante, plumpst vorn über und lernt langsam zu rollen; seine Kanten beginnen sich abzuschleifen und bald rollt es unbekümmert weiter anstatt zu purzeln, und es schließt sich wieder Big O an, begleitet Big O und ist an Big O als eine kleine Sphäre an der Grenze der großen Sphäre festgemacht: der kleine andere, der wie ein Parasit am großen Anderen hängt –[...].”

Slavoj Žižek, Lacan in Hollywood, Wien 2000, S. 5ff.

Was ist es noch?

Eine Erinnerung, die hin und wieder vorbeischaut?

Ein Schmerz, der sich dann und wann meldet?

Ein Begehren, dass man an etwas festmacht?

Eine Sehnsucht, die manchmal gestillt werden will?

Ein Gefühl, das noch irgendwie schweelt?

Erinnerungen werden mit der Zeit nur mehr zu Bildern.

Schmerzen vergehen, wenn alles verheilt.

Begehren kann sich ändern und Sehnsüchte auf andere Weise gestillt werden.

Und Gefühle? Gefühle werden verletzt …

Aber was ist es noch?

“F A D I N G. Schmerzliche Prüfung, bei der das geliebte Wesen sich von jedem Kontakt zurückzuziehen scheint, ohne daß diese rätselhafte Gleichgültigkeit gegen das liebende Subjekt gerichtet oder zugunsten dessen geltend gemacht würde, was sonst im Spiel ist, Welt oder Rivale. 1. Im Text ist das Fading der Stimmen eine willkommene Angelegenheit; die Stimmen der Erzählung kommen, gehen, verhallen, durchkreuzen einander; man weiß nicht wer spricht; es spricht, das ist alles: kein Bild mehr, nichts als Sprache. Aber der Andere ist kein Text, er ist Bild, eines und verwachsend; wenn die Stimme sich verliert, verflüchtigt sich auch das ganze Bild (die Liebe ist monologisch besessen; der Text ist heterologisch, pervers). [...] 2. Es gibt Alpträume, in denen die Mutter auftaucht, das Antlitz zu einer strengen und kalten Miene verdüstert. Das Fading des Liebesobjektes ist die schreckliche Wiederkehr der Bösen Mutter, der unerklärliche Rückzug der Liebe, die bekannte Verlassenheit der Mystiker: Gott existiert, die Mutter ist da, aber sie liebten nicht mehr. Ich bin nicht zerstört, aber da liegengelassen wie ein Stück Abfall. 3. Die Eifersucht bereitet weniger Leiden, denn der Andere bleibt dabei lebendig. Im Fading dagegen scheint der Andere jede Begierde fahren zu lassen, er wird von der Nacht aufgesogen. Ich bin vom Anderen verlassen, aber dieses Verlassensein vermehrt sich um das Verlassensein, von dem er selbst betroffen ist; sein Bild ist von der verwaschenen, abgelegten Art; ich kann an nichts mehr Rückhalt finden, nicht einmal mehr an der Begierde, die der Andere anderswohin richtet: ich bin in Trauer um ein Objekt, das selbst trauert (von daher wird verständlich, in welchem Maße wir der Begierde des Anderen bedürfen, selbst wenn diese Begierde nicht uns gilt). 4. Wenn der Andere im Fading versinkt, wenn er sich zurückzieht, um nichts, es sei denn um einer Angst willen, die er nicht anders zum Ausdruck bringen vermag als mit den dürftigen Worten: 'ich fühle mich nicht wohl', scheint er in einem Nebel in die Ferne zurückzuweichen; durchaus nicht tot, aber eine verschwommene Gestalt im Reiche der Schatten; Odysseus hat ihnen einen Besuch abgestattet, sie beschworen (Nekyia); unter ihnen weilte der Schatten seiner Mutter; ich nenne, ich beschwöre so den Anderen, die Mutter, aber was da heraufkommt, ist lediglich ein Schatten. [...]”

—Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Henschen. Frankfurt am Main 1988, S. 106ff.

Dessous le Pont de Nantes

Sonerien Du

Sonerien Du: Dessous le Pont de Nantes. In: Gwerz Penmarc’h. Arfolk, 1978.

“Das Begehren gewinnt Gestalt in der Spanne, in der der Anspruch sich vom Bedürfnis losreißt: wobei die Spanne eben die ist, die der Anspruch (dessen Apell bedingungslos nur an den Andern sich richten kann) auftut in Form eines möglichen Fehlens, das das Bedürfnis hier beitragen kann, weil es keine universale Befriedigung kennt (was man Angst nennt). So linear diese Spanne auch sein mag, sie bringt ihren Taumel zum Ausdruck, wenn nur nicht der Elefantentritt eines launischen Andern sie einebnet. Desungeachtet führt aber diese Laune das Phantom der Allmacht ein, zwar nicht des Subjekts, aber des Andern, in dem sich sein Anspruch einnistet (es wäre an der Zeit, daß dieses schwachsinnige Klischee ein für allemal und einmal für alle an seinen rechten Platz gerückt würde) – […]. […] Hier läßt sich erkennen, daß die Unwissenheit, der der Mensch in bezug auf sein Begehren verhaftet bleibt, weniger eine Unwissenheit ist in bezug auf das, was er beansprucht (das läßt sich ja letztlich ausmachen), als vielmehr eine Unwissenheit hinsichtlich des Punkts, von wo aus er begehrt. Eine Antwort darauf stellt unsere Formel dar, daß das Unbewußte Diskurs des Anderen ist, besser: über den Anderen im Sinne des lateinischen (als objektive Bestimmung): de Alio in oratione (tua res agitur, wie man ergänzen könnte). Dem wäre aber hinzuzufügen, daß das Begehren des Menschen das Begehren des Andern ist, wobei diesmal das ‘des’ in dem Sinn zu nehmen ist, den die Grammatiker subjektiv nennen, d.h. daß der Mensch als Anderer begehrt (worin die wahre Tragweite der menschlichen Leidenschaften liegt). Darum ist die Frage nach dem Andern, die zum Subjekt zurückkommt von dem Platz aus, wo es ein Orakel erwartet – in der Form eines che vuoi?, Was willst du? –, die Frage, die am allerbesten auf den Weg seines eigenen Begehrens führt […].”

—Jacques Lacan: Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewußten, in: Norbert Haas (Hg.): Jacques Lacan - Schriften II, Weinheim und Berlin 1991, S. 189f.

“Die erotische Begegnung beginnt mit der Betrachtung des begehrten Körpers. Bekleidet oder nackt ist der Körper eine Gegenwart: eine Gestalt, die für einen Augenblick der Inbegriff aller Formen der Welt ist. Sowie wir diese Gestalt umarmen, hören wir auf, sie als Gegenwart zu sehen, und umfangen sie als etwas Konkretes und Greifbares, das gleichwohl grenzenlos ist. Indem wir diese Gegenwart umarmen, hören wir auf, sie zu sehen, und sie selbst hört auf, etwas Gegenwärtiges zu sein. Auflösung des begehrten Körpers: Wir sehen nur noch Augen, die uns anblicken, einen Hals, vom Lampenlicht beschienen und sogleich wieder ins Dunkel getaucht, einen weiß schimmernden Schenkel, den Schatten, der vom Nabel zum Geschlecht hinabsteigt. Jedes dieser Teile existiert für sich allein, aber weist hin auf den ganzen Körper. Auf diesen Körper, der plötzlich endlos geworden ist. Der Körper meines Partners hört auf, eine Gestalt zu sein und verwandelt sich in eine formlose und unendliche Substanz, in der ich mich verliere und zugleich wiederfinde. Wir verlieren uns als Personen und finden uns wieder als Empfindungen. Je stärker die Empfindung, desto grenzenloser der Körper, den wir umarmen. Ein Gefühl des Unendlichen: Wir verlieren unseren Körper in diesem Körper. Die körperliche Liebe ist die Vollkraft des Körpers und der Verlust dess Körpers. Auch sie ist die Erfahrung des Identitätsverlustes: Auflösung der Formen in tausend Empfindungen und Visionen, Versinken in einer ozeanischen Substanz, Verflüchtigung aller Wesenheit. Es gibt weder Form noch Gegenwart; es gibt die Woge, die uns wiegt, den Ritt durch die Weite der Nacht. Eine zirkuläre Erfahrung: sie beginnt mit dem Schwinden des Körpers des Partners, verwandelt in endlose Substanz, die pulsiert, sich ausdehnt, sich zusammenzieht und uns in die Urwasser taucht; einen Augenblick später verflüchtigt sich die Substanz, der Körper wird wieder Körper, und die Gegenwart taucht wieder auf. Wir können die geliebte Frau nur sehen als eine Gestalt, die eine unbeugsame Andersheit ins sich birgt, oder als Substanz, die sich selbst aufhebt und uns aufhebt.”

—Octavio Paz: Die doppelte Flamme, Frankfurt/Main 2001, S. 242/243

“Trennmesser des Wertes”

—RB, Begehren des Textes

“Das tiefe Begehren, das realste Begehren ist dann in einem, wenn man zum ersten Mal auf jemanden zugeht. Das löst das Knistern aus. Danach erst kommen Mann und Frau ins Spiel. Aber das, was zuvor geschah- was die gegenseitige Anziehung auslöste-, kann man nicht erklären. Es ist das Begehren in seiner ursprünglichsten, reinsten Form. Wenn das Begehren in diesem ursprünglichen Zustand ist, verlieben sich Mann und Frau in das Leben, kosten jeden Augenblick ehrfürchtig und ganz bewusst aus und feiern jeden dieser Augenblicke wie eine Segnung. Solche Menschen kennen keine Eile, sie überstürzen nichts, tun nichts Unbedachtes. Sie wissen, dass das Unausweichliche geschieht, dass die Wahrheit immer wirksam wird. Sie packen jede Gelegenheit beim Schopf und lassen keinen magischen Augenblick ungenutzt verstreichen, weil sie wissen, wie wichtig jede einzelne Sekunde ist.”

—Paulo Coelho-Elf Minuten

“Noch immer über der verstaubten Gruft In der sie liegt, die er nicht haben durfte So oft er auch um ihre Wege schlurfte Erschüttert doch ihr Name uns die Luft. - Denn er befahl uns, ihrer zu gedenken Indem er auf sie solche Verse schrieb Daß uns führwahr nichts andres übrig blieb Als seinem schönen Lob Gehör zu schenken. - Ach, welch Unsitt bracht er da in Schwang Als er mit so gewaltigem Lobe lobte Was er nur angesehen, nicht erprobte! - Seit dieser schon beim bloßen Anblick sang Gilt, was hübsch aussieht und die Straße quert Und was nie naß wird, als begehrenswert.”

—Bertolt Brecht: Sonett über die Gedichte des Dante auf die Beatrice zitiert nach Walter Benjamin: Brief an Gershom Scholem vom 8. April 1939, in: Gershom Scholem (Hg.): Benjamin - Scholem- Briefwechsel 1933-1940, Frankfurt am Main 1980, S. 306.

“Ohne Zweifel, der Surrealismus ist auch jenes grenzenlose Vertrauen auf die Kräfte der Imagination und des Traums, die ganz und gar nicht kleinliche Hoffnung, daß der Mensch sich müßte entfalten können, den Spuren seines Begehrens folgend wie die Kinder, die niemals schlafen müssen. Und er ist die Revolte gegen die in der Nutz- und Sinnlosigkeit endende Spirale nützlicher Tätigkeiten. Aber er ist nicht nur das, sondern zugleich Ausdruck einer Verzweiflung am Leben, die den Menschen ergreift und ihn zwingt, sich von ihr her zu bestimmen.”

—Peter Bürger: Der französische Surrealismus. Studien zur avantgardistischen Literatur.

“Es wäre eine große Täuschung, wollte man in Don Juan einen Menschen sehen, dessen geistige Nahrung der Prediger Salomonis sei. Denn für ihn ist nichts mehr eitel, es sei denn die Hoffnung auf ein anderes Leben. Er beweist das, da er sie gegen den Himmel selbst ausspielt. Das Bedauern darüber, im Genießen das Begehren verloren zu haben - dieser Gemeinplatz der Impotenz liegt ihm fern. Der steht Faust gut, der stark genug an Gott glaubte, um sich dem Teufel zu verschreiben. Bei Don Juan liegt die Sache einfacher. Der Burlador Molinas antwortet auf alle Drohungen der Hölle: " Oh, daß du mir lange Frist gewährtest!" Was nach dem Tode kommt, ist belanglos - und wie lang ist die Reihe der Tage für den, der zu leben weiß! Faust begehrte die Güter dieser Welt: Der Unglückliche brauchte nur die Hand auszustrecken. Seine Seele nicht zu erfreuen wissen, hieß schon, sie verkaufen. Don Juan dagegen erzwingt den Überdruß. Wenn er eine Frau verlässt, so tut er das keineswegs, weil er sie nicht mehr begehrt. Eine schöne Frau ist immer begehrenswert. Aber er begehrt eine andere, und das ist - wahrlich! - nicht dasselbe. ”

—Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos. Hamburg, 2010. S. 94/95.
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